Aber, Aria: Good Girl

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Den heutigen Roman meines Büchertischs habe ich beim Lesungsabend der Leipziger Buchmesse nicht von der Autorin vorgestellt bekommen, da diese leider absagen musste. Stattdessen übernahm diesen Job das Moderator:Innenduo des Abends. Linn Penelope Micklitz und Josef Braun haben dies so gut gemacht, dass ich im Nachgang auf jeden Fall ihren Podcast „Wasser und Buch“ hören wollte und diesen Roman gekauft habe. Aria Aber ist in Deutschland aufgewachsen, lebt aber mittlerweile in den Vereinigten Staaten. Sie hat zuvor schon einen Gedichtband veröffentlicht, ihr 2025 im Claassen Verlag erschienener Roman „Good Girl“ ist ihr Debüt.

„Ich wollte keine Tradition, keine althergebrachten Strukturen. Nicht das, was meine Eltern und in diesem Land nicht erreichen konnten. Dieses Leben der Menschen, diese Normalos und Spießer.

Aber, Aria: Good Girl, Claassen Verlag 2025, S.177.

Dieser Roman schildert uns die Geschichte der 19-jährigen Nila, die als Tochter afghanischer Geflüchteter in Berlin versucht, ihre Identität zu finden, die sich bewusst von ihren Eltern abgrenzt. Nilas Eltern sind nach Deutschland gekommen, um ein gutes Leben, ein Leben, welches einem klischeehaften Werbekatalog entsprechen soll, zu führen. Natürlich offenbart sich dies als Trugschluss, doch die eigentliche Tragik ist, dass ihre Tochter kein anderes Ziel hat, als genau jenes der Eltern zu unterlaufen. Sie verlässt die Sicherheit des elterlichen Heimathauses und begibt sich in eine Freiheit, die aber auch Gefahren birgt. Für mich zeigt sich in diesem Roman die schonungslose Wirklichkeit eines jungen Menschen mit Migrationshintergrund. Nila wächst in einem Berliner Plattenbau auf, doch in diesem entfremdet sie sich zunehmend von der eigenen Geschichte, möchte quasi vor dieser flüchten. Ihre Eltern müssen in Deutschland erleben, dass sie als gut ausgebildete Fachkräfte nun mit Sprachbarrieren, Behördengängen und sozialer Ausgrenzung konfrontiert werden. Genau diesen Erfahrungen möchte sich Nila verweigern. Der Tod der Mutter unterstreicht die Perspektivlosigkeit ihres Lebens mit dem Vater, und so gehört zu ihrer Flucht aus dem Elternhaus auch das Erfinden neuer Biografien. Nilas Leben wird somit zu einem fiktionalen Spiel. Ihren Freunden erzählt sie nichts von der Herkunft ihrer Eltern, erklärt sich selbst zu einer Tochter südländischer Europäer:Innen. Wir folgen ihrem Spiel, denn die gesamte Geschichte wird nur aus ihrer Perspektive erzählt und somit erhalten wir direkten Zugang zu ihrer Gedankenwelt.

Als Nila Marlowe Wood kennenlernt, ergibt sich für sie eine neue Perspektive. Der ältere amerikanische Schriftsteller ist charmant und anziehend. Sicherlich kann man in ihrem Wunsch für diese Beziehung auch den Versuch sehen, sich einer anderen Vaterfigur zuzuwenden. Marlowe entführt sie in eine andere Welt,  zeigt ihr Freiheiten und ist doch zugleich bestimmend.

„Wir waren alle in seiner Umlaufbahn gefangen, wie Fliegen im zähen  Netz einer Spinne. Marlowes Story kulminierte in einer leisen Pointe, und die Körper der anderen reagierten mit einigen Sekunden Verzögerung,  als wäre er der Dirigent, der ihre Bewegungen orchestrierte.“

Aber, Aria: Good Girl, Claassen Verlag 2025, S.91.

Nila lässt sich in eine toxische Beziehung hineinziehen. Marlowe und sie haben leidenschaftlichen Sex, der aber auch Elemente der Gewalt enthält. Marlowe ist selbst psychisch instabil, ihre Beziehung changiert zwischen Leidenschaft,  Zuneigung und Manipulation inklusive Gewalt. Marlowe ist längst nicht mehr erfolgreich, und  deshalb ist sein Versprechen an Nila, ihr Zugang zur Welt der Kunst zu verschaffen, nur noch ein begrenztes. Nila, die aus ihrer Identität als Tochter einer Flüchtlingsfamilie in  das Berliner Partyleben flüchtet, begibt sich in eine gefährliche Abhängigkeit. Statt die eigene Identität zu stabilisieren, verliert sie sich in einer von Drogen geprägten Partywelt. Diese Freizeitgestaltung ist ein klassischer Weg der Verdrängung und in diesem Roman dicht und mit passender Metaphorik geschildert. Das Lesen dieses Romans ist auch deshalb intensiv, denn man folgt dieser Selbstzerstörung aufgrund der Ich-Perspektive so nah, dass man dies förmlich selbst spürt. Marlowes Status als Schriftsteller verleiht ihm zum einen eine gesellschaftliche Autorität, zum anderen ist sein Scheitern ein Spiegel für Nilas Entwicklung. Sie muss schlussendlich erkennen, dass es ihr nicht gelingen kann, ihre Heimatidentität gänzlich abzustreifen. Die von ihr gewählten fiktionalen Biografien müssen immer fiktional bleiben und können ihre Realität nicht ersetzen. Dies ist schlussendlich jedoch keine tragische Erkenntnis, sondern zeigt dann doch, dass dieser Roman auch eine Entwicklungsgeschichte beinhaltet.

„Ich verließ diese Treffen verwirrt und verletzt von meinen Lebensumständen, und meine Wunden brannten weiter und weiter, und irgendwann quoll aus ihnen eine zügellose Wut.“

Aber, Aria: Good Girl, Claassen Verlag 2025, S.109.

Wut ist in diesem Roman ein zentrales Thema und die sprachliche Ausgestaltung von Aber stützt  dies. In der Beziehung der Figuren Nila und Marlowe werden verschiedene Stadien von Wut sichtbar, die zugleich ein Antriebsmotor für Nilas Entwicklung sind. Die Sprache ist roh, der Text arbeitet mit kurzen, intensiven Szenen und gleicht damit einem schnellen Technobeat. Immer wieder wird dies durch innere Monologe durchbrochen, die pointierte Darstellungen von Nilas Gefühlswelt sind. Aria Aber versteckt die zentralen Aussagen nicht hinter Metaphorik, doch es ist genau diese Drastik, welche das Buch so intensiv macht. Wenn man Verständnis für ihre familiäre Herkunft entwickelt, dann merkt man dabei, wie ernüchternd ihre Perspektive ist. Die Hoffnung auf ein besseres Leben hat ihren Eltern in Deutschland Sicherheit gebracht, aber eben keine wirtschaftliche und zudem ein Leben, welches von Ausgrenzung gezeichnet ist. Ich mag es, wenn es Texten gelingt, mir eine solche Perspektive, die mir im eigenen Leben unbekannt ist, näherzubringen.

Fazit:

Die Intensität dieses Romans hat mich mitgerissen. Allerdings habe ich etwas Zeit benötigt, um in diesen Text hineinzukommen. Aria Aber hat ein hohes Erzähltempo und schildert das Leben einer jungen Frau im Spannungsfeld zwischen ihrer Herkunft und dem Versuch, sich selbst zu finden, dabei auch neu zu erfinden. Letzteres bleibt am Ende nur ein symbolisches Ziel und dies ist eine Stärke des Romans. Die Sucht nach Zugehörigkeit mündet in einem drogengeprägten Partyleben inklusive einer toxischen Beziehung. Durch die gewählten kurzen Szenen wird die Rauschhaftigkeit wunderbar geschildert, die inneren Monologe sind Ausdruck der Zerrissenheit der Hauptfigur. Der Roman fordert mich mit seiner emotionalen Härte heraus, zeigt mir Schattenseiten des Lebens und gibt mir neue Blickwinkel auf unser gesellschaftliches Zusammenleben. Dieses Romandebüt ist ein Leseereignis.

Werbung aus Liebe zum Buch

Wertung: 🐧🐧🐧🐧🐧

Titel: Good Girl

ISBN: 978-3-54610-096-0

https://www.ullstein.de/werke/good-girl/hardcover/9783546100960

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