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In meinem Lesemonat Januar widme ich mich vielen Büchern, die unsere aktuelle gesellschaftliche Entwicklung im Blick haben. Bei einem Buchhandlungsbesuch bin ich auf das Buch der Kulturwissenschaftler Aleida und Jan Assmann gestoßen. Ich bin beiden schon während meines Germanistikstudiums begegnet und habe ihre wissenschaftlichen Ausarbeitungen immer klar und fundiert empfunden. Ihr bei Beck 2024 erscheinendes Buch „Gemeinsinn“ ist ihr letztes gemeinsames Werk. Jan Assmann starb nach der Arbeit an diesem Buch. Ihr Buch widmet sich der Frage, was unsere Gesellschaft zusammenhalten kann, und damit soll eine zeitgemäße Antwort auf die zunehmende Polarisierung gefunden werden. Ziel dieser Polarisierung ist nämlich immer, dass unsere Gesellschaft sich weiter aufspaltet. Der Gemeinsinn ist für sie der grundlegende Sinn unseres Zusammenlebens, und dies versucht das Buch anhand eines Blicks auf emotionale und moralische Rahmenbedingungen zu erläutern.
„Die aktuelle Krise der Demokratie hängt direkt mit einem Verlust des Gemeinwohlgedankens zusammen. Die regulative Idee des Gemeinwohls ist gegenwärtig in einigen Demokratien durch das oberste Ziel des Machterhalts der eigenen Partei und einen rücksichtslosen Wettbewerb um die Gunst der Wähler ersetzt worden.“
Assmann, Aleida und Jan: Gemeinsinn, C.H. Beck Verlag 2024, S.20.
Sicherlich handelt es sich hierbei um ein deutliches Zitat, welches dem politischen System kein gutes Zeugnis ausstellt. Ich sehe dieses Zitat als zutreffend an und finde, damit offenbart das Autorenteam, warum ihnen dieses Buch so wichtig ist. Das Buch gliedert sich in Kapitel, welche sich zunächst dem Wort und einer Begriffsbestimmung widmen. Aleida und Jan Assmann verstehen Gemeinsinn als eine Form unseres sozialen Empfindens und Handelns, die eben nicht bei unserer persönlichen Grenze Halt macht. Stattdessen wirkt man dabei in die Gesellschaft hinein und verbindet sich mit anderen Menschen. Die beiden Kulturwissenschaftler erläutern, dass die Idee seit der Aufklärung zu einem zentralen Gedanken unserer Lebensverhältnisse geworden ist. Jedoch sind die dort verankerten Grundelemente bis in unsere heutige Zeit abgeschliffen worden und die zentrale Bedeutung hat extrem abgenommen. Deshalb möchte das Autorenduo diesen Sinn wieder ins Gedächtnis von uns allen bringen und aufzeigen, wie wir ihn stärken und wie dies zugleich eine Stärkung unserer demokratischen Kultur mit sich bringt. Hierfür müssen wir uns bewusst werden, dass wir als Menschheit eine gemeinsame kulturelle Basis haben und diese in Demokratien wichtig für das Funktionieren ist. In ihren Analysen versuchen sie festzulegen, welche Bedingungen einen starken Gemeinsinn fördern, aber auch welche ein Hindernis darstellen. In ihrem Gang durch die Philosophiegeschichte präsentieren sie die verschiedenen Menschheitsbilder, die in der politischen Philosophie eine Rolle spielen. Wichtig ist es dem Autorenteam, dass wir unseren Weg zurück zu diesem wichtigen sozialen Sinn finden, denn dies ist eine wichtige Kulturfähigkeit.
„Beim Gemeinsinn, wie wir ihn verstehen, werden individuelle und kollektive Interessen zurückgestellt und der Blick auf etwas Übergreifendes gerichtet, das uns jenseits von Herkunft und Zugehörigkeit verbindet.“
Assmann, Aleida und Jan: Gemeinsinn, C.H. Beck Verlag 2024, S.37.
In diesem Zitat wird der soziale Sinn grob definiert. Im Verlauf des Buches betrachtet das Autorenduo verschiedene Aspekte unseres Zusammenlebens, bei denen wir erkennen, was förderlich für Gemeinsinn ist. Indem wir diesen Sinn fördern, sorgen wir automatisch für eine Stärkung der demokratischen Kultur. Unsere aktuelle Debattenkultur ist allerdings von Antagonismen geprägt. In ihren Analysen zeigen sie auf, wie der „Gemeinsinn“ in der Geschichte schon missbraucht wurde. Eindringlich ist dies am Beispiel des Nationalsozialismus zu sehen, und deshalb ist es wichtig, dass wir eine funktionierende Erinnerungskultur haben. Universale Werte wie Solidarität und die rechtlich festgeschriebenen Menschenrechte stehen in direkter Verbindung. Zivilgesellschaftliches Engagement bietet verschiedene Beispiele für funktionierende gemeinschaftliche Projekte. Durch unsere Arbeit in solchen Projekten nehmen wir nicht nur das eigene Selbst wahr, sondern spüren den positiven Motor von Mitgefühl. Für mich sind diese Schilderungen allesamt nachvollziehbar, bieten jedoch keinen großen Mehrwert. Der kulturgesellschaftliche Abriss ist allerdings sicherlich für Menschen interessant, die mit der politischen Ideengeschichte weniger vertraut sind. Zudem haben die Assmanns die Fähigkeit, solche Themen verständlich aufzubereiten.
„Individuelle Menschenrechte brauchen nicht nur einen Rechtsraum, sie können auch nicht in einem sozialen Vakuum bestehen. Das bedeutet, sie bedürfen der Stütze und Sicherung durch Menschenpflichten, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken.“
Assmann, Aleida und Jan: Gemeinsinn, C.H. Beck Verlag 2024, S.191.
Mit diesem letzten Zitat wird ein entscheidender Aspekt betont: Unsere demokratische Kultur benötigt ein breites gesellschaftliches Engagement zum Funktionieren. Damit weist auch dieses Autorenduo darauf hin, dass wir alle etwas beisteuern müssen. Für mich privat ist das Ehrenamt schon immer ein wichtiger Baustein und deshalb kann ich den Aufruf nachvollziehen. Ich empfinde die durchaus deutliche Kritik an den politischen Verhältnissen zu Beginn des Buches als angemessen. Ich denke deshalb, dass wir auch in unserem politischen System ein Bekenntnis zu gemeinwohlorientiertem Handeln brauchen. Dabei ist allerdings immer zu bedenken, dass wir in einer Demokratie auch von Vielfalt und verschiedenen Interessen leben und wir dies in unsere soziale Kultur integrieren müssen.
Fazit:
Dieses Buch der Kulturwissenschaftler Aleida und Jan Assmann ist ein kulturhistorischer Abriss wichtiger Aspekte der politischen Ideengeschichte, die sich um die Frage nach der nötigen gemeinschaftlichen Grundlage drehen. Mit ihrem Aufbau verdeutlichen sie die elementare Bedeutung eines sozialen Sinnes für ein funktionierendes Zusammenleben. Durch das Erläutern praktischer Beispiele zeigt dieses Buch die Möglichkeiten auf, die man nutzen kann, um einer Neuausrichtung unserer aktuellen demokratischen Kultur zu helfen. Die Leserschaft wird Zeuge eines Aufrufs zu einer breiten Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung, und diese zentrale Botschaft ist neben den geschilderten Beispielen sicherlich die Stärke des Buches. Mir ist das Buch jedoch zu stark von der Kulturgeschichte geprägt und zu wenig mit konkreten Visionen für die Zukunft versehen. Aus meiner Sicht sind nicht nur eine verbesserte Bildung und ein anderes Bewusstsein für die Vergangenheit notwendig. Stattdessen brauchen wir ein anderes Bewusstsein für die Lage unseres Gegenübers und müssen wieder gemeinsame Ziele finden und uns kompromissbereit zeigen. Trotzdem natürlich ein Buch mit deutlicher und wichtiger Stimme, welches diese anderen Aspekte nicht ignoriert.
Werbung aus Liebe zum Buch
Wertung: 🐧🐧🐧🐧
Titel: Gemeinsinn. Der sechste soziale Sinn
ISBN: 978-3-406-82186-8
https://www.chbeck.de/assmann-assmann-gemeinsinn/product/36959125
