Bach, Kathrin:  Lebensversicherung

#bücherliebe #leseliebe #buchblogger #kulturblog #bookstagram #büchertisch #kathrinbach #volandundquist #lebensversicherung

Mein Büchertisch zum Debütabend der Leipziger Buchmesse setzt sich mit einem Roman fort, dessen  sprachliche Dichte und Schilderung einer hessischen Provinz mich gleich begeistern konnten.

Kathrin Bach ist Jahrgang 1988 und gelernte Buchhändlerin, schon dies macht die Autorin für mich sympathisch. Sie hat zudem Literarisches Schreiben in Hildesheim studiert und vor ihrem nun erschienenen Prosadebüt zunächst zwei Lyrikbände veröffentlicht. Ihr bei Voland und Quist erschienener Roman kreist um eine Familie, die beruflich eine Versicherungsdynastie leiten, betont aber auf einer weiteren Ebene das Thema Versicherung als gesellschaftliche Neurose.

„An all das kann ich mich erinnern. Es ist das, was ich erzählt bekomme, wenn über  unseren Unfall gesprochen wird.“

Bach, Kathrin: Lebensversicherung, Voland und Quist 2025, S.145.

In diesem Zitat zeigt sich ein elementares Motiv des Romans. Vor Jahren muss die Familie in einen Unfall verwickelt gewesen sein, allerdings wird nie gänzlich offenbart, was genau passiert ist. Diese diffus anmutenden Anspielungen sind für den Roman prägend, sind zugleich ein ästhetisches Prinzip des Buches. Der Roman erzählt aus der Perspektive einer Ich-Erzählerin vom Aufwachsen in einer vermutlich hessischen Provinz. Die Erzählerin wächst in einer Familie auf, die ein Versicherungsbüro führt. Seit Generationen werden Versicherungen für Sachgüter oder Menschen verkauft. Dieses Aufwachsen erzeugt in ihr zunächst das Gefühl, dass man sich gegen Risiken im Leben absichern kann, Sicherheit somit käuflich ist. Die Familiengeschichte wird nicht linear erzählt, sondern der Text arbeitet mit verschiedenen stilistischen Elementen. Erinnerungen, tagebuchartige Einträge, Alltagsbeobachtungen aus dem Dorf, formale Texte aus Versicherungsbroschüren oder Listen. Durch diese Ausgestaltung ist der Text aufgelockert und wird mit seinem Thema nie langweilig. Es ergibt sich eine gesunde Balance aus Humor und Reflektionen über die Versicherungsbranche und ihre gesellschaftliche Bedeutung. Im Vagen bleibt dabei immer das konkret Private, welches  nur an einigen Stellen durchscheint. In die Alltagsbeobachtungen sind immer wieder pointierte Sätze über die Bedeutung von Versicherungen eingearbeitet. Zudem gibt die Erzählerin bei ihren Schilderungen preis, dass man anhand der ökonomischen Erfahrungen vieles über die verschiedenen Klienten weiß. Der Roman bildet an diesen Stellen einen Gegensatz zur nicht immer auserzählten eigenen Familiengeschichte.

„Ja, sagt Frau W. Ausformulierte Gedanken könnten ein Gefühl von Sicherheit entstehen lassen. Dann fühle sich immerhin der Kopf sicher. Dann bliebe nur noch der Körper unberechenbar.“

Bach, Kathrin: Lebensversicherung, Voland und Quist 2025, S.64.

Ich finde diese Textstelle markiert eine Stärke des Romans. Ich empfinde das Buch in seiner pointierten Reflexion als äußerst qualitativ. In wenigen Zeilen eröffnen sich verschiedene Ebenen. In diesem Fall geht es um die Stabilität die man im eigenen Nachdenken erreichen kann, die einem gefühlstechnisch eine Sicherheit vor einer schlussendlichen Entscheidung geben kann. Doch gerade das Ausformulieren bleibt bei der eigenen Familiengeschichte schwierig und der Job der Versicherungsvertreter:In ist ebenfalls damit verbunden nicht über alles sprechen zu können. Das Grundmotiv des Romans ist die gesellschaftliche Angst, welche uns dazu bringt uns gegen immer mehr Aspekte unseres Lebens zu versichern.

Der geschilderte Dorfalltag ist für mich ein persönliches Highlight. Kathrin Bach arbeitet dabei mit lokalem Dialekt und da ich selbst in einem hessischen Dorf aufgewachsen bin, erkenne ich bestimmte Szenerien wieder. Jeder kennt einander und man grüßt oftmals wortlos, aber im sicheren Wissen sich gut zu erkennen. Allerdings offenbart sich aufgrund der Zunahme an Versicherungen, dass selbst in einem kleinen Dorfkosmos Angst vor Unsicherheit steigt. Der Roman verweigert sich einem klassischen Plot, sondern buchstabiert sein Kernthema differenziert aus.

„Ich bin achtzehn Jahre alt und am meisten Angst habe ich davor, dass alles sterben. Ich bin vierunddreißig Jahre alt und am meisten Angst habe ich davor, dass alles sterben.“

Bach, Kathrin: Lebensversicherung, Voland und Quist 2025, S.149.

Dieses Zitat geht auf die Grundangst der Menschen ein und ist für mich der passende Stellvertreter für das Romanthema. Durch die verschiedenen stilistischen Mittel wirkt der Roman durchaus an bestimmten Stellen fragmentarisch und  ist damit auch Ausdruck der nie vorhandenen Sicherheit über das Geschilderte. Es ist aus meiner Sicht wirklich beeindruckend wie der Roman diese Spannung zwischen dem Wunsch nach Sicherheit und dem Fakt diese nie zu erreichen auf verschiedenen Textebenen ausstellt. Seit der Corona-Pandemie habe ich mir zu dieser Thematik viele Gedanken gemacht. Unser Wunsch sich gegen alles abzusichern zeigt sich in verschiedenen Lebensbereichen, man denke nur an die gestiegenen Sicherheitsanforderungen bei Großveranstaltungen. Kathrin Bach widmet sich unseren Angstgefühlen, ohne diese in emotionalen Szenen lebendig werden zu lassen. Stattdessen ist die nüchterne Vortragsweise des Textes zielgerichtet und markiert, dass beim Kampf gegen unsere Ängste nicht immer der Rationalismus greift. Für die Ich-Erzählerin würde ein Verzicht auf Versicherungen dazu führen, dass ihr Leben eine andere Struktur erhalten müsse. Sie ist sich bewusst, dass ihre Eltern mit ihrer beruflichen Tätigkeit das eigene Leben finanzieren, zugleich offenbart der Roman, dass man mit einer Versicherung sich nicht eine familiären Emotionalität zusichern lassen kann. Für diese Familie ist der Eintritt ins Leben der Beginn des Risikos, was sicherlich auch mit den Kriegserfahrungen des Großvaters in Verbindung gesetzt werden kann. Die eigene Familiengeschichte ist deshalb Ausgangspunkt des Wunsches nach Absicherung, offenbart aber durch den immer wieder auftretenden Unfall, dass noch der beste Experte ein Risiko nicht abdecken kann. Folglich ist dieser Roman ein Text, der einem auch die Frage mitgibt: Was bedeutet Sicherheit? Ich finde über diese Frage könnte man eine ganze Essaysammlung schreiben, doch diese Romanlektüre ist ein guter und durchdachter Anfang.

Fazit:

Kathrin Bach hat schon während der Autorinnenlesung aufgezeigt, dass sie eine besondere Sprache gewählt hat. Mich hat die Fokussierung der Sätze sogleich in ihren Bann gezogen. Das Grundthema des Buches bewegt mich seit der Corona-Pandemie und ist deshalb für mich ein Ausdruck der Gegenwärtigkeit von Literatur. Der fragmentarische Textaufbau unterstützt die Ausstellung einer gewissen Unsicherheit und ist zugleich Garant für  eine gelungene Balance zwischen Reflektion und Humor. Dieses Buch erfordert eine aufmerksame Lektüre, manchen Satz muss man gerade wegen der pointierten Kürze mehrfach lesen, um alle Ebenen zu erschließen. Doch die Beschäftigung mit diesem Buch ist lohnenswert.

Werbung aus Liebe zum Buch

Wertung: 🐧🐧🐧🐧🐧

Titel: Lebensversicherung

ISBN: 978-3-942-37572-6

https://www.voland-quist.de/werke/lebensversicherung/

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert