#bücherliebe #leseliebe #buchblogger #krimi #bookstagram #mathiasberg #emonsverlag #diekriminalistinnen #achtschüsseimschnee
Während der Vorbereitung auf die Darmstädter Krimitage 2026 entstand die Idee, in diesem Jahr sonntags zum Weltfrauentag zu starten. Hierzu haben wir Texte gesucht, die sich mit Frauenthemen oder starken Frauenfiguren auseinandersetzen. Ich habe mich dabei an einen Autor erinnert, dessen Bücher ich auf einer Messe gesehen hatte. Mathias Berg hat im Emons Verlag eine Romanreihe über die ersten Frauen in Düsseldorf geschrieben, die zu Kriminalkommissarinnen ausgebildet wurden. Mich hat schon der erste Band der Reihe begeistern können, und so habe ich mich entschieden, die Reihe mit ihren drei Bänden gesamt vorzustellen. Die Buchreihe ist nicht Teil des Programms der Krimitage, da wir uns für andere Romane entschieden haben, doch ich schätze die Bücher und möchte sie deshalb anlässlich des Frauenschwerpunktes am ersten Tag trotzdem vorstellen. „Acht Schüsse im Schnee“ ist 2024 im Emons Verlag erschienen. Eine klassische Krimihandlung wird mit einem gut recherchierten zeithistorischen Hintergrund verknüpft, in welchem die Herausforderungen für Frauen gut ablesbar sind.
Im Februar 1970 wird der Düsseldorfer Millionär Theo Ellerbeck, vor der Familienvilla erschossen. Ellerbeck ist als Kunstmäzen bekannt, hinterlässt eine Frau und eine schweigsame Stieftochter. Lucia Specht und ihre Kolleginnen des Düsseldorfer Polizeipräsidiums übernehmen die Ermittlungen, zumal die Tochter des Opfers nur mit Lucia sprechen möchte. Diese ist allerdings noch mit einer weiteren Ermittlung beschäftigt. Weiterhin lässt sie der gewaltsame Tod ihrer Mutter nicht los und sie möchte unbedingt den Mann kennenlernen, der ihre Mutter in den Tod getrieben hat. Sie reist deshalb immer wieder in ihre Heimat nach Essen und versucht, den Mann aufzustöbern, der ihre Mutter bedroht hat. Anfang der 70er Jahre befindet sich die Bundesrepublik in einer Zeit der Umbrüche, und dazu gehört ebenfalls ein sich wandelndes Rollenverständnis von Frauen. Diese müssen immer noch um ihre Akzeptanz kämpfen, was sich auch im Polizeidienst zeigt.
„>>Warum wollen Sie zur Kripo? Kriminalbeamter ist doch ein typischer Männerberuf. Was war ihre Motivation als Frau?<<, fragte er und taxierte mich.“
Berg, Matthias: Die Kriminalistinnen – Der Tod des Blumenmädchens, Emons Verlag 2023, S.10.
Mit dieser Frage wird Lucia Specht von Beginn ihres Starts bei der Düsseldorfer Kriminalpolizei konfrontiert. Wir befinden uns im Düsseldorf des Jahres 1969. Ein „Blumenmädchen“ wird tot aufgefunden und diese Zuschreibung ist ein weiteres Charakteristikum dieser historischen Zeit. Lucia Specht ist Ich-Erzählerin und Hauptfigur, ihre Schilderungen geben Einblick in den Polizeialltag und die Ausbildung. Gemeinsam mit ihr wurden fünf weitere Kolleg:Innen eingestellt. Es ist für alle Beteiligten ein Experiment. Lucia Specht und die ermittelnden Kolleg:Innen beginnen, die letzten Tage der Toten zu rekonstruieren. Sie hat Blumen auf der Straße verkauft und hatte flüchtige Bekanntschaften, vielleicht sogar Kontakt ins Rotlichtmilieu. Es geraten deshalb verschiedene Männer in Verdacht, unter anderem ein zwielichtiger Geschäftsmann, ein vielleicht eifersüchtiger Liebhaber oder vielleicht sogar ein Kollege. Es ist eine beharrliche Recherche notwendig, um diesen Fall zu lösen. Gekonnt lässt Berg die 60er Jahre auferstehen, indem er mit Liebe fürs Detail, die Musik, Mode und Lebensstile dieser Jahre schildert. Die Polizeiarbeit ist geprägt von den gesellschaftlichen Bruchlinien jener Zeit. Es geht um die Emanzipation gegenüber gängigen Rollenbildern, ein Aufbegehren der jungen Generation, geprägt vom Wunsch, Verantwortung für die Geschichte zu übernehmen. Die liberalen Wünsche stehen den bisherigen Machtansprüchen gegenüber und letztere möchten einige verteidigen. Mathias Berg setzt bei seinem gut komponierten Kriminalfall auf ein gut beschriebenes Setting. Die Polizeiarbeit wird ausführlich, aber vor allem lebendig geschildert. Zudem erfahren wir immer wieder, welche Herausforderungen Lucia Specht meistern muss, um sich den nötigen Respekt zu verschaffen. Ebenfalls werden Nebenhandlungen genutzt, um aufzuzeigen, dass jede der Frauen vor anderen Problemen steht.
„>> Sie wissen, dass einige Kollegen nicht wollen, dass Frauen an der Waffe ausgebildet werden<<, gab Ruth zu bedenken.“
Berg, Mathias: Die Kriminalistinnen – Acht Schüsse im Schnee, Emons Verlag 2024, S.96.
Mit diesem Zitat wird offensichtlich, dass es sich nicht um die gleichen Ausbildungschancen handelt. Man hat den Frauen freigestellt, ob sie an der Waffe trainieren wollen. Lucia Specht hat sich dafür entschieden und stellt in ihrem Ermittlungsalltag fest, dass dies sowohl für sie als auch für ihre Kollegen Sicherheit bedeutet. Weiterhin schreibt das Gesetz vor, dass Männer ihren Frauen erlauben müssen, dass sie arbeiten dürfen. Während der Ermittlungsarbeit zeigt sich, dass ihre Kollegen von der Sitte ein abwertendes Frauenbild haben. Außerdem ist die Homophobie gesellschaftlich dominant und im Polizeidienst ist ein homosexueller Kollege undenkbar. Der zeithistorische Hintergrund ist in dieser Romanreihe nicht nur Staffage, sondern wirkt in die Handlung des Buches hinein. Für die Ermittlungen ist zunächst unklar, wer etwas gegen das Opfer haben könnte. Lucia muss in die Familie hineinblicken, verstehen, wie die einzelnen Mitglieder zueinanderstehen. Während dieser Arbeit widmet sie sich zudem ihrer eigenen Familie, und in diesem Band ist diese Hintergrundgeschichte sogar spannender als der eigentliche Kriminalfall. Mich stört dieser Aspekt allerdings nicht, sondern er ist wichtiger Bezugspunkt dieser Reihe. Die emotionale Tiefe bei Lucia steigt und diese beiden Handlungsebenen werden gekonnt miteinander verarbeitet und machen die gesamte Geschichte rund. Berg gelingt es, verschiedene Milieus abzubilden, und man glaubt diesem historischen Bild, was für eine gute Recherche spricht. Lucia und ihre Kollegen beweisen in der Fortsetzung, dass sie sich durchsetzen und Verantwortung übernehmen können. Mir gefällt, dass Berg Specht zwar in den Mittelpunkt stellt, aber all seine Figuren eine Entwicklung durchfahren und damit dem zeithistorischen Hintergrund Farbe verleihen.
Fazit:
Der zweite Band rund um die ersten Kriminalkommissarinnen in Düsseldorf knüpft qualitativ an den Reihenauftakt an. Es geht in diesem Band stärker um die persönlichen Hintergründe der Figur Lucia Specht, was aber der Unterhaltsamkeit keinen Abbruch tut. Die Figurenzeichnungen sind gelungen und die Recherche der zeithistorischen Hintergründe und ihre Verarbeitung im Roman sind gut komponiert. Der Schreibstil von Berg ist flüssig und man liest das Buch gerne. Die Krimihandlung ist überraschend und die persönliche Geschichte wird auch in den Nachfolgeband hinein spannend bleiben. Ich kann diesen Roman nicht nur Fans klassischer Kriminalliteratur empfehlen, sondern auch einer Leserschaft, die sich für zeithistorische Hintergründe interessiert.
Werbung aus Liebe zum Buch
Wertung: 🐧🐧🐧🐧🐧
Titel: Die Kriminalistinnen – Acht Schüsse im Schnee
ISBN: 978-3-7408-1685-8
https://emons-verlag.de/p/die-kriminalistinnen.-acht-schuesse-im-schnee-7193
