Blunck, Timo: Ein kleines Lied über das Sterben

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In der Vorbereitung auf die Darmstädter Krimitage beraten wir uns im Programmteam über verschiedene Titel. Seitens der Inhaberin des Bessunger Buchladens wurde Timo Blunck vorgeschlagen. Sein Roman „Ein kleines Lied über das Sterben“, erschienen 2025 im Emons Verlag, war mir bei den Vorschauen ebenfalls aufgefallen, aber ich schwankte noch. Als dann klar war, dass Timo Blunck unser Gast werden würde, folgte dann die Lektüre, und diese brachte mir einen Roman, der sich aus dem Genre abhob. Blunck ist Musiker, Komponist, Produzent und Autor. Ab 1981 war er Bassist der international gefeierten Avantgarde-Band „Palais Schaumburg“ und ist noch heute musikalisch aktiv. Nach vorherigen Ausflügen in die Belletristik legt er nun sein Krimidebüt vor und ich durfte mich auf ein Gespräch mit einem spannenden Künstler freuen. In seinem Buch zeigen sich Elemente der klassischen Ermittlungsromane, doch er mixt dies mit ungewöhnlichen Perspektiven, schwarzem Humor und einer äußerst gewaltbereiten Täter:In, für die das Buch aber auch viel Faszination übrig hat.

„Er schüttelte den Kopf. >>Ich bin kein Privatdetektiv.<< Sie umfasste mit beiden Händen seinen Oberarm und drückte. >>Haben Sie nicht gesehen, dass Knef Blut im Bart hat?<< >>Doch das ist mir aufgefallen.<< >>Klingelt da nicht Ihr sechster Kriminalkommissar-Sinn?<<“

Blunck, Timo: Ein kleines Lied über das Sterben, Emons Verlag 2025, S.64.

In diesem Zitat wird die ermittelnde Hauptfigur Tom Mangold angesprochen. Es handelt sich bei ihm um einen gescheiterten Polizisten. Er hat seine Stelle verloren, als eine Affäre mit dem Anwalt der Gegenseite in einem Strafverfahren begonnen hat. Gepaart mit Drogenkonsum führte dies zu einem persönlichen Absturz. Nun lebt er in einer Gartenkolonie und kann sich auf dem Erbe einer Tante ausruhen. Ausgangspunkt ist eine herrenlose Hündin, die ihn zu einer Leiche führt. Mangold beginnt auch aus alter Gewohnheit, Ermittlungen anzustellen. Man spürt bei dieser Figur, dass sie von einem inneren Gerechtigkeitskompass angetrieben wird. Auch im Gespräch mit Zeugen oder möglichen Verdächtigen blitzt dieser Kompass auch in scharfzüngigen Kommentaren auf. Mangold stößt bei seinen Ermittlungen auf die schöne und verführerische Josefa Goldstaub. Mangold ahnt nicht, dass ihm eine gefährliche und gewalttätige Frau gegenübersteht, während wir als Leserschaft durchgehend mehr als er wissen. Der Roman zieht aus diesem Wissensvorsprung seine Spannung, denn wir müssen immer befürchten, dass Mangold ein weiteres Opfer werden kann. Es entsteht ein spannendes Katz-und-Maus-Spiel, welches Blunck stilistisch mit kreativen Einfällen würzt und diesem Roman somit eine besondere Ästhetik verleiht. Blunck schafft es, eine besondere Atmosphäre herzustellen, die groteske Szenen bietet, aber nie den Weg des Krimis mit dem Ziel der Verbrechensaufklärung verlässt. Dafür nutzt er viele Perspektiven: Wir bekommen die Sicht der Opfer, die Perspektive eines Hundes, und werden so immer wieder mit neuen Informationen und Sichtweisen versorgt, die Mangold eben nicht kennt. In vielen Wendungen werden die verschiedenen Totenfälle aufgeklärt und zeigen, dass es in Bluncks Hamburg äußerst wachsame Ermittler braucht.

„Oh Marius, du bist so heiß, ich könnte dich aufessen!“

Blunck, Timo: Ein kleines Lied über das Sterben, Emons Verlag 2025, S.23.

Als gelungen muss vor allem die Schilderung der Täter:In Josefa Goldstaub bezeichnet werden. Sie ist keine klassische „Femme fatale“, sondern hinter ihrem Handeln stehen Brutalität, Berechnung und ein persönliches Trauma. Die visuelle Dimension der Gewalt ist in diesem Buch durchgehend hoch, aber, und dies möchte ich betonen, ohne dass man in den Horror kippt. Stattdessen wird hier mit Ekel gespielt und die brutale Vorgehensweise in Bezug zu Liebeszitaten gesetzt. Die Attraktivität lässt Männer leicht in die Falle gehen und entlarvt ihre Opfer als Machos. Josefa manipuliert sie und bringt sie in ihre Gewalt. Ihre förmlich hypnotische Wirkung bringt alle Opfer zur Strecke, und wenn wir die Geschichte aus deren Perspektive erfahren, dann merken wir, dass sie ihren Fehler erst spät bemerken. Durch diesen stilistischen Kniff wird der Effekt von Josefa natürlich verstärkt. Tom Mangold steht mit seinem neuen Leben außerhalb des Polizeidienstes und schon deshalb keine heroische Heldenfigur. Für mich ist er allerdings eine richtige Type, die sich in ihrem Weg nicht beirren lässt. Er verfügt immer noch über eine gute Beobachtungsgabe und ist auch in Analyse und Intuition ganz Polizist geblieben. Blunck zeigt ihn mutig mit einer Spur Sarkasmus, der aber meinen Humor immer wieder trifft. Durch den Bruch zwischen Ermittlerfähigkeiten und seiner Lebenssituation erhält Tom eine Charaktertiefe und ist damit ein Unikat im Krimigenre. Ihm wird eine Polizei entgegengestellt, die nach schnellen Lösungen sucht, statt die Wahrheit in den Vordergrund zu rücken, und hier sind sicherlich noch mögliche weitere Geschichten angelegt, wo man dieses Verhältnis weiterentwickeln kann. Blunck hat zudem ein Faible für sprechende Namen, die sich mit einem humoristischen Augenzwinkern durch den gesamten Text ziehen.

„Die Nahrungsaufnahme ist eines unserer elementarsten Bedürfnisse. Es nicht zur notwendigen Routine verkommen zu lassen, sondern daraus ein sinnliches Erlebnis zu konstruieren, es trotz seiner Regelmäßigkeit immer wieder zu zelebrieren, ist die Kunst des Alltags.“

Blunck, Timo: Ein kleines Lied über das Sterben, Emons Verlag 2025, S.233.

Dieser Krimi hat eine ganz eigene Ästhetik. Allerdings ist dies auch mit einem Thema verbunden, welches Brutalität erfordert und Ekel wecken kann. Josefa verspeist ihre Opfer nämlich. Dadurch nimmt der Horrorfaktor des Textes zu, zugleich eine weitere Grenzüberschreitung. Blunck steigt tief in schwarzen Humor ein, wenn er ihre Kochfähigkeiten lobt. Diese groteske Verarbeitung nimmt dem Thema etwas den Schrecken und verringert den Ekel. Trotzdem schreckt dies sicherlich den ein oder anderen ab. Ich muss sagen, dass es bis zur Auflösung des Krimis umgesetzt wird und mich deshalb nicht stark gestört hat. Der trockene Humor konterkariert die Brutalität, und mit den Opfern entwickelt man wenig Mitleid. Mich erinnert die Ästhetik des Buches durchaus an Quentin Tarantino. Gelungen finde ich die verschiedenen Milieus, die wir kennenlernen, und ich schätze die satirischen Momente des Romans. Blunck unterläuft Muster des Krimigenres und ist deshalb eine erfrischende Lektüre, bei der mir das ein oder andere zu stark ins Groteske kippt. Mir überdreht das Buch an der ein oder anderen Stelle, die Hundeperspektive ist innovativ, aber nicht unbedingt notwendig. Allerdings könnte ich mir durchaus vorstellen, mit dieser Ermittlerfigur noch ein weiteres Abenteuer zu wagen.

Fazit:

Jedes Jahr bieten mir die Krimitage eine spannende und vielseitige Auswahl der deutschsprachigen Krimilandschaft. Timo Bluncks Roman unterläuft viele Muster des Genres und ist deshalb eine erfrischende Lektüre. Sein Buch ist hinsichtlich der Stilistik auf eine Ästhetik der Ironie und Horrorgroteske ausgerichtet und schafft eine besondere Atmosphäre. Ich konnte mich daran und ebenso an der Figur Josefa Goldstaub begeistern. Bewusst spielt dieses Buch immer wieder mit seinen Lesererwartungen und bringt einen Ermittler auf die Bühne, aus dessen Figur man sicherlich noch einiges entwickeln kann. Das Thema Kannibalismus wird ironisch gebrochen und damit wird der Ekel etwas reduziert. Trotzdem wartet bei diesem Buch eine spezielle Story. Wer allerdings bereit ist, sich auf dieses Abenteuer einzulassen, der wird spannende Unterhaltung mit dem ein oder anderen Humoreffekt erleben.

Werbung aus Liebe zum Buch

Wertung: 🐧🐧🐧🐧

Titel: Ein kleines Lied über das Sterben

ISBN: 978-3-7408-2426-6

https://emons-verlag.de/p/ein-kleines-lied-ueber-das-sterben-7566

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