Boers, Nando: Der Plan

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Die Tour de France ist beendet und hat in Tadej Pogačar wieder einmal einen  würdigen Sieger gefunden, der mit seiner aktiven Fahrweise in den vergangenen Jahren zur Attraktivität des Sports beigetragen hat. Einer seiner wichtigsten Gegner ist mit Jonas Vingegaard aufgrund eines Sturzes bei der Tour 2026  frühzeitig ausgeschieden. In meinem heutigen Post setze ich mich aber mit ihm und seinem Team auseinander. Mit „Der Plan – Wie Jumbo-Visma das beste Radsportteam der Welt wurde“ legt der niederländische Journalist und Schriftsteller Nando Boers eines der bemerkenswertesten Radsportbücher der vergangenen Jahre vor. Der 2024 im Covadonga Verlag erschienene Band ist eine Langzeitreportage über die Entstehung einer Hochleistungsorganisation, die den modernen Profiradsport nachhaltig verändert hat. Boers begleitete das damalige Team Jumbo-Visma über drei Jahre hinweg nahezu uneingeschränkt hinter den Kulissen. Nando Boers zählt in den Niederlanden zu den renommiertesten Sportjournalisten und beschäftigt sich intensiv mit dem Radsport. Das Management von Jumbo-Visma erlaubte ihm, die Mannschaft über einen Zeitraum von rund drei Jahren beinahe uneingeschränkt zu begleiten. Er durfte an Trainingslagern teilnehmen, Rennen verfolgen, Mannschaftsbesprechungen besuchen und Gespräche zwischen Trainern, Wissenschaftlern, Sportdirektoren und Fahrern miterleben. Selbst strategische Sitzungen, Personalentscheidungen oder kontroverse Diskussionen blieben ihm nicht verborgen. Dadurch konnte er dokumentieren, wie aus einem ambitionierten Projekt Schritt für Schritt das dominierende Team des internationalen Straßenradsports entstand. Dieses Buch ist auch angesichts der immer wiederkehrenden Dopingverdächtigungen bei den erzielten Spitzenleistungen eine wichtige Quelle, denn es zeigt auf, wie professionell sich der Sport entwickelt hat und damit Leistungssteigerungen auch abseits von Doping ermöglicht. Für mich ist dieses Buch eine der besten Analysen des modernen Radsports. Boers möchte mit diesem Buch die Frage beantworten, wie ein Tram erfolgreicher als alle anderen werden konnte und es 2023 sogar schaffte, alle drei großen Landesrundfahrten zu gewinnen.

„Das Ziel für die kommenden Jahre war klar:  strukturell das beste Team der Welt zu sein. Aber wie stellte man das an?, fragte Zeeman. ‘Was macht unsere Kultur aus? Der Wunsch,  jeden Tag besser zu werden. Darauf hinarbeiten. Einen Unterschied machen. Sich engagieren. Zusammenwachsen. Sich weiterentwickeln. Aufmerksamkeit. Wertschätzung und persönliche Entwicklung. Wir suchen Menschen, die zu unserem Club passen.“

Boers, Nando: Der Plan. Wie Jumbo-Visma das beste Radsportteam der Welt wurde, Covadonga Verlag 2024, S.196.

Der erzählerische Rahmen ist der Weg von der Gründung des Teams im Jahr 2013 bis zum historischen Triumph von Jonas Vingegaard bei der Tour de France 2022. Konkret beobachtete Boers das Team in den Jahren 2020–2022, und doch gab man ihm Einblick in die Entwicklung der Organisation, die nach den Dopingskandalen die Nachfolge des niederländischen Erfolgsteams Rabobank antrat. Zu Beginn befindet sich Jumbo-Visma keineswegs an der Weltspitze. Das Team besitzt zwar Potenzial, leidet aber unter strukturellen Problemen. Jumbo-Visma entscheidet sich dafür, eine lernende Organisation zu sein. Jeder Fahrer soll sich verbessern können, Trainer sollen voneinander lernen, Wissenschaftler ihre Erkenntnisse unmittelbar in den Trainingsalltag übertragen. Erfolg entsteht nach Auffassung der Verantwortlichen nicht durch Genialität einzelner Personen, sondern durch das Zusammenspiel vieler kleiner Verbesserungen. Die Mannschaft beginnt, jeden Bereich kritisch zu hinterfragen: Ernährung, Material, Regeneration, Trainingssteuerung, Taktik und sogar Kommunikation werden kontinuierlich überprüft und angepasst. Es entsteht eine einmalige Teamphilosophie, deren Entwicklung das Buch nachzeichnet. Zugleich offenbart sich Beobachtern des Radsports, dass Tadej Pogačar und sein Team UAE Emirates ebenfalls Anpassungen in ähnlicher Richtung nach ihren Niederlagen vorgenommen haben.

Der erste Schritt bestand für Jumbo-Visma (nun Visma-Lease a Bike) darin, überhaupt ein gemeinsames Ziel zu definieren. Teamchef Richard Plugge und sein Umfeld möchten nicht lediglich einzelne Rennen gewinnen. Ihr Anspruch lautet, langfristig das beste Radsportteam der Welt aufzubauen. Wichtig hierfür sind bei der Personalauswahl Lernbereitschaft, Teamfähigkeit und Offenheit gegenüber wissenschaftlichen Erkenntnissen. Fahrer müssen bereit sein, bestehende Gewohnheiten infrage zu stellen und neue Methoden auszuprobieren. Boers schildert zahlreiche Situationen, in denen Trainer, Sportdirektoren und Fahrer gemeinsam Entscheidungen treffen. Siege werden nie ausschließlich einzelnen Athleten zugeschrieben, sondern stets als Ergebnis funktionierender Teamarbeit verstanden. Interessant ist hierbei, dass die Funktionäre sich mit anderen klassischen Mannschaftssportarten und identitären Erfolgsgeschichten beschäftigen. Hier sind das Rugbyteam „All Blacks“, das Fußballteam oder die Erfolgsgeschichte der Chicago Bulls zu nennen. Doch der Weg ist steinig und von Rückschlägen geprägt. Verletzungen, verlorene Rundfahrten oder interne Spannungen werden als notwendige Bestandteile eines Entwicklungsprozesses beschrieben. Nach jedem Rückschlag versucht das Team herauszufinden, welche Lehren daraus gezogen werden können.

„Probleme, so Plugge, werden groß, wenn man verliert, und bleiben klein, wenn man gewinnt.“

Boers, Nando: Der Plan. Wie Jumbo-Visma das beste Radsportteam der Welt wurde, Covadonga Verlag 2024, S.30.

Kern des Erfolgsmodells wird die konsequente Verbindung von Sportwissenschaft, Datenanalyse, moderner Mitarbeiterführung und einer außergewöhnlichen Teamkultur. Trainingsdaten werden nahezu permanent ausgewertet. Herzfrequenz, Wattwerte, Regeneration, Schlafqualität und Belastungssteuerung werden systematisch analysiert. Gleichzeitig wird immer wieder betont, dass Zahlen allein keine Rennen gewinnen. Erst die richtige Interpretation der Daten ermöglicht es, individuelle Trainingsprogramme zu entwickeln. Fahrer werden dabei nicht als reine Ausführende betrachtet, sondern aktiv in den Entwicklungsprozess eingebunden. Für mich ist dieser Einblick spannend, denn es zeigt sich, dass der Radsport in den vergangenen Jahren eine unglaubliche Professionalisierung erfahren hat und damit Leistungssteigerungen zu erklären sind, ohne immer den Dopingverdacht zu betonen. Das Team entwickelt individuelle Ernährungspläne für Training, Wettkampf und Regeneration. Kohlenhydratzufuhr, Flüssigkeitsmanagement und Energieversorgung werden auf jede Rennsituation abgestimmt. Selbst Details wie die Verpflegung während einzelner Etappen werden minutiös vorbereitet. Ein weiteres wichtiges Kapitel beschäftigt sich mit der technischen Entwicklung des Teams. Die Optimierung von Fahrrädern, Helmen, Kleidung und Sitzpositionen erfolgt auf wissenschaftlicher Grundlage. Windkanaltests, Materialvergleiche und Simulationen gehören inzwischen selbstverständlich zum Trainingsalltag. Eine der prägendsten Figuren des Buches ist Teamchef Richard Plugge. Boers zeichnet ihn nicht als charismatischen Alleinherrscher, sondern als langfristig denkenden Organisator. Plugge besitzt die Fähigkeit, Menschen mit einer gemeinsamen Vision zu begeistern und ihnen gleichzeitig genügend Freiräume zu lassen. Besonders eindrucksvoll ist seine Bereitschaft, etablierte Strukturen infrage zu stellen. Ebenso kommt in der taktischen Ausrichtung dem ehemaligen deutschen Radprofi Grischa Niermann eine entscheidende Funktion zu. Das Team schafft es, eine Strategie zu entwickeln, welche den Fahrern während des Rennens verschiedene Szenarien vorbereitet, die dann abhängig von der Rennsituation von den Fahrern im Austausch mit der sportlichen Leitung gewählt werden. Ziel der strategischen Ausrichtung ist es, unberechenbar zu sein und auf verschiedenen Terrains Siegkandidat zu sein.

„Wir sind auf der Suche nach neuen Möglichkeiten, erzählte Reef. ‚Im Radsport gibt es einige festgefahrene Muster. Wenn man sie ändern will, muss man zuerst wissen, wo das Potenzial der Fahrer liegt. ‘Er dachte einen Moment nach und sagte dann: ‚Eigentlich muss man in der Lage sein, taktische Aufgaben unmittelbar im Rennen zu erledigen.“

Boers, Nando: Der Plan. Wie Jumbo-Visma das beste Radsportteam der Welt wurde, Covadonga Verlag 2024, S.209.

Es sind genau diese Worte, welche das Team mit seinen Fahrern im Jahr 2022 in die Tat umsetzt. Ich finde es spannend, wie sich Boers den Akteuren nähert und Teamchef Richard Plugge als zielstrebigen, aber nachhaltig denkenden Menschen zeigt. Boers hinterfragt jedoch jedwede Rolle und jedwedes Handeln, was die Qualität des Buches ebenfalls erhöht. Merijn Zeeman ist neben Niermann der sportliche Kopf und durchgängig bestrebt, seine wissenschaftliche Neugier in die alltägliche Arbeit einfließen zu lassen. Er setzt in seiner Arbeitsweise auf Vertrauensverhältnisse, was er im Gegenzug auch von seinen Fahrern verlangt. Eine besondere Rolle fällt unter Letzteren dem ehemaligen Skispringer Primoz Roglic zu. Er ist auf dem Weg zum stärksten Fahrer der Welt und Teamleader bei den großen Rundfahrten. Er überzeugt mit seinem Ehrgeiz und seiner mentalen Stärke und muss zugleich eine schmerzhafte Niederlage gegen Tadej Pogačar 2020 verarbeiten. Durch  Sturzpech büßt er im Team seine dominante Rolle ein und muss Jonas Vingegaard den Platz überlassen. Dies führt zu Spannungen und einem Wechsel. Ebenfalls schwierig ist das Verhältnis zu Tom Dumoulin. Er wird ebenfalls als Klassementfahrer geholt, doch er kämpft mit Motivationsproblemen und dem psychischen Druck. Nie gelingt es dem Team hier, eine gemeinsame Zusammenarbeit zu finden, und diese menschliche Schilderung ist eine weitere Stärke des Buches. Als universeller Teamspieler und Anführer wird Wout van Aert geschildert. Boers gelingt es an diesem Allrounder aufzuzeigen, dass er auch bereit sein muss, persönliche Ziele dem Gesamterfolg unterzuordnen. Jonas Vingegaard sorgt mit seinem Toursieg 2022 für den ersehnten Erfolg. Der Däne ist zurückhaltend und punktet mit seiner disziplinierten  Arbeit. Ich habe noch nie mit einer solch gelungenen Mischung aus Nähe und Distanz über den Spitzensport gelesen und bin wirklich begeistert. Boers weiß genau, wann er die erzählerische Note betont und an welchen Stellen stärkere Analyse nötig ist.

Fazit:

Dieses Buch ist aus meiner Sicht mehr als ein reines Sportbuch. Der außergewöhnliche Zugang von Boers ermöglicht es, ein Radsportteam der World Tour in seinem Alltag und seinem Ziel zum stärksten Team aufzuzeigen. Nie bin ich einem Team nähergekommen oder habe mehr Details über diesen faszinierenden Sport erfahren. Boers lässt durchaus Raum für kritisches Nachdenken über die handelnden Akteure. Es geht dem Team natürlich in erster Linie um einen Tour de France-Erfolg, doch ihre Zielsetzungen orientieren sich am gesamten Rennkalender. Das Buch eignet sich allerdings nicht für Einsteiger in diese Sportart, denn einiges an Grundwissen wird vorausgesetzt. Trotzdem ist dies das beste Radsportbuch, welches ich bisher gelesen habe, und ich kann es als Analyse und Einblick in den Spitzensport nur empfehlen.

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Wertung: 🐧🐧🐧🐧🐧🐧

Titel: Der Plan. Wie Jumbo-Visma das beste Radsportteam der Welt wurde

ISBN: 978-3-95726-087-1

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