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Auf der Suche nach passenden Büchern für meine Frühjahrsempfehlungen habe ich auch internationale, ins Deutsche übersetzte Literatur gesucht. Dabei bin ich auf den Familienroman „Die Fletchers von Long Island“ erschienen im Eichborn Verlag, gestoßen. Taffy Brodesser-Akner ist Verfasserin dieses Romans über eine Industriellenfamilie. Die amerikanische Journalistin schrieb pointierte Porträts für das „New York Times Magazine“. Mit ihrem Roman „Fleishman Is in Trouble“ (2019) wurde sie auch als Schriftstellerin bekannt. Schon in diesem Roman widmete sie sich den Themen Identität, Ehe, und Geld und greift damit Unsicherheiten der amerikanischen Mittelschicht auf. Diese Themen tauchen im 2025 auf Deutsch erschienenen Roman erneut auf.
„Sie hatten Glück, die Fletchers. Das Schicksal meinte es gut mit ihnen. Sie nutzten jeden Vorteil, der sich ihnen bot, schritten unbeirrbar voran in eine sichere Zukunft voller Hoffnung und Erfolg, die Straßen mit Gold gepflastert, die früheren Rückschläge und Niederlagen platt gewalzt, ohne Konsequenzen. Die Fletchers waren die strahlende Verwirklichung des jüdisch-amerikanischen Traums, eine Familie, die sich den Teller füllen konnte mit allem, was das Land zu bieten hatte.“
Brodesser,Akner, Taffy: Die Fletchers von Long Island, Eichborn Verlag 2024, S.43.
Im Zentrum des Romans steht die wohlhabende jüdisch-amerikanische Familie Fletcher, deren Vermögen auf einer Kunststofffabrik basiert. Ausgangspunkt der Handlung ist ein dramatisches Ereignis im Jahr 1980: Der Familienpatriarch Carl Fletcher wird vor seinem Haus auf Long Island entführt. Die Familie zahlt das Lösegeld, und auch wenn Carl unversehrt nach Hause kehrt, legen sich Schatten über die Familie. Carl ist nie wieder der Gleiche und ist im weiteren Familienleben, so die Schilderung, eher passiver Teilnehmer. Die eigentliche Handlung entfaltet sich Jahrzehnte nach der Entführung. Die erwachsenen Kinder Nathan, Beamer und Jenny sind inzwischen in der Lebensmitte angekommen und dank des wirtschaftlichen Erfolgs der Familie materiell abgesichert. Nathan arbeitet als Anwalt, leidet jedoch unter massiven Ängsten und Selbstzweifeln. Er versucht, seiner Frau und den Zwillingen ein gutes Leben zu ermöglichen, und ist zugleich zaghaft und versucht sich gegen alles abzusichern. Jenny wiederum lehnt den Reichtum ihrer Familie ideologisch ab, findet jedoch keinen stabilen Lebensentwurf. Stattdessen plagt sie sich mit einer schwierigen Beziehung und enttäuscht dabei ihre Mutter und hat eigentlich nur Beamer als familiäre Bezugsperson. Beamer flüchtet sich in Sexualpraktiken mit einer Domina und versucht sich beruflich erfolglos als Drehbuchschreiber.
„Am Boden deiner Lügen, wenn du nicht tiefer tauchen kannst, weil es nicht tiefer runtergeht, stößt das Gehirn auf Optimismus.“
Brodesser,Akner, Taffy: Die Fletchers von Long Island, Eichborn Verlag 2024, S.177.
In diesem Zitat markiert die Autorin die Tragik ihrer Figur Beamer. Er hat sich eine Lebenslüge aufgebaut, die für ihn zunächst zu funktionieren scheint, aber nur verdeckt, dass er seine Identität nicht finden kann. Ökonomisch sind er und seine Geschwister vom Erfolg der Familienfirma abhängig. Doch dann endet diese, da keinerlei Investitionen getätigt wurden, sondern sich alle auf der Vergangenheit ausgeruht haben.
Während die einzelnen Familienmitglieder erkennen, dass sie auch Selbsttäuschungen unterliegen, ist die finanzielle Bedrohung geeignet, das Familienkartenhaus zusammenbrechen zu lassen. Bei den Aufeinandertreffen bei Familienfesten spürt man die gestörte Kommunikation. Brodesser-Akner gelingt es, der Familie verschiedene Traumata zuzuschreiben. Zunächst wäre hier die Entführung von Carl zu nennen, doch es gibt auch noch ältere Familienschicksalsereignisse. Die Urgroßeltern sind vor dem Nationalsozialismus in die USA geflüchtet. Doch nicht die drastische Bedrohung durch den Holocaust ist einziges Trauma, sondern auch das Nutzen moralisch fragwürdiger Chancen beim familiären Aufstieg. Man liest in diesem Roman aber auch, dass die Gefahr, gesellschaftlich wegen des jüdischen Glaubens ausgegrenzt zu werden, immer wieder durchscheint. Dies muss nicht direkt benannt werden und dies ist Teil der Romanqualität. Die Sehnsucht nach Anerkennung ist bei allen Figuren groß, steigert sich jedoch in Manie und befördert auch Übersprungshandlungen.
„Und die Kinder der Fletchers waren nicht immun gegen die Trägheit aller reichen Kinder, denen die Fantasie fehlte, sich vorzustellen, dass das Geld vielleicht eines Tages nicht mehr da war.“
Brodesser,Akner, Taffy: Die Fletchers von Long Island, Eichborn Verlag 2024, S.219.
Brodesser-Akner zeichnet die Fletchers als zutiefst dysfunktionale Familie, die zugleich typisch und einzigartig ist. Ihr Porträt ist von scharfem Witz, aber auch von Empathie geprägt. Die Autorin schafft es, eine Balance zwischen überdrehter und gelegentlich zynisch-ironischer Figurendarstellung und ruhigen Gefühlswelten zu finden. Jede Figur wirkt auf diese Weise mal abstoßend oder verwirrt die Leserschaft, nur um ihnen dann im nächsten Moment wieder nachspüren zu können. An manchen Stellen des Textes habe ich schmunzeln müssen. Die Familie erscheint wie ein geschlossenes System, in dem Geld, Angst und Loyalität untrennbar miteinander verbunden sind. Kommunikation findet oft indirekt statt, Gefühle werden verdrängt oder in neurotische Verhaltensweisen übersetzt. Damit steht der Roman in der Tradition der großen amerikanischen Familienromane. Die multiple Perspektive und auch der Humor erinnern mich durchaus in der Stilistik an Jonathan Franzen und Philip Roth.
Fazit:
Dieses Buch hat mich an einigen Stellen stark begeistert, an anderen wiederum hat es Längen gehabt oder die Wiederholungen der traumatischen Schilderungen boten zu wenig Überraschungen. Beamer erhält deutlich mehr Raum als seine Geschwister und hat demzufolge eine andere Tiefe. Zudem gehen aus meiner Sicht nicht alle Spielereien des Textes, gerade hinsichtlich jüdischer Kultur, auf. Begeistert hat mich der reflektierende und zugleich pointierte Humor der Autorin, welcher dem Roman seine Gesellschaftskritik verleiht. Durch diese Stilistik geht der Roman über eine reine Familiengeschichte hinaus. Reichtum bietet in diesem Buch keine Sicherheit, sondern ist Quelle von Verlustängsten und gerade in diesem Bild zeitdiagnostisch. Ein Familientrauma aus verschiedenen Perspektiven lädt in diesem Roman zum Lesen ein, und man kann diesen Schmöker durchaus aufgrund seines Humors als einen Frühlingstipp sehen. Wer kluge zeitgenössische Literatur mit Ironie schätzt, sollte zu diesem Buch greifen.
Werbung aus Liebe zum Buch
Wertung: 🐧🐧🐧🐧
Titel: Die Fletchers von Long Island
ISBN: 978-3-8479-0211-9
https://bastei-luebbe.de/Buecher/Romane-Erzaehlungen/Die-Fletchers-von-Long-Island/9783847902119
