Christie, Agatha: Mord auf dem Golfplatz

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Seit meinem Engagement bei den Darmstädter Krimitagen widme ich mich diesem Genre nochmals intensiver. Allerdings ist meine Lust auf spannende Geschichten schon in jüngeren Lebensjahren entstanden, und einen Anteil daran hatten neben den „Drei ???“ auch Jugendbuchausgaben von Agatha Christie. Die Meisterin des Spannungsromans hat es mit ihren Helden Miss Marple und Hercule Poirot schnell in mein Leserherz geschafft, weshalb ich dieser Autorin und ihren Krimis auch einen speziellen Bereich auf meinem Blog eingeräumt habe. Das Werk dieser Schriftstellerin zeichnet sich durch überraschende Wendungen und die Möglichkeit des Miträtselns mit dem Detektiv aus. Ich bin aber ehrlich und gebe zu, dass ich ihren Hauptfiguren beim Kombinieren meist unterlegen bin. „Mord auf dem Golfplatz“ ist der zweite Roman mit dem belgischen Meisterdetektiv Hercule Poirot und seinem Begleiter Captain Hastings. Die Handlung verbindet Landhauskrimi mit einer komplizierten Familiengeschichte.

Zu Beginn des Romans steht der dramatische Hilferuf des wohlhabenden Geschäftsmannes Paul Renauld. Dieser bittet Poirot in einem verzweifelten Brief um Hilfe und er möge dringend nach Nordfrankreich kommen, denn sein Leben sei bedroht. Poirot folgt gemeinsam mit Hastings diesem Aufruf, doch sie kommen zu spät. Renauld liegt mit einem Dolch im Rücken auf dem Golfplatz neben seinem Anwesen. Seine Ehefrau behauptet, dass zwei maskierte Männer ihren Mann nachts entführt haben. Poirot und Hastings beginnen unabhängig von der örtlichen Polizei mit eigenen Ermittlungen. Es ergeben sich neben der Ehefrau, sein Sohn Jack und die geheimnisvolle Nachbarin Madame Daubreuil nebst Tochter als mögliche Verdächtige. Ein Liebesbrief deutet darauf hin, dass Renauld ebenfalls Geheimnisse bewahren wollte. Zudem scheint Poirot Konkurrenz von einem weiteren Detektiv zu bekommen, was ihn aber hinsichtlich des eigenen Ermittlungserfolgs kühl lässt.

„Wenn jemand ein Verbrechen begeht, dann werden seine späteren Verbrechen große Ähnlichkeit mit dem ersten aufweisen.“

Christie, Agatha: Mord auf dem Golfplatz, Atlantik Verlag 2025, S.88.

Das Zusammenspiel zwischen Poirot und Hastings bekommt in diesem Roman einen besonderen Fokus. Hastings fungiert als Ich-Erzähler und übernimmt somit eine beobachtende Perspektive, welche unserer als Leserschaft ähnelt. Das analytische Vorgehen Poirots ist ihm fremd, er selbst lässt sich stärker von Emotionen leiten. Hastings verliebt sich dann auch noch in die mysteriöse Dulcie Duveen, deren Verhalten sie ebenfalls verdächtig macht. Hastings interpretiert Hinweise vorschnell, lässt sich auf falsche Fährten locken, ähnlich der Leserschaft. Christie nutzt diese Perspektive, um Poirot seine Schlussfolgerungen gegenüber Hastings detailliert zu erklären. Mit diesem Zusammenspiel ähnelt das Duo sicherlich dem ebenfalls berühmten Ermittlerduo Sherlock Holmes und Dr. Watson. Poirot nutzt seine berühmten „kleinen grauen Zellen“ und versucht herauszufinden, welche Person welche Geheimnisse hat und inwiefern diese von den Geschehnissen profitiert. Er widmet Details wie der zerstörten Uhr am Tatort größere Aufmerksamkeit und sieht in diesem Detail unter anderem die bewusste Vortäuschung eines falschen Tatzeitpunkts. Christies stilistische Methode kann man als Fair-Play-Prinzip beschreiben. Grundsätzlich sind alle Hinweise vorhanden, allein deren Bedeutung muss die Leserschaft selbst herausrätseln. Mit immer wieder neuen Hinweisen und Verdächtigungen wird der Fokus umgelenkt, und so kann man im Wettstreit mit dem belgischen Meisterdetektiv nur schwerlich als Leser:in gewinnen. Interessant ist an diesem Roman, dass es einen weiteren Detektiv gibt. Dieser setzt allerdings auf modernere Methoden wie unter anderem Fingerabdrücke. Gegenüber Poirot sieht er sich hier überlegen, wobei er ihm bei der Beurteilung der menschlich-sozialen Zusammenhänge unterlegen ist. Poirot lässt sich auch nicht verunsichern, sondern ist sich seiner Fähigkeiten bewusst. Agatha Christie schildert dies alles in einer präzisen Sprache und zeigt eine geschickte Dialogführung, bei der die Figuren auch schnell einen eigenen Ton erhalten. Der Schreibstil ist funktional und kommt somit der Rätselauflösung des Romans entgegen. Typisch für Christies Romane sind zudem die Schlussenthüllungen.

„Mein Freund, bei der Arbeit an einem Fall befasst man sich nicht nur mit den Dingen, die erwähnt werden. Bei vielen Dingen gibt es keinen Grund, sie zu erwähnen, und trotzdem können sie wichtig sein. Gleichzeitig gibt es oft sehr gute Gründe, sie nicht zu erwähnen. Sie haben die Wahl zwischen den beiden Motiven.“

Christie, Agatha: Mord auf dem Golfplatz, Atlantik Verlag 2025, S.88.

Treffender als Poirot kann man seine Arbeit nicht beschreiben und dieses Zitat steht demnach auch für sich. Am zweiten Roman mit Poirot überzeugt mich die Fallkonstruktion, wobei ich persönlich die romantische Nebenhandlung rund um Hastings nicht benötigt hätte. Bei der Fallkonstruktion ist jedoch das Tempo zum Ende hin mit all den Wendungen hoch und hier hätte man sicherlich etwas drosseln können. Interessant finde ich den Ausflug an die französische Küste und den Wettkampf mit dem Detektivkollegen, etwas blass bleiben für mich die geschilderten Frauenfiguren.   

Fazit:

„Mord auf dem Golfplatz“ ist ein solides Werk aus der Feder von Agatha Christie und kann mich erneut überzeugen. Der schrullige belgische Meisterdetektiv und die gekonnt inszenierte Erzählperspektive aus der Sicht von Hastings überzeugen im Zusammenspiel. Ich finde die Fallkonstruktion in ihrer Komplexität gelungen, sehe nur in der rasant ansteigenden Anzahl an Wendungen dem Schluss entgegen eine Überforderung der Leserschaft. Trotzdem ist Agatha Christie erneut ein starker Kriminalroman gelungen, bei dem man gerne miträtselt, aber seine Niederlage gegenüber Poirot akzeptiert. Sicherlich merkt man dem Buch noch den Frühwerkstatus an, denn spätere Romane sind ausgereifter, aber genau dies erhöht die Lust auf die kommenden Lektüren.

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Wertung: 🐧🐧🐧🐧

Titel: Mord auf dem Golfplatz

ISBN:  978-3-455-65100-3

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