Ehlert, Sascha: Palo Santo

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Der Poppublizist Sascha Ehlert hat 2025 mit „Palo Santo“ seinen Debütroman im Claassen Verlag vorgelegt. Sein Text ist zugleich Liebesgeschichte als auch Auseinandersetzung mit Hollywood und bewegt sich zwischen Los Angeles und Berlin. Ehlert setzt nicht durchgehend auf ein stringentes Handlungskonzept, sondern stellt emotionale Zustände und Beziehungssituationen in den Vordergrund. Ehlerts Buch habe ich für meinen popliterarischen Schwerpunkt ausgewählt, denn der Roman war auch für den Popliteraturpreis 2026 nominiert. Ehlert ist journalistisch unter anderem als Herausgeber der Popkulturzeitung „Das Wetter“ tätig und gründete den Korbinian Verlag mit. Aufgrund seiner Arbeit ist er ein fundierter Kenner von Musik-, Film und Literaturwelt und kann diese Kenntnis in seinem Debütroman verarbeiten.

„In ihrem Herzen steckte sicher eine Sehnsucht danach, herauszufinden, wie es sich anfühlte, in den Vereinigten Staaten von Amerika zu leben. Wie es wäre, dort zu sein, wo all die Geschichten herkamen, die sie geprägt hatten? O.C.California, Sex and the City und der Soundtrack von The Graduate hatten sie so sehr gebrainwasht, dass sie an die Vereinigten Staaten von Amerika immer mehr geglaubt hatten als an Deutschland.“

Ehlert, Sascha: Palo Santo, Claassen Verlag 2024, S.107.

Dieser Roman wählt Los Angeles und Hollywood als einen Sehnsuchtsort. Im Zentrum der Geschichte steht das Paar Golo und Hedi. Sie leben privilegiert, bewegen sich im Künstlermilieu und müssen doch erkennen, dass sich in Europa ein politisch bedrohliches Klima entwickelt. Rechte Tendenzen nehmen zu und sorgen für das Gefühl, dass sich Geschichte wiederholen kann. Golo beschäftigt sich intensiv mit dem Werk des Regisseurs Billy Wilder. Dieser floh einst vor den Nationalsozialisten in die Vereinigten Staaten. Golo widmet sich dieser Geschichte fast manisch, während Hedi davon träumt, Filme in Los Angeles zu drehen. Der Roman lässt dann Zeit- und Ortsebenen miteinander verschwimmen. Plötzlich begegnen Golo und Hedi historischen Figuren wie Sidney Poitier oder eben Billy Wilder. Die beiden Hauptfiguren entschwinden ihrer Realität und betreten ein Los Angeles, das mit seinem Hollywood-Mythos zu einem imaginären Sehnsuchtsort zu werden scheint. Es ist beeindruckend, wie es Sascha Ehlert gelingt, diese Ebenen aufzulösen, und Billy Wilder darf sich beinahe selbstverständlich neben Hedi und Golo einfügen. Fein strukturiert lässt Ehlert auch Zeit- und Ortsangaben über den Roman immer mehr verschwinden. Ehlerts Roman möchte Historisches nicht ausstellen, sondern zeichnet dieses als lebendiges und bis in die Gegenwart reichendes. Hollywood ist ein kulturelles Archiv, was vieles möglich macht und mit seinen Produktionen ein entscheidender Aspekt für den Glauben an den amerikanischen Traum ist. Die Szenen des Buches wirken auch deshalb wie Filmschnitte und versetzen Figuren und uns als Leser:Innen in einen Schwebezustand.

„Deutschland ist grausam – und dort zu leben war immer so real, und Realität schmerzhaft. Weil es, wenn du zu viel davon hast, keinen Platz mehr für Träume gibt.“

Ehlert, Sascha: Palo Santo, Claassen Verlag 2024, S.134.

Mit diesem Zitat ist deutlich ablesbar, dass der Roman in seiner Zeitdiagnose äußerst kritisch mit der politischen Situation umgeht. Der aufkommende Rechtspopulismus in Europa ist zugleich mit einem einengenden Faktor für Kreativität und Freiheit versehen. Es geht den Figuren darum, einer Realität, versehen mit Angst, zu entfliehen. Anders als Billy Wilder ist jedoch eine reelle Flucht in die USA angesichts dortiger politischer Situationen ebenfalls keine Option, weshalb Hollywood als imaginärer Zufluchtsort herhalten muss. Billy Wilder fungiert in diesem Konstrukt als Scharnier- und Symbolfigur. Symbolisch steht er für die Chance im Exil und künstlerische Freiheit, als Scharnier verbindet er Gegenwart und Vergangenheit. Natürlich ist die Situation Wilders in ihrer historischen Bedeutung nicht mit jener von Golo und Hedi gleichzusetzen, und doch ist der Roman in dieser Verknüpfung mutig und gut, aus meiner Sicht. Zugleich zeigt sich an Wilder, wie aus schmerzhaften Erfahrungen große Kunst entstehen kann. Seine Flucht brachte ihm nicht nur einen tragischen Verlust von Heimat, sondern ebenfalls einen Neuanfang. Die beiden Hauptfiguren äußern sich nicht mit eigenen politischen Vorstellungen, sie scheinen keine politische Option finden zu können, und so sorgt die erlebte Gegenwart dafür, dass sie instabil werden. Ehlert gelingt es im Mythos von Hollywood, die Ambivalenz der Vereinigten Staaten zwischen Traumfabrik und realem, knallhartem Kapitalismus aufblitzen zu lassen.

„Eine gute Rebellion müsse innerlich wie äußerlich schön sein, damit sie die Chance hatte erfolgreich zu sein. Sie müsse auch ästhetisch eine Alternative zum Bestehenden anbieten. >>Veränderung beginnt an der Oberfläche<<, war einer der wenigen Glaubenssätze, die Hedi bedingungslos unterschrieben hätte.“

Ehlert, Sascha: Palo Santo, Claassen Verlag 2024, S.110.

„Palo Santo“ muss aus meiner Sicht der Tradition der Popliteratur zugeordnet werden. In diesem Zitat wird nochmals auf die Bedeutung von Oberflächen in der Popkultur und in ihrer Wirkung in Lebensräumen verwiesen. Ebenso verarbeitet Ehlert verschiedenste kulturelle Referenzen, nennt Modetrends, verarbeitet Markennamen und strukturiert dadurch Figurenwahrnehmung. Popelemente stützen die Figurenkommunikation, und damit stellt sich Ehlert bewusst in popliterarische Traditionen. Man kann jedoch festhalten, dass Ehlert diese Traditionen bewusst nutzt, um sie seiner eigenen popliterarischen Ästhetik einzufügen. Pop dient in diesem Buch nicht nur der Coolness der Figuren, und vor allem ist es kein rein männlicher Resonanzraum. Popkultur bedeutet Emotionen und ist zugleich das ambivalente Zentrum mit dem Mythos Hollywood. Dieses Buch hat für mich in der Auseinandersetzung mit ihm gewonnen. Popkultur ist ein Sehnsuchtsort, und zugleich müssen die Figuren den Schein hinter dieser Welt akzeptieren und erkennen, dass ausschließlich darin keine Rettung zu finden ist. Dies überlagert die narrativen Schwächen, in denen es so scheint, dass sich der Roman genau in dieser Ambivalenz und der Oberflächlichkeit verliert.

Fazit:

Für mich ist dieses Debüt ein wichtiger popliterarischer Beitrag, auch wenn das Buch keinen Lesesog entwickelt. Mir hat gefallen, dass ich vieles über Billy Wilder erfahren habe und der Roman gekonnt Zeitebenen miteinander verknüpft. Sicherlich ist Geschichte nie direkt vergleichbar, und doch sind die Ängste der beiden Hauptfiguren angesichts unserer gesellschaftlichen und politischen Entwicklung berechtigt. Ich mag das Spiel des Romans mit dem Mythos Hollywood, und für mich erweitert Ehlert hier die popliterarische Tradition auf beeindruckende Weise. Hollywood-Melancholie trifft auf Realität und wirft damit einen Blick auf zwei junge Menschen, die zwischen popkultureller Überreizung und bedrohender Realität ihren Halt verlieren. Für mich lebt dieses Buch von der Auseinandersetzung mit ihm, ist aber kein Schmöker.

Werbung aus Liebe zum Buch

Wertung: 🐧🐧🐧🐧

Titel: Palo Santo

ISBN: 978-3-546-10111-0

https://www.ullstein.de/werke/palo-santo/hardcover/9783546101110

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