Ellis, Bret Easton : Unter Null

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Meinen Monat mit einem Schwerpunkt auf Popliteratur umzusetzen, bedeutet für mich eine Rückreise in meine Studienjahre der Literaturwissenschaft. Geprägt war diese Zeit von einer intensiven Auseinandersetzung mit Begriffen von Hoch- und Unterhaltungsliteratur und der Erkenntnis, dass diese starre Trennung vor allem in Deutschland vorgenommen wird. Literaten wie Rolf Dieter Brinkmann in Deutschland widersetzten sich einer Ausgrenzung popkultureller Phänomene und schauten als Beispiel gerne über den großen Teich auf den nordamerikanischen Markt. Auch während des Studiums haben wir uns mit nordamerikanischen Autorinnen und Autoren auseinandergesetzt und über einen Kumpel bin ich auf Bret Easton Ellis aufmerksam geworden. Ellis kam während meines Studiums auf seiner Lesereise nach Heidelberg und so konnten wir ihn hierzulande erleben. Als Andenken habe ich zwei Unterschriften mit nach Hause gebracht und den Einblick in die Arbeit des Autors. Ellis stellte damals seinen Roman „Imperial Bedrooms“ vor, der in direkter Verbindung zu seinem Debüt „Unter Null“ steht, den ich heute auf dem Blog vorstellen möchte, da ich in seiner Stilistik durchaus Parallelen zur Popliteratur zähle. Der Roman erschien bereits 1985, denn es war Ellis Abschlussarbeit als 21-jähriger Student bei einem Creative-Writing-Kurs. Das Buch machte ihn schlagartig bekannt und der Roman ist geprägt von seinem eigenen Aufwachsen in der wohlhabenden Gesellschaft von Los Angeles.

„Ich sehe kaum zu meinen Eltern rüber, streiche mir nur andauernd durchs Haar, denke daran, wie gerne ich jetzt ein bisschen Koks hätte oder sonst was, nur um diesen Abend heil durchzustehen, und dabei schaue ich mich im Restaurant um, das nur halb so voll ist; überall unterhalten sich die Leute mit gedämpfter Stimme, aber dieses Gemurmel hat etwas Durchdringendes, und plötzlich muss ich denken, dass ich eigentlich doch nur ein achtzehnjähriger Junge bin, mit zitternden Händen und blonden Haaren, ein bisschen braun gebrannt und halb betrunken, dass ich in einem Restaurant namens Chasen’s an der Ecke Doheny und Beverly sitze und darauf warte, dass mein Vater mich fragt, was ich mir zu Weihnachten wünsche.“

Ellis, Bret Easton: Unter Null, Kiepenheuer und Witsch 2009, S.63.

Erzählt wird der Roman vom 18-jährigen Clay, der über die Weihnachtsfeiertage aus seinem College in New Hampshire zurück nach Los Angeles fährt. Dort trifft er auf seine frühere Freundin Blair, mit der er wohl nie richtig Schluss gemacht hat. Ebenso kommt er in Kontakt mit seinem ehemaligen Freundeskreis von Jugendlichen aus privilegierten Familien. Die Handlung ist fragmentarisch und wird in Episoden erzählt. Clay bewegt sich durch eine Welt aus Drogen, Partys und Sex und offenbart eine emotionale Distanz. Der Freundeskreis ist innerlich verwahrlost und gipfelt im drogensüchtigen Julian, der sich dafür sogar prostituiert. Erfahrungen von Gewalt werden beiläufig erwähnt, fördern keinen Widerstand zutage. Clay macht in diesem Roman keinerlei Entwicklung durch. Das Zitat offenbart einen Erzähler, der sich durchaus reflektiert, aber sich nie zu einer Reaktion durchringt, sondern stattdessen durch sein Leben  mäandert. Die Wahrnehmung ist geprägt von emotionaler Abstumpfung. Schockierende Ereignisse lassen ihn kalt, aber auch die restlichen Jugendlichen beschäftigen sich mit keinen Problemen. Sie sind allesamt in einer Welt aufgewachsen, die ihnen eigentlich keinerlei Grenzen setzt. Diese nüchterne protokollarische Darstellung entfaltet eine Kraft, die einen beim Lesen verstört. Die Figuren sind allesamt nur Beobachter eines Lebens. Selbst die immer wieder auftretende Filmindustrie wird nur nüchtern und ohne Faszination betrachtet. Der Roman stellt eine oberflächliche Welt mit emotionaler Leere aus. Konsum ersetzt in dieser Welt Sinn. Autos, Markenklamotten, Drogen und Partys strukturieren dieses Leben. Die Eltern erscheinen als abwesend, sind nur mit ihren Jobs beschäftigt und durch ihre Abwesenheit fehlen jegliche moralischen Maßstäbe. Der Roman entlarvt die Illusion des Lebens der Schönen und Reichen. Bewusst wird dies in kurzen und knappen Sätzen erzählt. Der minimalistische Stil unterstützt die protokollhafte Darstellung. Es entwickelt sich daraus ein fast hypnotischer Sog und man liest diesen Text mit Schaudern, aber großem Interesse. Ich habe mich stetig gefragt, ob diese fragile Jugendkultur durch ein Ereignis nochmals in einen großen Bruch kommt.

„>>Ob er wohl selber zu verkaufen ist<<, murmelt die ältere von meinen zwei Schwestern, die, glaube ich, fünfzehn ist, und beide kichern auf dem Rücksitz.“

Ellis, Bret Easton: Unter Null, Kiepenheuer und Witsch 2009, S.23.

Dieses Zitat offenbart, dass Clay zu seinem eigenen Leben und der Familie keine emotionalen Bezüge herstellt. Die Familie geht an ihm vorbei, wobei er eigentlich stetig offenbart, dass er sich in diesem Leben verloren fühlt. Clays Treiben durch seinen Alltag steht symbolisch für diesen inneren Verlust von Zugehörigkeit. Man kann ihn als Figur definitiv nicht mögen, verfolgt aber diese unverständlich daherkommende Welt mit Faszination. Die ästhetische Umsetzung ist gelungen und liefert durchaus  ein passendes Zeitporträt der 1980er Jahre mit erhöhtem Einfluss von Popkultur und ein Hollywood, welches sich als Ort der Wünsche inszeniert, doch hinter dieser Fassade emotionslose Welten verbirgt. Die fehlende narrative Entwicklung von Clay als Figur kann man sicherlich als monoton empfinden, doch genau um dieses Gefühl geht es. Alle Figuren bleiben flach, die Prostitutionsszene wird ohne Details geschildert und blendet damit durchaus einen bestimmten Grad an Schreck aus.

„Hat dich eigentlich nicht gestört, dass viele von den Figuren mittendrin einfach rausgefallen sind, dass sie plötzlich weg waren, ohne dass man wusste, warum?“

Ellis, Bret Easton: Unter Null, Kiepenheuer und Witsch 2009, S.125.

Dieses Zitat könnte genauso gut den Roman statt einen Film beschreiben. Keine Figur  erhält eine Tiefe und sie wirken förmlich austauschbar. Ellis zeigt in seinem Roman Popkultur, Gewalt und übermäßigen Konsum und provoziert mit seinem Stil, den er in weiteren Romanen, wie unter anderem seinem Riesenerfolg „American Psycho“, fortsetzt. Mit seinem Buch ist er ein Wegbereiter einer Literatur, die sich diesen Themen in einer radikaleren Form der distanzierten Schilderungen nähert. Die Thematisierung von Konsum, Medien und Identitätsverlust prägt, ausgenommen von der Gewalt, auch die deutsche Popliteratur. Formal ist dies auf dem deutschsprachigen Markt weniger radikal und doch sind Einflüsse auszumachen. Mir persönlich liegen die deutschsprachigen Romane mehr und doch habe ich Ellis ebenfalls gerne gelesen.

Fazit:

Dieser kompromisslose Roman erschreckt mit einer Wucht und ist genau deshalb ein ästhetisch starkes Buch. Auch wenn es eigentlich nur ein stetiges Beobachten ist, so kann man dem Buch durchaus die zentrale Botschaft einer drastischen Konsumkritik zuschreiben. Die Welt der Reichen in Los Angeles wird als eine Fassade dekonstruiert. Ellis setzt auf eine besondere Atmosphäre und porträtiert eine verlorene Generation, die emotionalen Halt verloren hat. Die nüchterne Sprache ist Stärke und Schwäche zugleich, denn sie macht den Roman einzigartig, erschwert aber auch ein zugängliches Lesen. Ellis hat mit seiner radikalen Fokussierung auf Oberfläche und dem Verweigern von emotionalen Figuren einen starken Einfluss auf die internationale Literatur, auch absehbar an der deutschen Popliteratur, gehabt. Wer sich auf dieses schockierende Erlebnis einlässt, kann auch hier eine andere Form sprachlicher Kraft kennenlernen.

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Wertung: 🐧🐧🐧🐧🐧

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Titel: Unter Null

ISBN: 978-3-462-03700-5

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