Friedman, Michel: Mensch !

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Ich bin immer wieder Gast auf Lesungen, besuche die beiden großen Messen in Deutschland und versuche so, direkten Kontakt mit anderen Buchbegeisterten zu bekommen, aber auch die Autor:Innen nochmals anders zu erleben. Manchmal ziehen mich bei solchen Veranstaltungen Menschen komplett in ihren Bann, und dies sind besonders schöne Erlebnisse. Einen solchen Moment durfte ich auf der letzten Buchmesse erleben, als ich beim Stand der Süddeutschen Zeitung ein Gespräch mit Michel Friedman erleben durfte. Friedman ist ein streitbarer Zeitgenosse, aber auch ein äußerst kluger Kopf. Der Publizist und Jurist äußert sich immer wieder zu gesellschaftlichen Debatten und lebt zugleich mit dem in Deutschland wieder erwachenden Antisemitismus. Das Gespräch auf der Frankfurter Buchmesse widmete sich seinem 2025 im Berlin Verlag erscheinenden Buch „Mensch!“, in welchem er seine tiefe Sorge um den Zustand unseres gesellschaftlichen Miteinanders und damit verbunden der Demokratie äußert. Mich haben seine Worte extrem bewegt und dies ging vielen anderen Zuhörer:Innen ebenso. Ich kann mich an keinen ähnlich emotionalen Buchmessemoment in den vergangenen Jahren erinnern. Im Untertitel heißt es „Liebeserklärung eines verzweifelten Demokraten“ und dies macht deutlich, dass in seinem Buch viel Leidenschaft steckt. Für Friedman hat dieses Buch bewusst eine persönlich-emotionale Dimension. Er geht von dem aus, was ihm seine Eltern, Überlebende des Holocaust, an lehrreichen Worten mit auf den Lebensweg gegeben haben. Menschen, die den Holocaust überlebt haben und sich zur Gesellschaft äußern, sind aufgrund ihres Umgangs mit Schuld und Verantwortung für mich besonders beeindruckend. Friedman möchte ein gesellschaftliches Umfeld bewahren, welches seinen Eltern das Überleben und weitere Leben und ihm sein bisheriges Leben ermöglicht hat. Für ihn ist es unverständlich, warum Menschen sich wieder Rechtsextremisten zuwenden und damit den Anschein erwecken, nichts aus der Geschichte gelernt zu haben. Er möchte dieser Entwicklung entgegentreten.

„Ich machte ihnen und mir klar, warum ich dort stand: weil ich frei sein will. Wie alle Menschen. Weil ich gleich sein will. Wie alle Menschen. Weil ich frei leben will, und will, dass alle Menschen frei leben können.“

Friedman, Michel: Mensch!, Berlin Verlag 2025, S.18.

In diesen Worten drückt sich sein sehnlichster Wunsch aus, zugleich kann man in diesen Worten der eingangs erwähnten Leidenschaft nachspüren. Der vorgelegte Text ist dicht und arbeitet mit kurzen Sätzen und intensiven Wiederholungen. Als Sohn von Shoah-Überlebenden hat Friedman stetig die Auswirkungen von Intoleranz, Ausgrenzung und Diktatur vor Augen, zudem erlebt er selbst Antisemitismus. Er erkennt in unseren gesellschaftlichen Debatten eine Entwicklung, die Polarisierungstendenzen und Hass normalisiert. Anstatt eine Analyse dieser Entwicklung zu liefern, setzt er auf ein appellatives Buch und möchte uns alle wachrütteln. Hierfür wird ein hoher Grad an Emotionen im Text verarbeitet. In bewusst zugespitzten Passagen wird man als Leser:in angesprochen und diese Worte haben Wirkung. Durch die Verknüpfung seiner eigenen persönlichen Erfahrung ist die Lektüre ein intensiver Austausch. Es ist Friedman wichtig zu betonen, dass er beim Blick auf die gesellschaftlichen Tendenzen nicht nur extreme Positionen im Blick hat, sondern er nennt Beispiele, an denen sich zeigt, dass dies auch in der gesellschaftlichen Mitte geschieht. Wiederkehrend weist er darauf hin, dass ein angemessener gesellschaftlicher Umgang viel mit Bildung zu tun hat. Bildung hilft, Geschehenes korrekt einzuordnen und daraus Lehren zu ziehen und das eigene Verhalten zu hinterfragen.

„Es ist doch die Vielfalt, die es uns ermöglicht hat, über das Denken nachzudenken. Unsere eigene Widersprüchlichkeit nicht mehr als Bedrohung, sondern als Ansporn zu verstehen. Sie hat uns Wissen, Wissenschaft gebracht. Sie hat uns gezeigt, dass Suchen und Weitersuchen die Kraft des Fortschritts sind und dass Wissen nicht ewig gilt.“

Friedman, Michel: Mensch!, Berlin Verlag 2025, S.11.

Ich finde, dieses Zitat ist der beste Werbeslogan, den man einer bunten und vielfältigen Gesellschaft geben kann. Ich liebe es auch deshalb zu lesen, weil gut geschriebene Romane mich dazu bringen, mich in andere Menschen hineinzuversetzen. Ich habe in meinem Leben viele Menschen kennengelernt, die mich dazu gebracht haben, über eigene Ansichten nachzudenken. Nicht immer führt das zu Veränderungen, aber es bringt mich immer weiter. Ausgehend von solchen persönlichen Erfahrungen stellt Friedman heraus, dass diese Art, miteinander in Dialog zu treten, ein Kernelement einer fortschrittlichen Gesellschaft ist. Polarisierung und Pauschalisierung führen dazu, dass man über das eigene hinweggeht, sich mit dem Gegenüber nicht intensiv auseinandersetzt, sondern bei den  eigenen Punkten verharrt. Unsere Gesellschaft verliert dadurch an Dynamik.

Tragendes Prinzip seines Buches ist, dass jeder Mensch Würde und Rechte besitzt und es nichts Wichtigeres gibt, als das Menschsein zu schützen. Für Friedman ist dies nicht verhandelbar, sondern dieses humanistische Verständnis ist Kern einer Demokratie.

„Gleichgültigkeit ist die stille Komplizin jeder Ungerechtigkeit, jeder Gewalttat. Sie ist nicht neutral. Sie ist gefährlich. Wo Gleichgültigkeit Alltag ist, verschwinden Schutz und Sicherheit. Es wächst der Raum für ungezügelten Hass, Gewalt. Für Angst. Und Angst ist der mächtigste Feind des Menschen und der Demokratie.“

Friedman, Michel: Mensch!, Berlin Verlag 2025, S.22.

In diesem letzten Zitat wird deutlich, was mich persönlich an diesem Buch und am Auftreten Friedmans gepackt hat. Es ist seine direkte Ansprache, denn er macht deutlich, dass mir all diese Entwicklungen nicht gleichgültig sein dürfen. Wir verhalten uns nach Friedman wie Gäste des Schlafwagens und merken gar nicht, in welche Richtung unser Zug steuert. Mit seinem Buch möchte er uns alle auffordern, mehr zu tun. Für ihn ist es unverständlich, dass es bei den etablierten politischen Parteien zu wenig Einsatz gibt, um der Demokratieverdrossenheit entgegenzuwirken. Für Friedman fehlt an vielen Stellen die Leidenschaft. Zugleich hält er uns den Spiegel vor, denn einige seiner Beispiele dürften jedem/r Leser:In bekannt vorkommen und sicherlich sind wir nicht immer dagegen aufgestanden. Ich habe mir durch die Lektüre seines Buches vorgenommen, dass ich dies zukünftig klarer machen werde. Mich haben Lektüre und Veranstaltung sehr bewegt. Ich habe auch wieder begonnen, meine politische Pause zu hinterfragen, habe aber vor allem mitgenommen, dass jeder Einzelne sich für die Demokratie engagieren muss. Demokratie zu verteidigen bedeutet, die Basis unseres freien Lebens zu schützen, und das sollte für jeden Motivation sein.

Fazit:

Michel Friedmans schmaler Band hat eine intensive Wirkung auf mich. Dies geschieht auch durch seinen poetischen Stil. Pointierte Aussagen, die oftmals wiederholt werden, auch mit Lautmalerei spielen und damit noch intensiver in mich dringen. Friedman bewegt mit seinem Buch, wählt Emotionen als Basis und ist schon deshalb ein ganz anderer Blick auf Gesellschaft. Mit seinem Buch wird deutlich, dass es bei gesellschaftlichen Debatten nicht nur um Rationalität, sondern auch um Emotionen geht. Die Leidenschaft des Autors ist durchgehend spürbar und für mich ein Signal, emotionsgeladener Hetze mit eigener leidenschaftlicher Emotion begegnen zu können. Es geht nicht darum, dass wir alle immer einer Meinung sein müssen, aber wir müssen respektvoll miteinander agieren. Unser demokratisches System lässt genau dies zu. Ich möchte nicht in einem Land wie den aktuellen Vereinigten Staaten aufwachen, bei dem Meinungsfreiheit mit allen Mitteln bekämpft wird. Friedmans Buch ist ein kraftvoller Beitrag zur demokratischen Krise und ich kann das Buch nur jedem empfehlen, mich wird dieses Buch noch lange beschäftigen.

Werbung aus Liebe zum Buch

Wertung: 🐧🐧🐧🐧🐧🐧

Titel: Mensch! Liebeserklärung eines verzweifelten Demokraten.

ISBN: 978-3-8270-1507-5

https://www.piper.de/buecher/mensch-isbn-978-3-8270-1507-5

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