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Während der Frankfurter Buchmesse im Jahr 2024 habe ich, wie in jedem Jahr, an der traditionellen Veranstaltung „Literatur im Römer“ teilgenommen. Dort durfte ich Arno Geiger mit seinem Roman „Reise nach Laredo“ erleben. Ich hatte den bei Hanser erschienenen Roman schon vorher auf einer Merkliste, war mir aber mit der Lektüre nicht ganz sicher. Die am Abend präsentierten Textpassagen haben mich jedoch überzeugt, und so hat das Buch nun seinen Weg auf diesen Blog gefunden. Arno Geiger zählt zu den bekanntesten deutschsprachigen Gegenwartsautoren und hat im Jahr 2005 den Deutschen Buchpreis gewonnen. In „Reise nach Laredo“ wendet er sich dem historischen Herrscher Kaiser Karl V. zu.
„Mit Jenseits und Unsterblichkeit ist es so eine Sache. Weil der Tod ein unlösbares Rätsel ist, hat irgendwer es durch ein hinter dem Tod platziertes anderes Rätsel ersetzt, abgeschirmt vom vorne liegenden Rätsel, so dass man das dahinter liegende Rätsel nie wird lösen können.“en? Es geht doch um Anarchie, Chaos, Rebellion, Subversion.“
Geiger, Arno: Reise nach Laredo, Hanser Verlag 2024, S.175.
Dieses Zitat ist ein anschauliches Beispiel für die Sprache des Romans. Arno Geiger findet in diesem Buch immer wieder philosophische Töne, um sich mit der Gegenwärtigkeit und Vergänglichkeit eines Lebens auseinanderzusetzen. Der Roman setzt im Jahr 1558 ein. Kaiser Karl V. lebt nach seiner Abdankung in einem Kloster in Spanien. Zwei Jahre zuvor hat der Kaiser abgedankt und das Reich auf seinen Sohn und seinen jüngeren Bruder aufgeteilt. Karl leidet an Gicht, immer wieder schwächen ihn Fieberanfälle. Eines Nachts entscheidet er sich, das Kloster zu verlassen. Begleitet wird er dabei von seinem unehelichen Sohn Geronimo. Dieser Sohn ist äußerst schweigsam, allerdings sehr sensibel im Umgang mit seinem Vater. Ziel der beginnenden gemeinsamen Reise ist Laredo, denn aus diesem Ort ist Karl einst nach Spanien übergesetzt, um sein Weltreich zu übernehmen. Die Reise ist eine zurück zu den eigenen Ursprüngen und gleicht einer Reise, die zugleich eine Abschiednahme vom Leben sein könnte. Bei seiner Reise begegnet Karl den einfachen Menschen seines ehemaligen Reiches, Bauern, Soldaten, Gastwirten, aber auch einem Mädchen und ihrem Bruder, die ihn an die eigene Jugend erinnern. Der Roman beschäftigt sich intensiv mit dem drohenden Tod, die Reise ist kein Ausgangspunkt für eine Bilanz, sondern entfernt den ehemaligen Kaiser von seiner Macht und zeigt ihm deren Vergänglichkeit auf.
„Er mag es nicht, wenn jemand die Unverständlichkeit der Welt rechtfertigt. Er, der sich des Wohlgefallens, das Gott an ihm hat, bei weitem nicht sicher ist, wäre gerne ohne Zweifel. Seine Zweifel machen ihm Angst.“
Geiger, Arno: Reise nach Laredo, Hanser Verlag 2024, S.39.
Arno Geiger macht aus einer historischen Machtfigur einen alternden, zerbrechlichen Menschen, der sich auf sein Lebensende vorbereitet. Die historische Figur rühmte sich, Kaiser eines Reiches zu sein, in dem niemals die Sonne unterging. Karl musste während seiner Regentschaft Kriege gegen Frankreich und das Osmanische Reich führen und sich mit der Reformationsbewegung auseinandersetzen. Arno Geiger blickt jedoch nicht auf diese Hintergründe, hält sich auch nicht nur an dokumentierte Ereignisse. Karls Rückzug ins Kloster ist historisch verbürgt, die Reise nach Laredo ist literarische Fiktion. In den Roman hat Geiger jedoch die geistige Situation des 16. Jahrhunderts eingearbeitet. Es geht bei Karls Reflektionen innerhalb der Geschichte um religiöse Brüche, apokalyptische Ängste, ausgelöst vom Neuen, und damit auch um das Infragestellen der Aspekte, an die Karl lange geglaubt hat. Arno Geiger nutzt den unehelichen Sohn und das junge Geschwisterpaar als Antagonisten, die den ehemaligen Kaiser an seine eigene Herkunft und an sein eigenes Aufwachsen erinnern. Sie stehen für ein Leben im Aufbruch, während das eigene Leben sich dem Ende nähert. Immer wieder wird dies auch anhand des kranken Körpers Karls symbolisch sichtbar.
Deutlich spielt der Roman in seiner Gestaltung intertextuell auf „Don Quijote“ an und die Reise wird zur Prüfung der eigenen Identität. Karl lernt bei dieser Reise, was es heißt, nicht mehr Kaiser zu sein, da die Menschen ihm nun anders begegnen. Karl muss verarbeiten, was von seinem Leben voller Macht ohne die Krone übrig bleibt. Er muss zugleich erkennen, dass seine Regierungstätigkeiten von seinem Volk auch Opfer verlangt haben. Karl lernt mit seiner Reise Demut.
„Verschiedentlich hat er bei den Leuten hier durchblicken lassen, dass er nicht die Absicht hat, noch viel älter zu werden, ihm ist klar, sie glauben ihm nicht, sie glauben, er hat vielleicht die Möglichkeit zu sterben, wird sich im letzten Moment aber anders besinnen und noch eine Weile damit fortfahren, sich langsam zugrunde zu richten.“
Geiger, Arno: Reise nach Laredo, Hanser Verlag 2024, S.18.
Dieses Zitat offenbart nochmals, dass Karl erkennen muss, dass ihn die Leute als Herrscher nicht nur positiv gesehen haben. Geiger lässt seine Figur mit sich selbst ringen und ihn auch seine Vaterrolle mit Geronimo nochmals in anderer Form erleben. Grundsätzlich bietet der Text mit seiner literarischen Sprache und dem Fokus auf die Entmythologisierung einer historischen Figur viele spannende Punkte. Mich kann der Roman aber nicht fesseln, da mich seine Ereignislosigkeit anstrengt. Das Buch kreist um elementare Fragen, verknüpft diese jedoch nicht mit einer temporeichen Handlung, sondern die geschilderte Reise ist vielmehr eine Suche mit Bedacht. Ich kann die literarische Qualität durchaus anerkennen, aber nur wenig Unterhaltungswert aus dieser Lektüre ziehen.
Fazit:
Mich hat die Lektüre des Buches schlussendlich etwas enttäuscht. Die gelesenen Textstellen während Literatur im Römer waren toll und solche Stellen finden sich immer wieder im Text, doch sie schaffen es nicht, den Roman zu tragen. Ich finde es spannend, dass Geiger eine historische Figur in ihrer Vergänglichkeit und Machtlosigkeit zeigt, doch für mich passen Sohn und das junge Geschwisterpaar als Gegenfiguren nicht ganz. Die Verknüpfungen des Buches erschließen sich mir nicht in allen Knotenpunkten, einige Bezüge sind in ihrer Anspielung sogar zu simpel. Insgesamt ist es ein literarisches Werk, welches auf hohem Niveau Sprache verdichtet und intertextuelle Verweise verarbeitet. Aus meiner Sicht fehlt dem Roman jedoch eine tiefergehende Ebene, die rückblickend die gesellschaftliche Politik des Kaisers näher betrachtet. Deshalb gibt es von mir für dieses Buch nur eine durchschnittliche Bewertung.
Werbung aus Liebe zum Buch
Wertung: 🐧🐧🐧
Titel: Reise nach Laredo
ISBN: 978-3-446-28118-9
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