Gräfe, Daniel: Wir waren Kometen

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Mit meinem Bücherblog verbinde ich auch die Zielsetzung, dass ich neue Verlage und  unbekannte Autor:Innen entdecke. Während der letzten Buchmesse ist mir durch eine Veranstaltung ein solches Buch nähergebracht worden. Daniel Gräfe ist der mir bis dato unbekannte Autor des Romans „Wir waren Kometen“, erschienen bei Danube Books. Gräfe ist als Kultur- und Wirtschaftsredakteur tätig und hat schon Erfahrungen in der Arbeit in sozialen Projekten in einigen Teilen der Welt gesammelt. Sein Debütroman erscheint bei einem kleinen Verlag, der sich der Förderung von Literatur aus den Donauländern verschrieben hat. Der Roman ist eine Roadnovel, die ihre Hauptfigur bei einer Entwicklungsreise begleitet. Die Reise führt den Protagonisten nach Rumänien und damit in eine Donauregion.

„Ich hatte gedacht, dass all das, was ich an Luba noch nicht verstand, sich mit der Zeit fügen würde, auch durch unsere Geschichten. Anstatt die Gegenwart mit der Vergangenheit zu erklären, hatten wir das Vergangene nur wieder aufgerissen.“

Gräfe, Daniel: Wir waren Kometen, Danube Books 2024, S.36.

Mit diesem Zitat sind wir inmitten der zentralen Liebesgeschichte, welche uns dieser Roman erzählt. Lukas wird an seinem Geburtstag von einer Stimme der Vergangenheit angerufen. Luba ist auf der anderen Seite der Leitung und sie ist die Frau, mit der Lukas eine intensive Liebesbeziehung in Berlin geführt hat. Dadurch werden Erinnerungen an eine große Liebe, aber auch den damit verbundenen  Schmerz wieder wach. Lukas entscheidet sich, dieser Vergangenheit nachzuspüren und Luba zu suchen. Dies ist der Start einer abenteuerlichen Reise, die ihn nach Rumänien führen wird. Die Reise gleicht einer Detektivarbeit, denn wir erfahren in Rückblenden von der gemeinsamen Liebe und welche Ziele sich Luba damals gesetzt hat. Die Reise stellt Lukas durchaus vor Herausforderungen, lässt ihn aber auch seine eigene Zeit nach der Beziehung mit Luba kritisch reflektieren. Lukas’ Geschichte ist weitergegangen nach Lubas Weggang, ihren Weg muss der Roman sich erst erschließen. Er freundet sich in der Walachei mit einem Bauern an und beginnt durch diesen, die Geschichte Rumäniens zu begreifen. Er stößt auf Geheimnisse in Lubas Kindheit und beginnt zu verstehen, was ein Leben in der kommunistischen Diktatur unter Ceausescu bedeutet.

„Ich möchte mich von den Worten nähren. Ich möchte mein Leben fortsetzen, wo es stehen geblieben ist, als ich zehn war. Ich möchte noch einmal wachsen.“

Gräfe, Daniel: Wir waren Kometen, Danube Books 2024, S.70.

Luba hat die gemeinsame Beziehung vor Jahren verlassen und in diesem Zitat wird deutlich, dass es ihr dabei um ein Verständnis für die eigene Herkunft ging. Zunächst hatte sie das Ziel, sich in Italien mit Mode selbstständig zu machen. Allerdings muss sie dort erkennen, dass sie nicht ankommen kann. Sie entscheidet sich folglich, in ihre Heimat zurückzukehren. Dort muss sie sich auch dem harten Leben der Vergangenheit stellen und sich mit Menschen auseinandersetzen, die sie verletzt haben. Ihre Zeit in Rumänien hat sie nachhaltig geprägt und hat sicherlich auch Auswirkungen auf ihren Charakter. In der Beziehung mit Lukas bleibt sie verschlossen, ermöglicht ihm nicht, an ihren Traumata teilzuhaben, und ihm somit vielleicht zu helfen. Ihre Liebe zu Lukas ist ehrlich, und doch kann sie sich nie gänzlich fallen lassen. Lukas beeindruckt an ihr, dass sie immer einen starken Willen präsentiert  und sich behauptet. Die romantische Beziehung durchlebt Höhen und Tiefen und scheitert an verschiedenen Lebensentwürfen. Wieder einmal stellt ein Roman die Identitätssuche seiner Figuren in den Vordergrund. Nie ist die geschilderte Beziehung klischeebetont beschrieben, sondern Gräfe wählt intensive, knappe Dialoge und lyrische Sprachbilder, welche Bilder für die Figurenbeziehung liefern, die man so noch nicht kennt. Die Ambivalenz der Liebe bleibt durchgehend, doch es ist Lukas, der all die gemeinsamen Erinnerungen nicht verloren geben will. Seine Reise ist der Motor dieser Erzählung und er erkennt während des Roadtrips, dass er selbst ebenfalls nach Freiheit strebt und nicht wie vermutet ausschließlich nach persönlicher Sicherheit.

„Ich möchte, dass mein Leben kein Missverständnis war.“

Gräfe, Daniel: Wir waren Kometen, Danube Books 2024, S.141.

Treffender kann man das Ziel einer Identitätssuche nicht beschreiben. Schlussendlich geht es beiden Figuren in ihrem Handeln darum, dass sie sich selbst ergründen, sich selbst eine passende Chance geben. Die Reise ist zugleich eine Entwicklungsgeschichte für Lukas. Die Ergründung der Lebensgeschichte von Luba zeigt ihre Entwicklung und die Hindernisse. Lukas stellt sich bei seiner Reise verdrängten Gefühlen. Lubas Rückkehr nach Rumänien ist ihr mutiger Schritt, sich den grausamen Erlebnissen des Aufwachsens in einer Diktatur zu stellen. Der historische Hintergrund hat Narben hinterlassen, doch Lubas Ziel ist es, die Kontrolle über sich selbst zurückzugewinnen. Der Roman packt dies alles gut zusammen, und doch fehlt ihm an mancher Stelle ein narrativer Kompass. Für mich ist der Kontakt zum Bauern vollkommen überraschend und irgendwie ist dieser Zufall unpassend. Die lyrische Sprache überlagert an mancher Stelle den Plot, anstatt ihn zu stärken.

Fazit:

Daniel Gräfes Roman ist eine spannende Kombination zweier Lebensgeschichten, deren Gegensätze den gleichen Mut erfordern. Durch einen Roadtrip und die Detektivarbeit zeigen sich die Herausforderungen und die Parallelen. In diesem Konstrukt ist der Roman richtig gut gebaut, allerdings ist er nicht immer stringent erzählt und fordert bei seiner Leserschaft hohe Konzentration durch die vielen Szenenwechsel. Der Roman widmet sich den großen Themen Herkunft, Lebensträume und Freiheit und kann diese nicht alle in ihrem ganzen Horizont erfassen. Trotzdem ist dies ein beachtenswertes Debüt, welches gute sprachliche Stellen hat und eine interessante Grundidee verarbeitet.

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Wertung: 🐧🐧🐧🐧

Titel: Wir waren Kometen

ISBN: 978-3-946046-41-7

https://www.danube-books.eu/daniel-graefe-wir-waren-kometen

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