Heidtmann, Andreas: Bei den  Mindener Brüdern

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Bei der Suche nach neuer Lektüre studiere ich immer wieder intensiv die Verlagsvorschauen und achte dabei gezielt auf kleinere Verlage. Die Frankfurter Verlagsanstalt hat mir schon viele schöne Lesemomente geschenkt und mir ist der Titel  „Bei  den Mindener Brüdern“ aufgefallen, der 2004 in diesem Verlag erschienen ist. Andreas Heidtmanns Roman hat mich wegen seines Klappentextes angesprochen, da er einen Blick  auf eine Jugend in den 70er Jahren wirft. Ich lese solche Texte gerne und habe mich deshalb auf die Lektüre gefreut. Der Roman ist Teil einer autobiografisch geprägten Reihe über den Protagonisten Ben Schneider. Schon zuvor hat Heidtmann zwei Bücher mit diesem Protagonisten veröffentlicht. Das Buch schildert die Jugend von Ben Schneider, der kurz vor dem Abitur in ein Franziskanerkloster geschickt wird. Seine Mutter erkrankt schwer und deshalb ist für den Vater ein Internat eine gute Lösung.

„Es musste eine unbekannte Zwischensphäre geben, die weder Licht noch Schatten war und in der das Herz einen Rhythmus fand, der zur Abgeschiedenheit dieses Ortes passte.“

Heidtmann, Andreas: Bei den Mindener Brüdern, Frankfurter Verlagsanstalt, S.256f.

Dieses Zitat ist eine prägnante Beschreibung für den neuen Ort, an dem sich Ben Schneider nun befindet. Schneiders Mutter leidet höchstwahrscheinlich an einer schweren Depression und ist die Grundlage eines Bruchs in seinem Leben. Ben muss sich in der neuen Situation zunächst zurechtfinden und  vor allem auch die Trennung von Familie und Freunden verarbeiten. Sein Tagesablauf verändert sich, er muss sich den religiös fundierten Regeln anpassen, zu denen unter anderem regelmäßige Gebete zählen. Kontakt in seine vorherige Welt kann er nur schwerlich durch geringe Telefonzeiten halten. Allerdings ist diese gestörte Kommunikation zugleich Sinnbild für die Kommunikation innerhalb der Familie Schneider. Bens Vater kann nicht offen über die Probleme  der Mutter sprechen, benennt diese immer nur mit „Schwermut“, und dies überträgt sich auf Ben, welcher der Krankheit der Mutter nicht zu viele Gedanken  widmet und immer nur um den eigentlichen Kern kreist. Das strukturierte Leben des Klosters kann ihm Halt bieten, zeigt ihm jedoch ebenfalls, dass es Lücken für kleine Rebellionen gibt. Für Ben sind diese vor allem die Sehnsucht nach seiner Freundin Rebecca.

„Ich wollte sagen, dass ich bis zum Sommer nicht warten könne, war aber plötzlich zu erschöpft, um überhaupt ein Wort herauszubringen, und dachte,  dass jeder Tag, an dem man erwachte, nicht nur ein guter Tag war, sondern zu Überschwang berechtigte, wenn man wusste, dass jemand bereit war, mit einem das Unmögliche zu versuchen.“

Heidtmann, Andreas: Bei den Mindener Brüdern, Frankfurter Verlagsanstalt 2024, S.306.

Bens Auseinandersetzung mit der familiären Situation zeigt sich vor allem in der Selbstfindung. Es ist mir zunächst nicht ganz klar, ob es bei seinen Schilderungen von Treffen mit Freunden um vergangene Treffen oder aktuelle geht, denn der Roman wechselt immer wieder zwischen Rückblenden und Schilderungen des Lebens im Klosterinternat. Schneider ist mit seinen Freunden Teil einer Band. Deren Name „Crazy Hearts“ könnte für die Heranwachsenden nicht treffender sein. Rebecca hat ebenfalls musikalische Ambitionen und Heidtmann streut für das Lebensgefühl der Siebzigerjahre immer wieder passende musikalische Hinweise ein. Ben durchlebt mit seinen Freunden die Höhen und Tiefen eines Teenagerlebens, feiert kleine Rebellionen und gibt sich gerne der Gruppendynamik hin. Im Beisein seiner Freunde oder Rebecca versprüht der Text Lebendigkeit, die er im familiären Umfeld nicht zeigen kann. Einzig Bens Tante scheint noch eine Kommunikation mit der depressiven Mutter führen zu können, der Rest der Familie muss scheinbar tatenlos zusehen. Ben glaubt jedoch bei einem Kurbesuch ein Anzeichen eines Lächelns zu entdecken, einen Moment, den er gerne konserviert. In diesen zärtlichen Beschreibungen zeigt sich eine innige Verbindung zur Mutter, die es in Szenen mit dem Vater nicht in gleichem Maße gibt. Der Text ist dann immer stark, wenn er solche kleinen Momente der innigen Gefühlswelt zeigt und auf diese Weise auch die Trennung von der Familie verarbeitet. Der Tod der Mutter wirkt wie das Ende eines eingeschlagenen Abschiedswegs und ist doch ein weiterer Einschnitt, über den man sicherlich in anderen Büchern der Reihe wird lesen können.

„Dass es im Käfer noch beengter zuging als sonst, lag nicht nur am knapp bemessenen Raum, sondern auch an meiner Cousine und meiner Tante, die, wie meine Mutter es ausdrückte, etwas mollig waren.  Es war freundlich und keineswegs abfällig gemeint, denn für meine Eltern war es weitaus bedenklicher, einem Schlankheitsideal zu folgen. Man geriet in den Verdacht, nicht ausreichend zu essen oder doch nicht das Richtige oder gar an einer Krankheit zu leiden.“

Heidtmann, Andreas: Bei den Mindener Brüdern, Frankfurter Verlagsanstalt 2024, S.54.

An diesem Zitat zeigen sich der Tonfall und die Stilistik des Buches. Die Sprache setzt auf stimmungserzeugende Sprache, die einen sofort in die geschilderten Situationen zieht. Ich habe bei diesen Worten die Eltern und die Enge des Autos direkt vor Augen. Die Sprache ist bildhaft, erzeugt Momente der Melancholie und setzt diesen Momenten kurze Momente einer aufflackernden Freiheit entgegen. Die Schilderung der jugendlichen Lebenswirklichkeit betont die Sinne und macht deshalb dieses Leben nahbar. Der dosiert eingesetzte Humor sorgt für eine ausgewogene Balance und schwächt damit nicht die Ernsthaftigkeit der geschilderten Themen.

Fazit:

Dieser Roman  ist ein feines Porträt einer Jugend, welche familiäre Brüche verarbeiten  muss. Die Zeit des Heranwachens im Kloster wird der jugendlichen Sehnsucht gegenübergestellt. Die gewählte Sprache schafft Atmosphäre, ist für die geschilderte jugendliche Welt passend. Der Roman changiert zwischen melancholischen Momenten und jenen, in denen sich Freiheiten und Möglichkeiten zeigen. Die Figuren des Romans entstehen immer wieder in Einzelmomenten, bleiben meiner Meinung nach gegenüber dem Ich-Erzähler immer etwas blass. Mir fehlt der zentrale Konflikt in diesem Buch. Natürlich ist die  Identitätssuche der Hauptfigur  Hauptthema, aber durch die Kommunikation der Figuren abseits klarer Worte, bleibt vieles in diesem Buch vage. Dadurch ist die Aufgabe, die Handlung zu ordnen, vor allem eine der Leserschaft. Für mich fehlt aber ein Kick-Moment, der mir die Lust auf diese Arbeit gibt. Ich habe das Buch mit seiner sprachlichen Qualität gerne gelesen, aber es fehlen mir Überraschungsmomente. Wer einen melancholischen, ausbalancierten Text über eine Jugend  in den  Siebzigerjahren schätzt, wird Freude am Text haben.

Werbung aus Liebe zum Buch

Wertung: 🐧🐧🐧🐧

Titel: Bei den Mindener Brüdern

ISBN: 978-3-627-00322-7

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