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Bei meiner Suche nach Lektüretipps für Frühjahr und Sommer und beim Durchforsten der Krimineuerscheinungen der letzten Jahre bin ich auf das Buch „Dunkles Donautal“, das 2024 im Gmeiner Verlag erschienen ist, gestoßen. Es handelt sich um den Debütroman von Jeremias Heppeler und den Auftakt einer Reihe mit Kommissarin Tilda Marder. Jeremias Heppeler lebt und arbeitet in Fridingen an der Donau im Donautal als Künstler, Autor und Filmemacher. Er ist nicht nur literarisch, sondern auch theater- und filmkünstlerisch tätig.
Der Roman spielt im Donautal auf der Schwäbischen Alb und verknüpft Ermittlungen mit Heimatroman, ohne dabei platt zu werden.
„Wieder die ändernden Zeiten. Schon das zweite Mal heute. Nirgendwo wurde so oft über sie gesprochen wie auf dem Dorf.“
Heppeler. Jeremias: Dunkles Donautal, Gmeiner Verlag 2024, S.57.
Die junge Kommissarin Tilda Marder wird durch einen brutalen Mordfall zurück an den Ort geschickt, den sie eigentlich hinter sich lassen wollte: ihr Heimatdorf im Donautal. Der 16-jährige Peter wird tot an einem Aussichtspunkt aufgefunden. Besonders verstörend ist das schwarze Kreuz, das aus seinem Hals ragt. Es liegt somit ein brutaler symbolhafter Mord vor, welcher so gar nicht in die Gegend zu passen scheint. Schnell geraten drei Brüder ins Visier der Ermittlungen. Sie gelten als Außenseiter, leben am Rand der Dorfgemeinschaft und werden von vielen Bewohnern ohnehin mit Misstrauen betrachtet. Tilda erkennt bei ihren Ermittlungen jedoch, dass hier ein pauschales Dorfphänomen um sich greift und soziale Ausgrenzung repräsentiert. Tilda hat als Rückkehrerin auf dieses Phänomen einen anderen Blick. Aber auch Tilda muss sich mit ihrer eigenen Dorfvergangenheit auseinandersetzen. Alte Beziehungen, verdrängte Konflikte und ungelöste Fragen ihrer Jugend holen sie ein. Die Rückkehr wird für sie zu einer emotionalen Zumutung. Immer wieder muss sie zwischen professioneller Distanz und Vertrautheit wählen, um die Objektivität ihrer Ermittlungen nicht zu gefährden. Im Verlauf der Handlung wird deutlich, dass nicht nur der Mord aufgeklärt werden muss, sondern auch das Dorf selbst ein System des Verschweigens darstellt und sie dafür auch die eigene Familie befragen muss.
„Es hatte sie geekelt, zurückzukommen. Sie hatte Angst gehabt von der Heimat absorbiert zu werden. Erstickt. Aber es war anders gekommen. Die gekappten Wurzeln hatten gekuscht wie feige Blindschleichen. Alle hatten sich überschwänglich gefreut, sie wiederzusehen. Die Verwandten. Die Nachbarn. Die alten Mitspielerinnen. Und genau das war der Unterschied. Wenn die Karaseks irgendwann wegzogen, dann würde das Dorf aufatmen. Das wäre ein Auf Nimmerwiedersehen. Da blieb keine Wurzel zurück. Nur abgebrannte, lose Enden.
Heppeler. Jeremias: Dunkles Donautal, Gmeiner Verlag 2024, S.107.
In diesem Roman hat der Handlungsort eine entscheidende Bedeutung. Natur, Donautal, Aussichtspunkte, Wälder, landwirtschaftliche Höfe und gewachsene Gemeinschaften sind prägend, wobei letztere auch helfen, dunkle Geheimnisse zu verdecken. Man kennt einander und beobachtet sich gegenseitig, was auch innerhalb der Ermittlungen immer wieder schwelende Konflikte offenbart. Heppeler schafft es hier wunderbar, eine Ambivalenz im Heimatbegriff auszustellen. Tildas Rückkehr ist auch deshalb nicht einfach. Tilda ist geprägt von dem Spannungsverhältnis zwischen Weggehen und Zurückkehren. Die bemüht sich um rationales Vorgehen und muss erkennen, dass immer wieder Erinnerungen Emotionen hervorrufen. Sie bleibt hartnäckig dran und hinterfragt auch alte Bilder ihrer Heimat und der in ihr lebenden Personen. Im Umgang mit den verdächtigen Jugendlichen zeigt sie Empathie, und dies alles macht sie zu einer vielschichtigen, aber gelungenen Ermittlerfigur. Für mich ist sie ein starkes Zentrum des Romans.
Heppeler wählt keinen reißerischen Stil, sondern schreibt präzise. Auch die Figurensprache ist gelungen. Nur bei der schweigenden Dorfgemeinschaft hätte es an der ein oder anderen Stelle dichter im Sprachbild sein können, aber trotzdem ist auch die Dorfgemeinschaft gelungen.
„‘Ermittlungsarbeit bedeutet Grundlagenarbeit‘, pflegte Herr Müller zu sagen. Und ja, die meisten Verbrechen waren simpel. Beziehungstaten. Aus der Emotion heraus begangen. Ganz klar. Nichts daran war kompliziert. Alles ließ sich auf die Grundzüge des Menschseins zurückführen.“
Heppeler. Jeremias: Dunkles Donautal, Gmeiner Verlag 2024, S.31.
Die Polizeiarbeit wird realistisch und wenig glamourös geschildert. Es geht um Befragungen, Verdachtsmomente, soziale Dynamiken und das mühsame Zusammensetzen von Informationen. Allerdings agiert Tilda oftmals im Alleingang. Mit dem spektakulären Leichenfund wird eine hohe Spannungserwartung geweckt, welche das Buch allerdings nicht einlöst. Oft konzentriert sich der Krimi auf Ermittlerfigur und Dorfgemeinschaft, verliert dabei aber den Plot und den Spannungsaufbau aus dem Fokus. Mich kann auch die Auflösung nicht begeistern und der Spannungsbogen verliert zum Schluss an Fahrt. Dies ist schade, da der Roman an vielen Stellen richtig gut ist und höheres Potenzial hätte. Trotzdem ist es eine unterhaltsame Lektüre.
Fazit:
Dieser Reihenauftakt punktet mit einer starken Protagonistin, von der man auf jeden Fall mehr lesen möchte. Hier erhält man einen Kriminalroman über Herkunft, Schuld und die Unmöglichkeit, die eigene Vergangenheit ganz hinter sich zu lassen. Die Dorfgemeinschaft ist meist gut getroffen und verleiht dem Roman Tiefe. Leider leidet unter diesem Fokus oftmals der Spannungsaufbau. Die brutale Tat mit symbolischer Fundposition hat durchaus mehr Potenzial, als dieses Debüt es ausspielt. Das Ende enttäuscht deshalb bedauerlicherweise. Insgesamt aber ein lesenswertes Debüt, dessen Fortsetzung ich auch lesen werde.
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Wertung: 🐧🐧🐧🐧
Titel: Dunkles Donautal
ISBN: 978-3-8392-0693-5
https://www.gmeiner-verlag.de/buecher/titel/dunkles-donautal.html
