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Mit Karl May beschäftige ich mich seit meinen Jugendjahren und Hörspiele waren fester Bestandteil meiner Winnetou-Sozialisation. Aus diesem Grund möchte ich mich auf dem Blog auch mit dieser medialen Bearbeitungsform der bekannten May-Stoffe beschäftigen. Beginnen möchte ich mit einer Hörspieladaption von „Winnetou I“ aus dem Jahr 2011. Der RBB und Radio Bremen produzierten unter der Regie von Hans Helge Ott und in der Bearbeitung von Regine Ahrem ein etwa 100-minütiges Hörspiel. Die Produktion wurde in zwei Teilen („Das Greenhorn“ und „Die Blutsbrüder“) erstmals an den Weihnachtsfeiertagen gesendet. Ahrem hält sich in ihrer Bearbeitung an Karl Mays Roman, verdichtet ihn aber gekonnt zu einem Hörspiel. Reiner Schöne, bekannt von der Bühne in Bad Segeberg, gibt die Erzählstimme, welche sich von der Figur Old Shatterhand (gesprochen von Konstantin Graudus) unterscheidet.
Die Inszenierung folgt Old Shatterhand zunächst in seiner Lehrzeit bei Sam Hawkens (Wolfgang Völz). Der vermeintlich unerfahrene deutsche Neuling erweist sich als körperlich und intellektuell fähig, zu einem Westmann heranzureifen. Der Eisenbahnbau ist nicht nur Hintergrund für das erzählte Westernabenteuer, sondern zeigt den Konflikt zwischen den nach neuen Flächen strebenden weißen Einwanderern und der indigenen Bevölkerung. Old Shatterhand erkennt die Widersprüche seiner Arbeit für die Bahn schnell und hat gleich beim ersten Treffen mit Winnetou (Max Hopp) Sympathie für diesen. Jedoch kommt es bei diesem Treffen sogleich zu einem dramatischen Geschehen, denn einer der betrunkenen Westmänner, welche die Eisenbahnarbeiter begleiten, will Winnetou erschießen. Winnetou wird durch seinen Lehrmeister Klekih-Petra gerettet, der sich in den Schuss geworfen hat. Jener Lehrmeister kommt ebenso wie Old Shatterhand aus Deutschland und hat diesem zuvor in einem persönlichen Gespräch seine eigene Geschichte erzählt. Noch im Sterben bittet er Old Shatterhand, sein Werk fortzusetzen und ein Freund Winnetous zu werden. Doch zunächst muss man sich der Rache der Apachen erwehren und stützt sich hierfür auf die Unterstützung der mit den Apachen verfeindeten Kiowa. Shatterhand ist hiervon alles andere als begeistert, doch Sam Hawkens verspricht ihm, dass Winnetou und seinem Vater Intschu-Tschuna nichts passieren soll. Mit Unterstützung der Kiowa gelingt es, die Apachen in einen Hinterhalt zu führen und sie gefangen zu nehmen. Kiowa-Häuptling Tangua möchte seine berühmten Gefangenen sogleich am Marterpfahl sterben lassen. Old Shatterhand verhindert dies durch eine nächtliche Befreiungsaktion, ohne dies jedoch kenntlich zu machen. Als die Apachen anschließend wiederkehren, werden Old Shatterhand, Sam Hawkens und die Kiowa nun selbst zu Gefangenen. Old Shatterhand wird hierbei schwer verletzt und muss zunächst gesund gepflegt werden. Dies übernimmt Winnetous Schwester Ntscho-Tschi, welche sich während der Pflegezeit in den Gefangenen verliebt. Als Old Shatterhand am Marterpfahl sterben soll, erklärt er, dass er Winnetou und seinen Vater befreit habe. Dies sät Zweifel an seiner Schuld und so entscheidet Intschu-Tschuna, dass ein Gottesurteil entscheiden soll. Dieses gewinnt Old Shatterhand, beweist anschließend mit einer Haarlocke seine nächtliche Befreiungsaktion und wird zum Blutsbruder Winnetous. Tscho-tschi entscheidet sich wegen ihrer Zuneigung, dass sie in St. Louis die „Welt der Weißen“ kennenlernen möchte. Zuvor müssen sie hierfür Gold zum Bezahlen der Leistungen holen und werden vom Verbrecher Santer verfolgt. Es kommt zu einem Kampf, bei dem Winnetous Schwester und sein Vater zu Tode kommen. Dies ist der Beginn der Jagd nach dem Mörder und zugleich das Ende von Winnetou I.
Mir gefällt die Romannähe dieser Hörspieladaption, denn hier werden Handlungskern und Figurenentwicklung bewahrt. Zugleich weiß Ahrem, dass Werktreue nicht Worttreue bedeuten muss. Durchgehend hat die Werktreue für das Hörspiel ein hohes Tempo zur Folge, das aber nie überfordert, sondern konsequent Spannung aufbaut. Ebenfalls gelungen ist die akustische Gestaltung, welche gekonnt die Filmmusik von Martin Böttcher integriert. Es gelingt dem Hörspiel bei mir, ein Kopfkino in Gang zu setzen. Pferde, Kämpfe, Landschaft und Lagerfeuer werden lebendig und Reiner Schöne ist der passende Erzähler. Seine markante Stimme drückt Autorität aus und er verbindet mit seinem Text Szenen und schafft dadurch durchgehend Orientierung, ohne den Schauspielcharakter der Adaption zu überlagern. Konstantin Graudus und Max Hopp stehen dieser Qualität nicht nach. Graudus findet die richtige Balance zwischen dem unerfahrenen Westmann-Neuling und der zugleich vorhandenen Selbstsicherheit seiner Figur. Max Hopp verleiht seinem Winnetou Würde, lässt ihn emotional erscheinen, wenn notwendig. Wolfgang Völz spricht seinen Sam Hawkens verschmitzt und verleiht seinem Sam Hawkens die richtige Portion Humor.
Fazit:
Mit dieser Hörspieladaption ist wirklich eine starke Produktion gelungen. Regine Ahrems gelingt in ihrer Stoffbearbeitung das Kunststück, diesem vollgepackten Roman treu zu bleiben und doch ein spannendes Hörspiel zu schaffen. In gut hundert Minuten wird die gesamte Freundschaftsgeschichte der Blutsbrüder lebendig und man fühlt sich durchgehend toll unterhalten. Das Hörspiel ist zudem auch für Kinder ab acht Jahren die Möglichkeit, sich mit einer Hörfassung der Geschichte der Blutsbrüder zu nähern. Ich mag den Part, in welchem Old Shatterhand zum Westmann heranreift, und die Stimme von Reiner Schöne verleiht der Produktion eine tolle Grunderzählung. Ich kann dieses Hörspiel deshalb allen Karl-May-Fans, aber auch Neulingen empfehlen.
Werbung aus Liebe zum Hörspiel
Wertung: 🐧🐧🐧🐧🐧
