Izquierdo, Andreas: Über die Toten nur Gutes

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Bei den Darmstädter Krimitagen bieten wir jedes Jahr ein abwechslungsreiches Programm und zeigen die Vielfalt der deutschsprachigen Krimiszene. Lustige Kriminalromane haben wir hierbei immer versucht zu berücksichtigen und scheuen uns auch nicht vor ungewöhnlichen Ermittlern. Einen solchen Ermittler hat der Schriftsteller Andreas Izquierdo in seinem beim Dumont Verlag erschienenen Roman „Über die Toten nur Gutes“ zu seiner Hauptfigur gemacht. Izquierdo ist mit seinem bisherigen Werk für seine Vielseitigkeit bekannt, humorvolle Romane und historische Unterhaltung waren von ihm schon zu lesen. In seinem neuen Buch bewegt er sich im Grenzbereich zwischen Krimi und Gesellschaftskomödie mit schwarzem Humor. Sein Protagonist Mads Madsen ist als Trauerredner aktiv und geht bei einem möglichen Klienten über die reine Nachforschung zur Lebensgeschichte hinaus. 

„Aber was du auch suchst, such es heimlich – wie ein Agent. Dann erfährst du alles, die ganze Wahrheit. Und wer weiß: Vielleicht wird diese Wahrheit dein Leben verändern. Es wäre mein Geschenk an dich.“

Izquierdo, Andreas: Über die Toten nur Gutes, Dumont 2025, S.62.

Mads Madsen ist als Trauerredner tätig und erhält eines Tages die Nachricht, dass sein früherer Freund Patrick verstorben ist. Patrick hinterlässt ihm einen Brief, aus dem hervorzugehen scheint, dass die Umstände seines Todes durch Mads näher untersucht werden sollten. Patrick ist vor Jahren mit seiner Mutter weggezogen und Mads spürt nun diesem verlorenen Freund nach. Damit eröffnet das Buch eine weitere relevante Ebene. Es geht um sein Aufwachsen in der Kindheit und um einen möglichen Kriminalfall. Mads untersucht das Leben von Patrick nach ihrer Trennung und unterhält sich mit verschiedenen Menschen aus dessen Umfeld. Es entstehen verschiedene Perspektiven auf das Leben Patricks, die ein ambivalentes Bild weitergeben. Die Ermittlungen entstehen somit nicht durch das Sammeln von Beweisen, sondern hier werden Anekdoten und Geschichten gesammelt. Mads wird zufällig in verschiedene Szenen verwickelt und läuft auch Gefahr, sein eigenes Leben zu verwirken. Für die Polizei ist er ein Störenfried, während Mads vor allem durch den Gedanken angetrieben wird, die Wahrheit über seinen Freund Patrick herauszufinden.

„Weißt du, mein Junge, es sind nicht die Toten, die spuken, sondern die Dinge, die nie getan oder gesagt wurden.“

Izquierdo, Andreas: Über die Toten nur Gutes, Dumont 2025, S.154.

Sein Vater möchte Mads immer wieder beruhigen und zugleich ist dessen eigene Situation bedrohlich. Sein Vater leidet an Demenzanfällen, flüchtet sich in Erinnerungen an seine verstorbene Frau und skizziert ein Leben, das es so nicht gegeben hat. Mads macht im Roman während seiner Ermittlungen eine Entwicklung durch und lernt, Verantwortung zu übernehmen. Der Kriminalfall stellt ihn vor Herausforderungen und wird immer komplexer. Die Anzeichen verdichten sich, dass Patrick mit dem organisierten Verbrechen in Kontakt gekommen ist. Mich überzeugt diese Fallkonstruktion allerdings nicht, alles entwickelt sich beiläufig, die Figuren aus Patricks Umfeld  erhalten wenig Tiefe. Bei der ermittelnden Polizistin vermisse ich ebenfalls Charaktertiefe, viele Handlungen sind nur oberflächlich begründet. Die kurzen Kapitel setzen stilistisch keine Cliffhanger und erzeugen deshalb geringere Spannung als nötig. Spannend ist an diesem Roman, dass sich mit dem titelgebenden Spruch beschäftigt wird. Wir alle reden über Verstorbene gerne idealisiert, und dies entlarvt der Roman auch, in dem er Mads’ Erinnerungen an Patrick dekonstruiert. Hierbei ergeben sich ebenso humorvolle Aspekte. Andreas Izquierdo benutzt gekonnt Wortspiele und ironische Kommentare, um dieses Thema immer wieder aufzugreifen. Weitere humorvolle Szenen gelingen durch Situationskomik. Als Beispiel kann man hier die Probe der Beerdigung des eigenen Vaters nennen.

„Eine gute Rede war immer eine Kombination aus Dichtung und Wahrheit. Zwar hieß es: De mortuis nihili nisi bene – über die Toten nur Gutes -, aber das durfte nicht bedeuten: über die Toten nur Lügen.“

Izquierdo, Andreas: Über die Toten nur Gutes, Dumont 2025, S.75.

Mit diesem Zitat wird das Spiel rund um Erinnerung und die gewünschte Idealisierung der Toten nochmals deutlich. Mads erkennt über seine Ermittlungen hinweg, dass er auch seinen ehemaligen Freund falsch einschätzt.  Ihn plagt aber auch die Erkenntnis, dass er an dessen Entwicklung eine Mitschuld tragen könnte. In den Passagen rund um die Entwicklung von Mads funktioniert der Roman gut, die Krimiermittlung kann damit nicht mithalten. Mads muss erkennen, dass die eigenen Wahrnehmungen ebenfalls kritisch zu hinterfragen sind. Aus meiner Sicht sorgt diese Unsicherheit für eine höhere Authentizität. Mads wird über das Buch hinweg selbstbewusster und wird von einem unbeteiligten und vorsichtigen Beobachter zu einem Menschen, der bereit ist, ein Risiko einzugehen.  Er muss erkennen, dass Menschen über Verstorbene immer in der von ihnen gewünschten Weise erzählen und deshalb Interpretations- und Kombinationsleistungen für die Wahrheit erforderlich sind.

Fazit:

Die Idee dieses Romans sowie das zentrale Spiel rund um den titelgebenden Ausspruch sind gut umgesetzt. Leider kann der Roman dies jedoch nicht bei allen Ebenen qualitativ erreichen, sodass mich das Buch insgesamt etwas enttäuscht. Den Figuren neben Mads fehlt Tiefe, was die Ermittlungshinweise zwar begünstigt, aber damit den Dialogen Lebendigkeit nimmt. Die humorvollen Momente des Romans sind zu selten, um diese Schwächen zu kompensieren. Die Krimihandlung ist komplex, wird aber nicht gut ausgearbeitet. Im Verhältnis von Mads und der Polizistin läge durchaus Potenzial, was jedoch durch oberflächliche Schilderungen nicht geweckt wird. Ich bin unsicher, ob ein Folgeband hier das Potenzial wecken wird.

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Wertung: 🐧🐧🐧

Titel: Über die Toten nur Gutes

ISBN: 978-3-7558-0011-8

https://www.dumont-buchverlag.de/buch/andreas-izquierdo-ueber-die-toten-nur-gutes-9783755800118-t-7658

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