Johann, Petra: Der Buchhändler

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Durch meine Arbeit für die Darmstädter Krimitage komme ich mit verschiedenen Autor:Innen in Kontakt und freue mich, dass diese Arbeit mir immer wieder neue Facetten des Genres aufzeigt. Petra Johann kommt 2026 nach Darmstadt und stellt dort ihr neuestes Buch vor. Ich lese zur Vorbereitung immer weitere Bücher der eingeladenen Autor:Innen, auch wenn es sich nicht um eine Reihe handelt. Petra Johann ist promovierte Mathematikerin und hat mittlerweile schon einige psychologische Kriminalromane geschrieben. 2024 veröffentlichte sie bei Aufbau den Roman „Der Buchhändler“, welcher aufzeigt, warum Kriminalromane ebenso als Gesellschaftsromane taugen. Petra Johann wählt zum Handlungsort eine bayerische Kleinstadt und geht in diesem Mikrokosmos den Fragestellungen nach Vorverurteilungen, Verunsicherung und Angst beim Thema Pädophilie nach.

Erik Lange möchte nach dem Scheitern seiner Beziehung einen Neuanfang wagen und übernimmt in der bayerischen Kleinstadt Neukirchen eine Buchhandlung. Erik zeigt sich kontaktfreudig, beginnt, Sport zu treiben, und wird in der neuen Umgebung akzeptiert. Das ruhige Leben der Kleinstadt gerät jedoch außer Kontrolle, als die neunjährige Theresa verschwindet. Eine großangelegte Suchaktion wird gestartet und zugleich beginnt ein Misstrauen innerhalb der Kleinstadt zu wachsen. Judith Plattner übernimmt den Fall als erfahrene Ermittlerin, und das, obwohl sie eigentlich keine Ermittlung mehr führen wollte, zu tief wiegt ein privater Schicksalsschlag. Es ist die mögliche Tragik des vermissten Kindes, die sie von dieser Entscheidung zurücktreten lässt. Sie wird von  der jungen Kollegin Pia Meyer unterstützt. Nach und nach verdichten sich die Indizien, dass der/die mögliche Täter:In im familiären oder sozialen Umfeld des Mädchens zu suchen ist. Zentral für den Roman ist, dass wir der Ermittlungsarbeit detailliert folgen können. Befragungen werden ausführlich geschildert, anschließend wird ein Einblick in die Überlegungen des Ermittlungsteams gegeben. Mich beeindrucken die verschiedenen Ansätze in der Befragung, die Einblick in die psychologischen Hintergrundspielchen geben. Herausforderung für die Ermittlungsarbeit sind die vielfältigen Gerüchte, welche in der Kleinstadt entstehen. Verschwiegenheit und Zögerungen bei wahren Aussagen machen aus diesem Kriminalroman ein spannendes Puzzle. Die psychologische Dichte des Buches überzeugt, die verschiedenen Fokussierungen  auf die beiden Ermittlerinnen und Erik sind kompositorisch entscheidend für diesen spannenden Thriller.

„Warum also ich? Klara hat mir darauf einmal eine sehr befremdliche Antwort gegeben: >>Besser du als ein anderer, denn du würdest dich eher umbringen, als der Versuchung nachzugeben.<<“

Johann, Petra: Der Buchhändler, Aufbau Verlag 2024, S.337.

In diesem Zitat zeigt sich vieles, was ich an diesem beeindruckend gut geschriebenen Thriller schätze. Petra Johann entwirft ihre Figuren mit einem Detailreichtum und einem wunderbaren Gespür für Charakterentwicklung. In diesem Zitat aus der Sicht des Buchhändlers Erik lässt sie diesen über sein wichtigstes Geheimnis nachdenken. Erik ist pädophil und dieser Schatten wird sich über seinen Neuanfang mit Beginn  des Vermisstenfalles legen. Petra Johann beschreibt Pädophilie nüchtern und mit der angemessenen Klarheit. Sie verweigert sich in ihrer Erzählstimme Vorverurteilungen oder klischeehaften Darstellungen. Nein, dieser Roman orchestriert stattdessen einen Blick  auf all die Gefahren, welche im Unverständnis und in pauschalen Gerüchten liegen. Erik ist mit viel Tiefe ausgestattet, man möchte ihm glauben, dass er mit dem Vermisstenfall nichts zu tun hat. Die gewählte Sprache ist gut zu lesen, Metaphern werden dosiert, aber passend eingesetzt. Durch die verschiedenen Perspektiven sind wir immer nah am Geschehen und beginnen, ein Gefühl für diese Stadtgesellschaft zu entwickeln. Erik möchte man als Leser:In vertrauen, und doch lässt die Autorin uns auch an seinen eigenen Zweifeln teilhaben. Pädophilie auf eine solch sensible Art und Weise darzustellen, ist wirklich große Literatur. Die psychologischen Belastungen für Betroffene werden in der Figur des Erik deutlich und zeigen auf, dass diese Neigung Menschen nicht grundsätzlich zu Monstern macht und man es sich eben nicht aussuchen kann. Sicherlich werden einige diese Darstellung kritisieren, da sie es sich einfacher vorstellen, diese Menschen prinzipiell zu verabscheuen. Ich habe dieses Buch als eine differenzierte Stimme wahrgenommen.

Für mich ist die geschilderte Ortsgemeinschaft die passende Projektionsfläche für verschiedene Mechanismen, die durch Straftaten in Gang gebracht werden. Gerüchte verbreiten sich, Nachbarn verlieren  das gegenseitige Vertrauensverhältnis, unvorstellbare Bezüge werden hergestellt, Freunde und Verwandte werden verdächtigt. All dies zeigt, dass wir niemanden wirklich kennen, wenn es zu den tiefsten Abgründen der menschlichen Seele kommt. Die dargestellte soziale Dynamik ist ein weiteres Qualitätsurteil.

Fazit:

Dieser Krimi hat mich mit seinem Thema bewegt. Die geschilderten Figuren haben allesamt eine unfassbar gut erzählte Tiefe. Über jede Figur könnte ich eine eigene Analyse schreiben. Viele Figuren wirken zunächst freundlich, lassen über den Roman Schwächen erkennen, die einen schockieren. Über das Buch hinweg wird der Lesesog immer größer, man kann dieses Buch irgendwann nur noch schwer aus der Hand legen. Psychologisch dicht wird der Mikrokosmos einer Kleinstadt zu mehr als einer Krimikulisse. Petra Johanns’ erzählerische Sensibilität ist aus meiner Sicht immer angemessen, die Perspektivwechsel bringen mich nah ans Geschehen und erhöhen die Spannung. Dieser Thriller ist wirklich ein Highlight und kann meinerseits nur empfohlen werden. Aufgrund seines Themas ist das Buch aber nichts für zartbesaitete Leser:Innen.

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Wertung: 🐧🐧🐧🐧🐧🐧

Titel: Der Buchhändler

ISBN: 978-3-7466-4075-4

https://www.aufbau-verlage.de/aufbau-taschenbuch/der-buchhandler/978-3-7466-4075-4

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