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In diesem Jahr war die Autorin Petra Johann bei den Darmstädter Krimitagen zu Gast. Von ihr habe ich auf dem Blog bereits zwei Bücher besprochen, wobei mir „Der Buchhändler“ richtig gut gefallen hat. Johanns Bücher sind allesamt Psychothriller und loten dabei immer Grenzsituationen in menschlichen Beziehungen aus. Petra Johann ist ausgebildete Mathematikerin und sieht in ihrem Schreiben und dem Aufbau ihrer Romane eine Parallele zu mathematischen Formeln, wie sie im Gespräch bei den Krimitagen berichtet. Nach dem Lesen ihrer Romane kann man dies zumindest in der Präzision ihrer Plotstrukturen und aufgrund der feinen Beobachtungsgabe, die sich in starken stilistischen Beschreibungen zeigt, auch anderweitig aufeinander beziehen. In ihrem neuen Roman fokussiert sie sich erneut auf ein kleines Figurenensemble, welches Petra Johann immer wieder mit viel Feingefühl seziert.
„>>Heißt das, Sofia ist nicht nach Hause gekommen? Das ist doch ausgeschlossen. Sie muss da sein.<<
>>Aber das ist sie nicht.<< Susannes Stimme geht hoch. >> Sie ist nicht da!<< “
Johann, Petra: Wem du traust, Aufbau Verlag 2026, S.22.
In diesem Roman geht es um zwei befreundete Pärchen. Eva und ihr Mann Daniel leben mit ihrem kleinen Sohn ein fast perfektes bürgerliches Leben. Sofia, 15-jährige Tochter von Evas bester Freundin Susanne, hilft oftmals als Babysitterin aus. Nach einer Geburtstagsfeier kehren Eva und Daniel nachts zurück, um Sofia abzulösen. Entgegen der gewohnten Praxis möchte diese nicht bei ihnen übernachten, und so bringt Daniel sie nach Hause. Dort kommt Sofia allerdings nie an. Das Leben des Ehepaars und die Beziehung zu ihrer Freundin Susanne geraten von diesem Punkt an aus den Fugen. Die Polizei startet mit den Ermittlungen und für Eva ist zunächst klar, dass Sofias Verschwinden nur mit einer unbekannten Person zusammenhängen kann, oder das Mädchen aus eigenem Antrieb verschwunden ist. Ihre Freundin Susanne verzweifelt, hat in ihrem neuen Partner aber auch keine solide Unterstützung. Durch die beginnenden Ermittlungen entstehen in beiden Beziehungen Risse. Die Ermittlungen deuten alsbald auf ein mögliches Gewaltverbrechen hin und Daniel gerät ins Visier der Ermittler. Seine Darstellung der Rückfahrt entspricht nicht ganz der Wahrheit, zudem scheint er ein Geheimnis mit seinem Bruder zu haben. Eva ist sich unsicher, ob sie diesen Mann noch kennt und ihm absolut vertrauen kann. Dies entwickelt sich von anfänglichen leichten Zweifeln stetig weiter, da immer wieder neue Indizien und eine nicht offene Kommunikation Daniels die Situation verschärfen.
„>>Und was hat er gesagt?
Daniel macht ein verlegenes Gesicht. >>Dass man die Polizei nicht anlügen sollte, wenn man wirklich etwas zu verbergen hat.<<
>>Tja, dann solltest du dich in Zukunft daran halten.<<
>>Das werde ich.<<
Daniel lächelt mich an, doch es dauert einige Augenblicke, bis ich das Lächeln erwidere. “
Johann, Petra: Wem du traust, Aufbau Verlag 2026, S.22.
In Susannes Beziehung zeigen sich bis dato noch nicht bekannte toxische Anzeichen, und so verstrickt einen dieser Roman immer tiefer in die zwischenmenschlichen Beziehungen, sodass man als Leser:In nicht mehr weiß, wer hier wirklich die Wahrheit sagt. Für das Ermittlerteam beginnt ein Kampf gegen die Zeit. Eigentlich klare Figurenzeichnungen verschieben sich und offenbaren dunkle Geheimnisse, auf deren Auflösung und Bezug zu Sofias Verschwinden man gebannt wartet. Der Roman zieht aus der Verbindung von Vermisstenfall und psychologischer Eskalation sein Spannungsniveau. Immer wieder werden Perspektiven geändert und durch die unterschiedlichen Blickwinkel kann man sich sein Bild immer wieder neu zusammensetzen. Petra Johann versteht es wie in ihren vorherigen Büchern, diesen zwischenmenschlichen Beziehungen die richtige Dosis Authentizität zu geben und zugleich die Situation Schritt für Schritt eskalieren zu lassen. Die Normalität der geschilderten Lebenswirklichkeit macht die geschilderte Bedrohung greifbar, und aus meiner Sicht ist dies die wichtigste Qualität dieses Buches. Die eigentlichen Schauplätze verschwinden hinter den Beziehungskonstellationen. Petra Johanns präziser sprachlicher Stil und die verkürzten Dialoge sorgen für die passende Stilistik dieses psychologischen Kammerspiels. Mit dieser Romanhandlung wird jedem deutlich, wie schnell ein soziales Gefüge durch ein Ereignis destabilisiert werden kann. Hierin ähnelt dieser Roman den von mir vorher gelesenen Büchern der Autorin. Leider kann mich das Ende des Romans nicht ganz überzeugen, weswegen ich hierfür in meiner Bewertung Abzüge gebe. Mich hat die Auflösung insgesamt etwas enttäuscht und die Schilderung der Schlusssequenz überzeugt mich ebenfalls weniger. Trotzdem überwiegen die Spannungsmomente und die Qualität des hier dargebotenen psychologischen Kammerspiels.
Fazit:
Petra Johann weiß mich mit ihren psychologischen Spannungsromanen durchaus zu überzeugen. Selten habe ich eine Autorin gelesen, der es so wunderbar gelingt, zwischenmenschliche Beziehungen in einer psychologischen Eskalation zu zeigen. Die Autorin weiß mit ihren authentischen Schilderungen zu überzeugen und man ist immer gleich mitten im Geschehen. An mein Highlight „Der Buchhändler“ kommt zwar das neueste Buch erneut nicht heran, trotzdem ist es wieder gelungene, spannende Unterhaltung. In meinem finalen Urteil verbleiben die Abzüge für den aus meiner Sicht etwas zu kurz geratenen und aufgrund des hohen Spannungsniveaus enttäuschenden Schluss. Für mich zählt die Autorin trotzdem zu den besten für all jene, die gerne Psychothriller lesen, und deshalb auch ohne Bedenken zu diesem Buch greifen können.
Werbung aus Liebe zum Buch
Wertung: 🐧🐧 🐧🐧
Titel: Wem du traust
ISBN: 978-3-7466-4250-5
https://www.aufbau-verlage.de/aufbau-taschenbuch/wem-du-traust/978-3-7466-4250-5
