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Bei den Darmstädter Krimitagen 2026 haben wir einen Themenabend zum Weltfrauentag veranstaltet und hierzu die Autorin Susanne Kaiser mit ihrem Krimidebüt „Riot Girl“, erschienen im Wunderlich Verlag, eingeladen. Der Roman widmet sich Themen wie Gewalt gegen Frauen sowie Aktivismus im Internet in Verbindung mit jugendlichen Protestbewegungen. Der Roman bildet den Auftakt einer geplanten Reihe um die Ermittlerin Obalski. Susanne Kauser verbindet in ihrem Buch klassische Krimielemente mit politischen und sozialen Themen. Es geht in ihrem Buch auch um die Frage der Selbstermächtigung junger Frauen und den immer wieder aufkommenden Alltagssexismus. Susanne Kaiser hat sich diesen Themen schon journalistisch gewidmet, kann aber im Rahmen ihres Romans nochmals andere Aspekte betonen.
Im Mittelpunkt des Romans steht LKA-Ermittlerin Obalski, die als Undercover-Ermittlerin ins Jugendamt eingeschleust wird. Sie soll dort Hinweisen auf eine junge Aktivistinnengruppe nachgehen. Die Gruppe protestiert unter dem Namen „Influenzas“ gegen die Gewalt an Mädchen und Frauen. Dafür nutzt die Bewegung die sozialen Medien und Plattformen und erzeugt Aufmerksamkeit über Flashmobs. Kryptische Nachrichten deuten aber auf eine größere Aktion hin. Es scheint sich innerhalb der Gruppe eine radikale Untergruppierung namens „Riot Girl“ gebildet zu haben. Sie weisen in Form eines Countdowns auf ein Ereignis hin, sofern ihrer Meinung nach bekannte Täter sexueller Gewalt weiterhin ohne Strafe bleiben. Parallel zu diesen Entwicklungen im Netz wird eine erste Leiche in der Isar geborgen. Haben die Aktivistinnen bereits zum ersten Mal losgeschlagen? Verüben die jungen Aktivistinnen schon Selbstjustiz? Es entwickelt sich ein komplexer Fall, bei dem Obalski auch die Geschehnisse in ihrer Tätigkeit beim Jugendamt verarbeiten muss. Allerdings gibt es einen Hinweis auf eine undichte Stelle bei den Ermittlungsbehörden, die noch mehr Vorsicht bei den Ermittlungen erfordert. Obalski erhält im gesamten Roman keinen Vornamen, sie soll ein starker Charakter sein, der einen aber auch als Leserschaft nie zu nahe heranlässt.
„Warum begehen die bloß so auf? Und gegen was überhaupt? Das mit dem Klima habe ich ja verstanden. Aber was diese Aktion soll, kapiere nicht. Es geht ihnen doch insgesamt gut. Sie haben zu essen, ein Dach über dem Kopf. Ist doch hier nicht der Iran oder Afghanistan.“
Kaiser, Susanne: Riot Girl., Rowohlt Verlag 2025, S.27.
Susanne Kaiser schafft es, dem Buch Spannung auf verschiedenen Ebenen mitzugeben und, wie das Zitat zeigt, sich mit gesellschaftlichen Entwicklungen zu beschäftigen. Zum einen ist es die Undercover-Ermittlung, bei der Obalski immer auf die Gefahr achten muss, enttarnt zu werden. Dazu kommen die möglichen Gefahren durch die Protestgruppe und die Frage, ob der Tote wirklich damit in Verbindung steht. Gekonnt spielt der Roman damit, wer hier eigentlich Täter:In oder Opfer ist. Die Protestgruppe kämpft gegen reale Gewalt, ist aber wohl bereit, selbst zu außerordentlichen Mitteln zu greifen. Susanne Kaiser hat die Formen von Protest gut recherchiert, setzt sich im Buch intensiv mit sozialen Medien auseinander. Es wird deutlich, dass die Geschehnisse auf Social Media quasi nicht zu kontrollieren sind. Die Dynamik ist treibender und spannungsfördernder Effekt. Obalski ist eine ungewöhnliche Protagonist:In, da sie nicht nur ausgebildete Polizistin, sondern auch Forensikerin ist. Zudem hat sie einen Hintergrund im Bereich Gender Studies. Sie kann die Menschen in ihrer Umgebung präzise interpretieren und zieht daraus Schlüsse für ihre Ermittlung. Durch ihre hohe Empathie schafft sie es auch, Vertrauen bei den jungen Frauen zu gewinnen. Allerdings belastet sie ihr Verständnis für die jungen Frauen, und dies macht sie zu einer sympathischen Figur. Zentraler Schauplatz des Romans ist das Münchner Jugendamt. Wir erhalten als Leserschaft intensive Einblicke in die Sozialarbeit. Wir erleben bürokratische Strukturen, die Hilfen vor Herausforderungen stellen, und einen vielfältigen Einblick in verschiedene Traumata von Mädchen. Obalski möchte sowohl ihren Fall lösen, als auch den jungen Mädchen helfen. Allerdings stößt sie oftmals an ihre Grenzen und fehlende Beweise erschweren es den Täter:Innen alles nachzuweisen. Es geht aufgrund dieser Verknüpfungen in diesem Buch auch um die strukturellen Probleme beim Kampf gegen Gewalt. Die digitale Feministinnenbewegung erzeugt Aufmerksamkeit und kann damit eine Spur legen, die zu Gewalterfahrungen der Mädchen führt. Kaiser markiert aber auch die Gefahr des Radikalismus und dies macht den Roman so vielschichtig. Für mich war dieses Buch aus meiner männlichen Perspektive heraus ein lehrreicher Blick und ich habe die spezielle Protagonistin schnell schätzen gelernt. Das Buch ist stilistisch mitreißend geschrieben und rückt Frauenperspektiven gekonnt in den Mittelpunkt, weshalb es emanzipativen Gedanken wunderbar Raum gibt.
Fazit:
Mit diesem Debütkrimi ist Susanne Kaiser aus meiner Sicht zu Recht für den Glauser Debütpreis nominiert. Das Buch ist spannend und zugleich ein Roman, der Gesellschaftskritik verarbeitet. Elemente der klassischen Polizeiarbeit werden mit Undercover-Arbeiten im Jugendamt verknüpft und schaffen einen ganz eigenen Sound. Der Krimi zeigt intensiv, wie individuelle Gewaltgeschichten durch Strukturen begünstigt werden. Ich finde auch die Aspekte zu den Grenzen von Widerstand interessant und wie die Polizei mit Protestbewegungen umgeht. Es entsteht eine Verbindung von Spannung und Gesellschaftsroman, die diesen starken Krimi ausmacht. Ich freue mich jedenfalls auf weitere Fälle für Obalski.
Werbung aus Liebe zum Buch
Wertung: 🐧🐧🐧🐧🐧
Titel: Riot Girl
ISBN: 978-3-8052-0116-2
https://www.rowohlt.de/buch/susanne-kaiser-riot-girl-9783805201162
