#winnetou #theaterliebe #oldshatterhand #blutsbrüder #karlmayfestspiele #elspe #winnetou1häuptlingderapachen #jeanmarcbirkholz
In den vergangenen Jahren habe ich die Besuche von Festspielaufführungen der Romane Karl Mays intensiviert. Dazu gehört für mich ein Besuch der Festspielbühne in Elspe im Sauerland. Die Bühne hat in der Vergangenheit durch ein Engagement von Pierre Brice große Bekanntheit erhalten und zählt in meinem bisherigen Ranking zur zweitbesten Bühne nach den Festspielen in Bad Segeberg. 2017 war ich nach einer langen Pause in Elspe gewesen und habe dort die Bearbeitung von „Winnetou I“ mit Kai Noll als Old Shatterhand gesehen und war nun in diesem Jahr Gast bei einer erneuten Bearbeitung dieses Stoffes. Dies hat durchaus Einfluss auf meine Bewertung des Stücks, denn 2017 war noch die leider verstorbene Elspe-Legende Jochen Bludau in ausführender Regierolle, während in diesem Jahr sein Stiefsohn Marco Kühne verantwortlich für Regie und Textbuch war. Der erste Teil der Winnetou-Trilogie erzählt von der ersten Begegnung zwischen den beiden Blutsbrüdern und davon, wie die Freundschaft ihre Wurzeln erhält. Marco Kühne greift auf das Textbuch von Bludau zurück, erweitert dieses aber und setzt eigene Akzente. Elspe zeichnet sich für mich immer auch dadurch aus, dass die Inszenierungen immer wieder auf Aspekte der Verfilmungen zurückgreifen. Kühne ist seit 2023 der Hauptverantwortliche und bei meinen bisherigen Besuchen hat sich gezeigt, dass er Film- und Romanbezüge verarbeitet und die May-Welt modern interpretiert.
Rund 60 Darsteller und mehr als 40 Pferde sind auf der etwa 100 Meter breiten Naturbühne im Einsatz. Kühne hat sich viel vorgenommen, denn das Stück dauert inklusive Pause fast drei Stunden. Länger habe ich, glaube ich, noch keine Inszenierung erlebt. Das Stück beginnt mit einem Blick in Karl Mays Arbeitszimmer, welches in der Mitte der Bühne aus der Erde gefahren wird. In einem kurzen Prolog wird auf die geschaffene Märchenwelt verwiesen und darauf, dass die Figuren der Fantasie entsprungen sind und für zwei Stunden zum Träumen einladen sollen. Zum Schluss des Stücks wird dies mit einem kleinen Epilog am Grabmal Mays abgerundet. Dies ist ein gelungener Kommentar der Festspiele zur Karl-May-Debatte in den vergangenen Jahren. Old Shatterhand (gespielt von Thomas Koziol) kommt als Greenhorn in den Westen und wird sogleich von Sam Hawkens (Matthias Schlüter) für einen Dienst bei den Bahnarbeiten angeworben. Der Bau der Eisenbahn soll umdisponiert werden, denn der Apachenhäuptlingsohn Winnetou (Jean-Marc Birkholz) hat verhandelt, dass die Strecke um das Land der Ureinwohner:Innen herumgeführt werden soll. Doch dann kommt der zwielichtige Santer (Friedrich Grund) mit seiner Bande im Bahndorf an. Er behauptet, mit einem Schreiben zum neuen Leiter der Bahnarbeiten ernannt worden zu sein und dass man am ursprünglichen Bau durch das Apachenland festhalten wird. Kurz darauf kommt Kiowa-Häuptling Tangua (Sebastian Kolb) ins Dorf und möchte Proviant kaufen. Als er die Einkäufe mit Gold bezahlt, weckt er die Gier der Verbrecher und es kommt zu einer Auseinandersetzung. Die Kiowas möchten anschließend das Kriegsbeil ausgraben, doch Winnetou möchte zunächst noch einmal das Gespräch suchen. Gemeinsam mit seiner Schwester Ntscho-Tschi (Sarah Gösser) und seinem Lehrmeister Klekih-Petra (Ben Schulte) macht er sich auf den Weg ins Dorf. Dort ist es mittlerweile zu einer ersten Auseinandersetzung zwischen Old Shatterhand und der Bande von Santer gekommen. Mitten hinein stoßen die drei Apachen. Santer verweigert sich jedoch Verhandlungen und will Winnetou erschießen. Klekih-Petra wirft sich in die Kugel und stirbt. Santer nimmt Winnetou und seine Schwester gefangen. Old Shatterhand gelingt es, die beiden zu befreien, ohne sich jedoch als Retter zu erkennen zu geben. Winnetou kehrt mit seiner Schwester und dem Toten ins Apachendorf zurück und möchte gemeinsam mit den Kiowa nun in den Kampf gegen die weißen Eindringlinge ziehen. Old Shatterhand und seine Gefährten um das Kleeblatt Sam Hawkens, Will Parker (Michael Müller) und Dick Stone (Markus Lürick) geraten in Gefangenschaft. Old Shatterhand erklärt immer wieder seine Zuneigung, doch Winnetou misstraut ihm. Schlussendlich entscheidet ein Gottesurteil und wird zum Beginn einer Blutsbruderschaft, nachdem Old Shatterhand seine Rettungstat beweisen kann. Ntscho-Tschi entwickelt eine starke Zuneigung zum Blutsbruder und möchte deshalb mehr über die Weißen erfahren, weshalb sie nach St. Louis möchte. Doch zuvor muss sie mit ihrem Bruder und dem Vater Gold holen. Dort lauern ihnen jedoch Santer und seine Männer auf, Vater und Schwester kommen zu Tode. Die Blutsbrüder machen sich anschließend auf die Mörderjagd, die in einem Showdown mündet.
Marco Kühne widmet sich in dieser Inszenierung der Entwicklung Winnetous hin vom Häuptlingssohn, der immer wieder an der Möglichkeit des Friedens zweifelt, bis zum Häuptling, der vor der Frage steht, inwieweit Rache ihm Genugtuung verschaffen kann. Kühne nähert sich hierbei stärker dem Roman, als man dies in bisherigen Bühnenfassungen Elspes erleben konnte. Diese Entwicklung zeigt sich auch in der Kostümwahl, denn erst zum Schluss erleben wir ihn im klassischen Kostüm. Jean-Marc Birkholz zeigt in dieser Figureninterpretation wieder einmal sein schauspielerisches Können. Auch wenn ich Alexander Klaws ebenfalls als Winnetou-Darsteller schätze, ist Birkholz für mich aktuell der beste Winnetou-Darsteller. Die Figur Tangua ist neu im Elspe-Stück und hat in Sebastian Kolb ebenfalls eine bärenstarke Besetzung. Allerdings wird diese Figur dramaturgisch angepasst und ist, anders als im Buch, kein durchgehender Gegenspieler. Das Stück dreht dann eine letzte Schleife, in welcher es zu einer Konfrontation mit Old Shatterhand kommt. Diese Schleife integriert zwar Aspekte der Romanvorlage, ist aber in der Stückdramaturgie nicht gut aufgebaut und wirkt unnötig. Old Shatterhand erhält ebenfalls Raum zur Entfaltung. Thomas Koziol ist ein erfahrener May-Schauspieler, war in Österreich schon als Winnetou auf Bühnen zu sehen, doch in Elspe schafft er es nicht, dass bei mir der Funke zu seiner Figureninterpretation überspringt. Ähnlich ergeht es mir bei Friedrich Grund und seiner Santer-Darstellung, wobei hier auch der Rolle etwas wenig Raum gegeben wird. Ganz anders geht es mir bei der Darstellung des Kleeblatts. Markus Lürick ist seit Jahren fester Bestandteil und wie in den vergangenen Jahren auch als Dick Stone für den Humor verantwortlich. Ein richtig starkes Elspe-Debüt feiert Michael Müller als Will Parker und im Trio brilliert auch Matthias Schlüter erneut als Sam Hawkens. Weiteres Highlight der diesjährigen Festspiel-Inszenierung ist das wunderbar gestaltete Bühnenbild. Im Showdown kommt es dann noch zu einem spektakulären Stunt, wenn die Eisenbahn wie in der Verfilmung in den Saloon rast. Ebenfalls gut ist der inszenierte Zweikampf zwischen den Blutsbrüdern. Immer wieder wird die Aktion unterbunden und die Gedanken der Figuren werden hörbar eingespielt, ein interessanter Gegenentwurf zum klassischen Freilufttheaterspiel. Dazu kommen die actionreichen Reitszenen, für die Elspe bekannt ist, und starke Kampf- und Actionszenen, weshalb trotz der genannten Schwächen wieder ein starkes Stück entstanden ist.
Fazit:
Insgesamt ist die Inszenierung an einigen Stellen etwas zu voll, was der Figurenentwicklung schadet, und mich konnten Thomas Koziol und Friedrich Grud schauspielerisch mit ihren Rollen nicht ganz überzeugen. Doch dem entgegen brilliert ein lustiges Kleeblatt und Matthias Schlüter ist mittlerweile schon fast der ideale Sam Hawkens für mich. Michael Müller bringt viel Festspielerfahrung mit und kann, sofern er an Bord bleibt, vielleicht auch für die Zukunft Impulse geben. Schauspielerisch steht für mich über allen Jean-Marc Birkholz, welcher den Apachenhäuptling seit 2013 verkörpert. In dieser Saison lässt ihm Marco Kühne noch mehr Raum, seine Figur zu entwickeln, und diese Winnetou-Interpretation ist wirklich eine der besten, die ich bisher auf Bühnen gesehen habe. Sebastian Kolb stärkt seine Rolle wieder und macht damit auch Schwächen des Textes wett. Mit den spektakulären Szenen und einem starken Bühnenbild setzt Elspe wieder beeindruckende Momente. Insgesamt entsteht somit ein unterhaltsames Stück und man darf sich auf das kommende Jahr freuen, wenn dann das Stück „Der Ölprinz“ in Elspe gespielt wird, welches ich mir auf jeden Fall wieder ansehen möchte.
Weitere Infos unter: https://www.elspe.de/
Werbung aus Liebe zum Theater
Wertung: 🐧🐧🐧🐧🐧
