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In den vergangenen Wochen habe ich immer wieder Bücher in den Fokus gerückt, welche man in der Literaturwissenschaft und im Feuilleton der Deutschen Popliteratur zurechnet. Der Roman “Sonder” von Alard von Kittlitz wurde nach seinem Erscheinen 2020 oftmals als eine Wiederbelebung dieser Textart bezeichnet. Statt sich wie in den 90er Jahren verstärkt mit der Konsumgesellschaft und der Entstehung von Markenbrands auseinanderzusetzen, setzt dieses Buch auf die Darstellung der digitalisierten Gegenwartswelt. Der Autor war in vielen Teilen der Welt unterwegs und war journalistisch für verschiedene deutsche Medien tätig. Schwerpunkt der journalistischen Arbeit sind Technologie, Zukunftsforschung und passenderweise Popkultur. Ausgangspunkt seines Romans ist der titelgebender Begriff “Sonder”, mit dem die Erkenntnis bezeichnet wird, dass jeder Mensch dem man zufällig begegnet ein ebenso komplexes und vielschichtiges Leben, wie man selbst besitzt. Der Roman widmet sich daran anschließend Individualität und technologischen Zukunftsvisionen.
„Peter Siebert, den man getrost als den Helden dieser Geschichte dürfte, wäre dies eine Heldengeschichte.“
Kittlitz, Alard von: Sonder, Piper 2020, S.37.
Im Zentrum des Romans steht der dreißigjährige Produktdesigner Peter Siebert, der im Produktdesign tätig ist. Schnell wird klar, dass der Protagonist ein Jetset-Leben führt, bei dem Hotels, Konferenzräume und Designlabore die Heimstätte ersetzen. Die globalisierte Arbeitswelt hat ihn fest im Griff und Kreativität ist längst zu einer ökonomischen Ressource geworden. Peter scheint mit diesem Leben gut zurecht zu kommen. Er muss Trends erkennen, Bedürfnisse erforschen und kulturelle Strömungen früher erkennen als andere. Originalität in marktfähige Produkte zu entwickeln, ist seine primäre Aufgabe. Sein Talent in diesem Sektor ist beruflich ein Vorteil und doch kann er vor allem die Wünsche anderer Personen besser begreifen, als seine eigenen. Siebert ist einsam, Beziehungen auch zum familiären Umfeld sind fragil. Ihm wird die visionäre Figur Drew Itautis entgegen gestellt. Jene Figur glaubt kompromisslos an den technischen Fortschritt. Er möchte eine Maschine entwickeln, welche das menschliche Bewusstsein erweitern soll. Peter wird engagiert, um dieses Produkt marktfähig zu machen. Parallel zur beruflichen Entwicklung begegnet Peter der faszinierenden Anne. Es bahnt sich eine Liebesgeschichte an und Peter scheint erstmalig die Chance auf emotionale Nähe zu haben. Allerdings entstehen Zweifel bei ansteigender Intensität der Beziehung.
„Und an dieser Stelle berührt sie das Herz von Peters Verkaufsproblem. Peter weiß nicht, was er selbst will, und er gestaltet nichts aus dem Willen heraus, der Welt sein eigenes Gepräge aufzudrücken. Peter liest die Bedürfnisse der Menschen in seinem unmittelbaren Umfeld außerdem oft genug falsch, er projiziert wie gesagt. Aber zugleich spürt er seltsam exakt, was die Menschen en gros erwarten, was der Zeitgeist begehrt, sich wünscht.“
Kittlitz, Alard von: Sonder, Piper 2020, S.57.
Der Ton des Romans ist durchgehend von Distanz zu Figuren und Geschehnissen geprägt, sodass es immer wieder reflektierende Textstellen gibt. Itautis Vision geht über eine reine Lebensverbesserung hinaus. Peter muss erkennen, dass mit diesen Ideen Gefahren verbunden sind, die sich von seinen bisherigen Herausforderungen als Produktdesigner unterscheiden. Kittlitz verdichtet seinen Roman im Verlauf zu einer Netzwerkgeschichte mit Krimiplot und Verschwörungen. Peter bleibt durchgehend eine tragische Figur, die immer wieder um die Kontrolle über das eigene Leben kämpfen muss und eine stabile Identität ist für ihn nicht herstellbar. Sein scheinbar müheloses Bewältigen des eigenen Jobs überdeckt die private Orientierungslosigkeit. Anne könnte hier Abhilfe schaffen, allerdings entwickelt sie sich immer rätselhafter. Sie verkörpert eine Figur zwischen Vertrauen und Manipulation und der Text löst dies bewusst nicht auf. Drew Itautis wird als Visionär der Technologiebranche inszeniert und ist damit durchaus als eine Anspielung auf Silicon-Valley-Persönlichkeiten wie Elon Musk zu verstehen. Die geäußerten Ideen dieser charismatischen Figur werden von Peter durchaus verstanden und üben auf ihn einen Reiz aus. Insgesamt ist die Darstellung der internationalen Kreativ- und Technologiebranche der spannendste Aspekt dieses Romans. In der Kreativbranche ist die als Freiheit inszenierte kreative Arbeitsleistung längst selbst zur Ware geworden. Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben verschmelzen. Es wirkt, als sei Peter durchgehend im Dienst. Freizeit wird zur Verlängerung beruflicher Selbstoptimierung. Selbst Reisen dienen weniger der Erholung als der Inspiration für neue Produkte. Dadurch entsteht das Bild einer global mobilen Elite.
„Man muss die Menschheit verändern, Peter. Beziehungsweise den Menschen. So verändert man die Welt. Wir wollen neu definieren, was ein Mensch sei.“
Kittlitz, Alard von: Sonder, Piper 2020, S.85.
Dieser Roman hat eine enorme thematische Bandbreite und vernetzt künstliche Intelligenz, Design, Anthropologie und Popkultur. In seiner Gestaltung setzt er diese Vielfalt ebenfalls um, ist an manchen Stellen Wissenschaftsthriller, Identitätsgeschichte und Gegenwartsroman. Durch diese verschiedenen Aspekte entsteht allerdings eine hybride Textform, die sich nur schwer greifen lässt. Für mich sind Texte, die zu ihren Figuren eine gewisse Distanz wahren, immer eine Leseherausforderung. Die Figuren bleiben so mehr Ideen- als Gefühlsfiguren und nehmen mich deshalb weniger mit. In diesem Fall wird dies durch die präzise Sprache und die Reflektionsebenen kompensiert, aber ein Lesesog ist trotzdem nie entstanden. Die Sprache ist niemals akademisch überladen und philosophische Fragen werden in Dialoge überführt.
Drew Itautis verfolgt die Vision, menschliches Bewusstsein technisch zu erweitern. Seine Ideen erinnern unverkennbar an gegenwärtige Debatten über künstliche Intelligenz, Transhumanismus oder Neurotechnologie. Dabei bleibt “Sonder” jedoch bewusst ambivalent. Der Roman entwickelt weder eine klassische Dystopie noch eine euphorische Zukunftsvision. Der Roman erhielt 2022 als erstes Buch überhaupt den Deutschen Popliteraturpreis. Von Kittlitz führt die deutschsprachige Popliteratur konsequent ins digitale Zeitalter. Wo frühere Vertreter des Genres Marken, Musik und Konsum als Ausdruck eines Lebensgefühls beschrieben, untersucht sein Roman die Welt von Start-ups, künstlicher Intelligenz, Design und globalen Technologiekonzernen. Durch die ästhetische Fixierung auf Design und dadurch ein verstärkter Fokus auf Oberflächen, auch hinsichtlich der Figurentiefe, ist dieses Buch dann doch ein passender popliterarischer Beitrag.
Fazit:
Auf dieses Buch bin ich durch den Deutschen Popliteraturpreis gestoßen und der Roman ist mit seiner Ausgestaltung ein besonderer Beitrag dieser Art von Gegenwartsliteratur. Meine Beschäftigung mit Popliteratur hat ja zutage gebracht, dass sich verschiedene Autor:Innen späterer Jahre verändert mit Popkultur und ästhetischer Oberflächenbetrachtung beschäftigen. “Sonder” verbindet Popliteratur, Ideenroman, Wissenschaftsthriller und philosophische Erzählung und doch geht diese Mischung nie ganz auf und kann nicht vollends überzeugen. Äußerst gelungen ist die Ambivalenz des Protagonisten als freiheitsliebender Kreativer und der zugleich vorhandenen Idetnitätslücke. Nie kommt man den Figuren jedoch so nahe, dass einen dies beim Lesen berührt. Sicherlich ist dies ein gewünschter Effekt und schwächt trotzdem meinen Leseeindruck. Gelungen sind die präzisen Reflexionsschreiben, welche die im Roman verhandelten philosophischen Fragen verständlich machen. Das Ergebnis ist ein interessanter Zukunftsroman, der aber in seiner ästhetischen Stilwahl den Lesefluss etwas bremst.
Werbung aus Liebe zum Buch
Wertung: 🐧🐧🐧🐧
Titel: Sonder
ISBN: 978-3-492-99728-7 (E-Book Ausgabe)
https://www.piper.de/buecher/sonder-isbn-978-3-492-99728-7-ebook
