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Thomas Klupp hat am Literaturinstitut in Hildesheim studiert und war dort unter anderem Mitherausgeber der Literaturzeitschrift „BELLA triste“, die ich ebenfalls diesen Monat vorgestellt habe. Für seinen im Berlin Verlag 2008 erschienenen Roman „Paradiso“ hat er unter anderem den Nicolas-Born-Förderpreis und den Rauriser Literaturpreis erhalten. Ich bin auf den Autor während meiner ersten Lektüren der Hildesheimer Literaturzeitschrift gestoßen. Klupp steht mit seinem Text, der popkulturelle Aspekte integriert, in ästhetischer Nähe zu den Popliteraten und passt deshalb gut in diese Blogphase. Bei meiner ersten Lektüre während des Literaturstudiums hat mich dieses Buch auch amüsiert. Mit der nun wiederholten Lektüre ordne ich den Text nochmals ein.
„Während ich die ersten Züge nehme, sage ich mir, dass ich gerade in einer sehr seltsamen Phase bin. In einer Phase, in der ich aufpassen muss, dass die Dinge nicht aus den Fugen geraten.“
Klupp, Thomas: Paradiso, Berlin Verlag 2009, S.166.
Im Zentrum des Romans steht der Filmstudent Alex Böhm, der sich per Anhalter auf dem Weg von Potsdam nach München befindet. In München möchte er gemeinsam mit seiner Freundin Johanna in einen Flieger nach Portugal steigen. Durch eine zufällige Begegnung mit einem alten Schulkameraden landet er in seiner Heimat, der Oberpfalz, und trifft auf alte Bekanntschaften. Der Roman mischt dabei alte Erinnerungen mit neuen Erfahrungen, Alex Böhm ist dabei durchgehend ein unzuverlässiger Erzähler. Der Roadtrip fungiert nicht nur als räumliche Bewegung, sondern ist zugleich eine Reise durch die eigene Vergangenheit. Alex wird mit verdrängten Episoden seiner Jugend konfrontiert. Alex Böhm entpuppt sich als notorischer Lügner, der sich immer noch auf Identitätssuche befindet. Selbst die Aufnahme an der Filmhochschule hat er nur durch einen geistigen Diebstahl schaffen können, und bei Beziehungen lügt er sich von Situation zu Situation. Böhm hat mit seiner Jugend und mit der Heimat noch nicht abgeschlossen. Folglich war ihm auch noch kein Neuanfang möglich. Grundsätzlich hinterfragt er damit seinen bisherigen Weg. Doch diese Figur reift nicht, sondern konfrontiert sich stetig mit dem eigenen moralischen Versagen. Deutlich wird dabei, dass sich in seinem Leben auch ein schwieriges Verhältnis zu Frauen zeigt. Alex Böhm sieht Frauen vor allem als Projektionsflächen, er kann nicht damit umgehen, wenn ihm mit emotionaler Nähe begegnet wird. Während seiner Beziehungen zeigt er sich als Egoist und Opportunist.
„Eine echte Rückentwicklung ist das, was ich gerade erlebe, aber zugleich ist es auch befreiend.“
Klupp, Thomas: Paradiso, Berlin Verlag 2009, S.56.
In diesem Zitat wird die Reise von Alex Böhm treffend beschrieben. Sein Roadtrip durchreist zugleich sein eigenes Leben und es ist nicht klar, ob er sich überhaupt seit seiner Jugendzeit weiterentwickelt hat. Seine Partner:Innen betrügt und manipuliert Böhm, ohne jemals Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen. Die Verhaltensmuster zeigen sich, ohne dass eine ernsthafte moralische Rekapitulation stattfindet. Böhm ist für mich nie eine Person, der ich gerne folge, und doch sind bestimmte seiner Kommentare, die zwar zynisch sind, ironisch treffend. Die Spannung ergibt sich in diesem Text daraus, dass man unsicher ist, ob die erzählende Hauptfigur sich noch wandelt. Den Roman kann man stilistisch und mit seiner Handlung durchaus in die Nähe der Popliteratur rücken. Wir haben einen stark subjektiven Ton eines Ich-Erzählers, der sich dabei auch mit seinen Frauenbeziehungen auseinandersetzt. Mit seiner ironisch-distanzierten Haltung zum eigenen Leben und dem gesellschaftlichen Umfeld kann er dies alles kommentieren. Popkulturelle Elemente fließen ebenfalls in den Text ein und Böhm ist ein genauer Beobachter. In einer episodischen Struktur folgen wir Erlebnissen und Gedankenströmen, und ich folge diesem trickreichen Erzähler gerne. Mit seinem Humor trifft er durchaus manchen Kern in seinen detailreichen Beobachtungen. Zugleich stößt er einen ab, wenn man seine Lügengebilde erkennt und einsieht, dass er Probleme mit Bindungen hat, sich diese aber nicht eingesteht. Um solchen tiefergehenden Betrachtungen aus dem Weg zu gehen, konzentriert sich Böhm auf oberflächliche Aspekte und kommentiert auch Personen seines Umfeldes vor allem in Schubladenkategorien.
„Da würde ich gleich wieder zynisch werden und denken, was für ein riesengroßer Loser er ist, weil er früher immer gegen alles rebelliert hat und jetzt doch einen Mercedes fährt, und das will ich nicht denken. Ich habe mich ja entschlossen, nicht mehr so zu sein. Keine amüsanten Geschichten und auch keinen Zynismus mehr, das geht Hand in Hand. Amüsante Menschen sind immer äußerst brutale Zyniker, das weiß ich ganz genau.“
Klupp, Thomas: Paradiso, Berlin Verlag 2009, S.118.
Dies ist eine der wenigen Textstellen, wo sich der Erzähler durchaus selbst charakterisiert. Im Gegensatz zu den anderen bisher von mir besprochenen deutschsprachigen Pop-Autoren ist Klupps Protagonist düsterer und mit moralischen Maßstäben nicht als „guter Kerl“ einzustufen. In „Paradiso“ geht es weniger um Lifestyle, sondern um einen Protagonisten, der in seine eigenen Abgründe blickt. Der Roman ist demnach eine weitere Ausprägung der Popliteratur oder denkt bestimmte Aspekte zu den angelegten Protagonisten weiter und dekonstruiert die reine Fokussierung auf Oberfläche. Mich überzeugt das Buch mit seiner sprachlichen Dynamik und einem glaubwürdigen Tonfall der Figur. Böhm fasziniert und stößt einen zugleich ab, was wirklich ästhetisch gut umgesetzt ist. Allerdings fehlt dem Text an der ein oder anderen Stelle ein Überraschungsmoment, das den Reiz nochmals erhöhen würde.
Fazit:
Man kann diesen Roman durchaus als provokant bezeichnen, und doch ist dieses Buch auch eine literarisch gelungene Spielform mit Texttraditionen. Der Roadtrip der Hauptfigur ist zugleich eine Reise in die Vergangenheit, bei welcher Identitätsbrüche sichtbar werden. Der Protagonist bleibt ambivalent, zum einen ein distanziert ironischer Kommentator, zum anderen ein notorischer Lügner, der Gefahr läuft, sich selbst zu verlieren. Diese Spannung prägt den Roman und macht ihn aus meiner Sicht besonders interessant. Meine erneute Lektüre hat mich abermals dazu gebracht, mich mit der Stilistik und der literarischen Einordnung auseinanderzusetzen, aber hat mich bei der neuerlichen Lektüre auch gut unterhalten.
Werbung aus Liebe zum Buch
Wertung: 🐧🐧🐧🐧🐧
Titel: Paradiso
Aktuell nur antiquarisch erhältlich
