Kracht, Christian: Faserland

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In diesem und dem nächsten Monat möchte ich Bücher in den Fokus rücken, welche während meines Literaturstudiums die Lust an Gegenwartsliteratur geweckt haben. Es waren Romane, deren unkonventionelle, direkte Erzählung von einer Lebenswirklichkeit der 90er Jahre im Übergang ins Millenium, mich abholen konnte. Eines der wichtigsten Bücher für diese Lust ist „Faserland“ von Christian Kracht, das 1996 bei Kiepenheuer und Witsch erschien. Der Schweizer Autor arbeitete zunächst als Journalist, und mit seinem Debütroman schuf er einen der Schlüsseltexte der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur und wird damit zur sogenannten „Popliteratur“ gezählt. In diesem Werk verbinden sich journalistische Beobachtungsgabe mit ästhetischer Stilisierung, die in ihrer Oberflächlichkeit auch etwas Provokantes transportiert.

„Also, es fängt damit an, daß ich bei  Fisch-Gosch in List auf Sylt stehe und ein Jever aus der Flasche trinke. Fisch-Gosch, das ist eine Fischbude, die deswegen so berühmt ist, weil sie die nördlichste Fischbude Deutschlands ist. Am obersten Zipfel von Sylt steht sie, direkt am Meer, und man denkt, da käme jetzt eine Grenze, aber in Wirklichkeit ist da bloß eine Fischbude.“

Kracht, Christian: Faserland, S. Fischer Verlag 2025, S.13.

Aus der Perspektive eines namenlosen Ich-Erzählers eine Reise von Sylt quer durch Deutschland bis in die Schweiz. Stationen sind unter anderem Hamburg, Frankfurt, Heidelberg, München, der Bodensee und abschließend Zürich. Die Reise führt ihn zu verschiedenen Partys, lässt ihn ehemalige Bekannte treffen, und das Buch schildert diese Welt wohlhabender Milieus inmitten von Alkohol-  und Drogenerfahrungen. All die Begegnungen bleiben jedoch flüchtig und evozieren keine zentrale Bedeutung. Der Roman ist wegen dieser geschilderten Oberflächlichkeit einer der einflussreichsten Romane der 90er Jahre. Er wendet sich in seiner Ästhetik von einer politisch engagierten Literatur ab, und stellt Lebensgefühle und Konsumkultur in den Vordergrund. Literatur ist hier keine moralische Instanz, ironisiert bestimmte Moralvorstellungen gar. Krachts Buch zählt man in der Literaturwissenschaft zur Popliteratur. Hierunter werden Bücher gefasst, die sich stark an Popkultur orientieren, und diese in ihre Texte durch Filmzitate oder Songs einarbeiten. Marken werden immer wieder genannt, weshalb der Literaturwissenschaftler in dieser Stilistik auch eine Archivierung von Gegenwart sieht. Krachts Stil ist typisch für diese Texte, denn ihnen ist ebenfalls gleich, dass sie eine thematische Nähe zu Jugendkultur und Coming-of-Age-Geschichten mit Identitätssuche haben. Der namenlose Ich-Erzähler präsentiert einen durchgehenden inneren Monolog. Das Buch weist genaue Beobachtungen auf und betrachtet die Gegenwart assoziativ. Nie dringt der Erzähler in die Tiefe von persönlichen Begegnungen, fixiert sich auf Orte, seine Kleidung und Marken.

„Die Leute sind alle unheimlich freundlich zu mir, obwohl ich, wie gesagt, absolut niemanden kenne. Das freut mich natürlich, das macht mich extrem gut gelaunt. In solchen Momenten denke ich immer, ich bin extrem leicht zu ködern.“

Kracht, Christian: Faserland, S. Fischer Verlag 2025, S.103.

Kracht spielt mit seinem Buch aber auch mit der Tradition des klassischen Bildungsromans. Texte dieser  Art präsentieren eine Figur, die z.B. über eine Reise zu Reife und Selbstverständnis findet. All dies ist „Faserland“ nicht, denn der Protagonist hat nicht das Ziel, sich weiterzuentwickeln. Er ist gleichzeitig kein besonders zuverlässiger Erzähler, berichtet von stetem Alkoholkonsum und spricht in einem distanzierten und von nüchterner Emotion begleiteten Tonfall zu uns. In seiner Erzählung blitzt immer wieder Arroganz auf, viele Passagen weisen einen hohen Grad an Ironie auf. Greifbar wird die Figur dadurch allerdings nicht, sondern bleibt fragmentarisch. Die Kindheitserinnerungen sind Gegenpol zur geschilderten Gegenwart und deuten doch bereits das emotionslose Verhalten an. Natürlich schreibt man Kindern zu, dass sie unschuldig und naiv sind, und damit ist diese Ebene ein Gegenpol zum kommentierenden erwachsenen Erzähler. Diese vergangene Zeit ist verloren, kann nicht wiedergewonnen werden, wobei der Erzähler die Erinnerungen nicht mit Emotionen  ausschmückt und somit den melancholischen Stil des Textes stützt.

Ironie hat in diesem Roman eine zentrale Funktion und diese arrogante Erzählstimme trifft mit ihrem Humor durchaus meinen Geschmack und ich muss an nicht wenigen Textstellen lächeln. Zugleich schafft die Ironie Distanz, verhindert moralische Bewertungen und entlarvt die beobachtete Welt als oberflächlich. Gerade letzterer Aspekt ist für mich die große Qualität des Buches. Sicherlich war ich als junger Mensch für diese entlarvende Ästhetik des Romans besonders empfänglich, und doch ist dieser Roman noch heute ein wunderbares Buch, um Wahrnehmung von Welt in einer Konsumwelt zu verarbeiten. Unsere von Popkultur durchzogene Wirklichkeit ist weiterhin in diesem Roman erkennbar. Gekonnt werden ästhetische Zuschreibungen, z. B. eines Bistros im ICE, pointiert ironisiert und damit offenbart, dass unsere Konsumwelt Dingwelten versucht, mit Emotionen aufzuladen, und damit doch nur die Oberflächlichkeit entlarvt. Zugleich ist das Buch bei meiner heutigen Lektüre ein  Rückblick auf meine eigene  Jugend. Popliterarische Texte sind wie ein Archiv, denn bei Kracht finden sich neben Chartsongs und Marken auch soziale Codes der damaligen Zeit. Sein Erzähler durchlebt die Club- und Barkultur und markiert damit jugendliches Freizeitverhalten. Tiefenpsychologie ist nicht die Devise dieser Bücher, sondern eine Gegenwart ohne kausale Zuschreibungen, sowie das Erleben und dadurch die Abbildung eines Lifestyles.

„Ich habe dann immer so Sachen gesagt, daß man zum Beispiel eine Einlaufanstalt in jedem Bundesland bauen müßte und daß da jeder, der sich aufregt über politische Verhältnisse, einen polizeilich verordneten Einlauf bekommen müßte.“

Kracht, Christian: Faserland, S. Fischer Verlag 2025, S.76.

Eine weitere Ebene hat das Buch, in dem es die NS-Vergangenheit nicht explizit und historisch verarbeitet. Stattdessen durchziehen subtile Anspielungen den Text, provozieren mit Ironie und sind dabei aus meiner Sicht vor allem ein Symbol für das Verdrängen dieser Geschichte im Gegenwartsalltag. Betrachtet man heute gesellschaftliche Entwicklungen, kann man hier durchaus einen gefährlichen Umgang ausmachen, wobei ich diese Zielsetzung dem Roman nicht zuschreiben möchte. Im Zitat zeigt sich allerdings ein ironischer Blick auf Politik und damit verbundene Emotionen und Moralvorstellungen. Mir imponiert das Buch mit diesem wunderbaren Gefühl für Zeitgeist, seiner direkten Sprache und der Verdichtung von Gegenwart. Die geringe Figurentiefe sowie ein fehlendes klassisches Handlungsschema sind bewusst und funktionell für dieses Buch.

Fazit:

Faserland“ wird immer eines meiner Lieblingsbücher bleiben. Die Lektüre dieses Buches hat mich vom Mief vieler Schullektüren befreit und aufgezeigt, dass Literatur auch meine Lebenswirklichkeit abbilden kann. Die geschilderte Oberflächlichkeit und der ironisch-arrogante Blick sind Ausdruck der Provokation der Jugend, und zugleich drückt sich eine gewisse Reife in der genauen Beobachtungsgabe aus. Dieser Mix hat mich sogleich gepackt. Außerdem habe ich den Humor des Buches geschätzt und dass Kracht sich bewusst einer Tiefenpsychologie verweigert. Sicherlich befremden bestimmte Verhaltensmuster des Ich-Erzählers, doch in Stilistik und Ästhetik erscheint dies alles logisch. Ich bin mit diesem Buch ein weiteres Mal für Coming-of-Age-Texte begeistert worden und  habe mich anschließend für viele dieser Texte und die Spielformen der Popliteratur begeistert. Ich möchte Euch in den nächsten Wochen an dieser Begeisterung teilhaben lassen und kann die Lektüre von Kracht nur empfehlen. Für mich zählt er zu den besten Autoren unserer deutschsprachigen Literaturwelt.

Werbung aus Liebe zum Buch

Wertung: 🐧🐧🐧🐧🐧🐧

Titel: Faserland

ISBN: 978-3-596-18532-0

https://www.fischerverlage.de/buch/christian-kracht-faserland-9783596185320

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