Liepold, Annegret: Unter Grund

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Ich setze meinen ersten Büchertisch, ausgehend vom Lesungsabend der vergangenen Leipziger Buchmesse, mit einem weiteren Debütroman fort. Annegret Liepolds Roman war mir vorab schon in den Verlagsvorschauen aufgefallen, da er mich thematisch interessierte. In ihrem 2025 bei Blessing erschienenem Roman „Unter Grund“ wird eine Coming-of-Age-Geschichte mit dem Thema Jugendliche und rechtsextreme Strukturen vermischt. Für mich ist ein solcher Text ein literarisches Ereignis, denn oftmals gelingt es mir dank guter literarischer Texte, bestimmte gesellschaftliche Entwicklungen besser als mit einem Sachbuch zu verstehen. Die Frage, warum rechtsextreme politische Positionen für Jugendliche attraktiv sind, treibt mich dabei schon immer um. Um dieser Frage nachzugehen, reisen wir mit Liepold in eine ländliche deutsche Kleinstadt. Im Zentrum steht als Ich-Erzählerin Franziska „Franka“ Fuchsberger, die mittlerweile als Referendarin in München tätig ist. Bei einem Besuch eines Verhandlungstages des NSU-Prozesses mit einer Schulklasse kommen Erinnerungen der Vergangenheit wieder in ihr hoch.

„>> Hast du Angst, dass du das irgendwann mal bereust?<<,fragte Franka.  >> Wieso, ich weiß doch, wofür ich stehe. Warum sollte ich mein jetziges Ich irgendwann nicht mehr mögen?<<“

Liepold, Annegret: Unter Grund, Blessing Verlag 2025, S.128.

Das hier ausgewählte Zitat beleuchtet dann eine grundlegende Frage in Frankas Leben. Wie bereut man Dinge der Vergangenheit, wie kann man diese verarbeiten? Nachdem ein Schüler „Nazischlampe“ ruft, ist sie wieder inmitten ihrer Vergangenheit, in welcher sie sich selbst mit Jugendlichen der rechten Szene eingelassen hat. Annegret Liepold verknüpft gekonnt den realen Hintergrund des NSU-Prozesses mit der persönlichen Lebensgeschichte ihrer Protagonistin. In der Gegenwart ist Franka Lehrerin, doch ihre Jugend auf dem Land wird in Rückblenden nun zu einem Motor des Romans. Für Franka geht es bei ihrer Erzählung somit um die Frage, wie lange Vergangenheit nachwirken kann und ob man alles wieder gutmachen kann. Frankas Jugend ist von Verlusten geprägt. Ihr Vater ist früh verstorben und die dadurch entstandene Lücke wurde nie gefüllt. Die Mutter agiert überfordert, und zugleich müssen Franka und ihre Mutter mit einer dominanten Großmutter zurechtkommen. Die Großmutter wird die „Fuchsin“ genannt und ist eine Meisterin des Verschweigens. Die Geheimnisse der Familie, auch mit Blick auf mögliche Verstrickungen in der NS-Zeit, werden nicht ausgesprochen, scheinen aber immer wieder in Passagen auf. Franka kann aufgrund dieser mangelnden Kommunikation innerhalb der Familie nie das Gefühl von Geborgenheit festmachen. Die Frauenbeziehungen wirken hart und wenig gefühlsbetont.

„>> [..] Darum geht’s doch nicht.<< >>Um was dann?<<, fragte Franka. >>Darum eine Gemeinschaft zu sein, mit Leuten, denen man vertrauen kann. Einhundertprozent, bedingungslos.  Verstehst du? Ich möchte wissen, wer hinter mir steht und dass da keiner ist, der mir ein Messer reinrammt. Es gibt Leute<<, fuhr Patrick fort, >> die kapiert haben, um was es geht und was los ist, die nicht nur labern  sondern handeln. Was tun, das ist geil.  Saufen und labern geht mir so was von auf den Sack.<<“

Liepold, Annegret: Unter Grund, Blessing Verlag 2025, S.100.

Mit diesem Zitat ergibt sich ein treffendes Bild der Funktionsweise rechter Gruppierungen. Franka beginnt sich für die Gruppierung rund um Patrick zu interessieren, weil sich bei den anderen Versuchen, Freunde zu gewinnen, eben keine Vertrauensverhältnisse und Gefühle von Zugehörigkeit einstellen. Franka ist aufgrund der gestörten familiären Beziehungen vielleicht auch nicht in der Lage, sich offen auf andere Menschen einzulassen. Patrick und die anderen akzeptieren sie hingegen sogleich und öffnen ihre Gruppe für sie. Dem Roman gelingt es, schrittweise aufzuzeigen, wie sich Franka schleichend in die Gruppe begibt. Zunächst dient diese vor allem dem Ziel, einer Gemeinschaft anzugehören und jemanden zu haben, bei dem man seine Wut und Frustration abladen kann. Franka lädt die Gruppe sogar in das Haus ihrer Großmutter ein und hat erstmals das Gefühl, ein wichtiger Teil von etwas zu sein. Janna aus der Gruppe wird zu einer Freundin, mit der sie sich austauschen kann, die ihr aber auch zeigt, wie man Jungs anspricht. Hier verknüpfen sich dann die Coming-of-Age-Geschichte mit jener der Betrachtung einer rechtsextremen Jugendgruppierung. Liepolds Roman ist an keiner Stelle belehrend, es gibt keine moralischen Diskussionen zwischen Franka und ihren neuen Freunden, ebenso nur wenig ideologische Szenen. Stattdessen zeigt sich, wie subtil die Unsicherheit einer jungen Frau ausgenutzt wird, um diese für die eigene Sache zu gewinnen. Für mich ist der Romantitel deshalb passend, denn die eigentlichen Ideologien sitzen unter der Oberfläche. An einigen Textstellen offenbart sich der Rassismus von Janna oder Patrick, doch nie eskaliert dieser oder wird zu dominant.  Damit unterscheidet sich die Gruppe auch von der Großmutter, die vermehrt Befehle gibt.

„>>Ich sag dir jetzt mal was, Franziska<<, sagte also die Füchsin, >>wenn du etwas haben willst, dann musst du zugreifen. Und wenn  dir jemand etwas wegnehmen will, dann musst du dich wehren.<<“

Liepold, Annegret: Unter Grund, Blessing Verlag 2025, S.57.

Die Großmutter hat durchaus Lebenstipps parat, doch vor allem wird immer wieder die harte Realität des Lebens betont. Davon will Franka flüchten und bekommt dann doch nur neue Realitäten vermittelt. Nimmt man die Aussage der Großmutter, dann steckt in dieser der gleiche Kern wie in rechtsextremen Ideologien. Es werden Ängste betont und immer wieder darauf Bezug genommen, dass man aktiv handeln muss, damit einem niemand was wegnimmt. Dies sind Kernbotschaften des rechten Populismus und sie sind Nährboden seiner Strategie. Frankas Unsicherheit ist ein solcher Boden und wird von Patrick sofort erkannt. Schlussendlich zeigt dieser Roman aber auch, dass man sich solchen Tendenzen wieder entziehen kann. Frankas Problem ist nur, dass sie zu dieser Vergangenheit stehen muss und sich damit wieder selbst ausgrenzen würde. In der Metropole München hatte sie die Hoffnung, ihrer Vergangenheit zu entkommen, doch in ihrem Berufsalltag holt sie alles wieder ein. Für mich liegt darin auch eine Metapher für den Umgang mit der deutschen Geschichte, denn ablegen kann man die schrecklichen Ereignisse der NS-Zeit nie, aber die richtigen Lehren kann man daraus ziehen. Dieser Metaphorik gibt aus meiner Sicht der Titel des Romans ebenfalls einen passenden Slogan.

Fazit:

Dieser Roman ist eine pointierte Gesellschaftsbeobachtung und verarbeitet aktuelle Themen. Annegret Liepold findet für die Schilderungen der jugendlichen Welt die passenden Worte. Vor allem sind es jedoch die Figurendialoge und die passgenaue Sprache, auch in ihrer Mündlichkeit, die mich extrem beeindrucken. Frankas Driften in eine rechtsextreme Gruppierung wirkt nachvollziehbar und liefert sinnvolle Erkenntnisse zu rechtsextremen Jugendgruppierungen. Die Lektüre des Romans ist intensiv, wobei aus meiner Sicht bestimmte Schilderungen der familiären Kommunikation für Verwirrung sorgen. Dies ist eine kleine Schwäche des Textes, was aber dem positiven Gesamteindruck des Textes nichts anhaben kann. Die Jugend auf dem Land erhält in diesem Text ein Porträt, welches nicht verschweigt, dass bestimmte gesellschaftliche Entwicklungen an diesem vorbeigehen und man dies auch gerne vergisst. Wer verstehen will, warum sich Stadt und Land gesellschaftlich auseinanderleben, dem sei dieses Buch ans Herz gelegt.

Werbung aus Liebe zum Buch

Wertung: 🐧🐧🐧🐧🐧

Titel: Unter Grund

ISBN: 978-3-89667-766-2

https://www.penguin.de/buecher/annegret-liepold-unter-grund/buch/9783896677662

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