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Meine letzten Besprechungen von Büchern aus der Radsportwelt waren Darstellungen von ehemaligen Profis. Heute greife ich wieder zu einem Buch, welches sich mit der Geschichte des Radsports auseinandersetzt. Benjo Maso zählt zu den renommiertesten Radsportjournalisten. Der Niederländer ist Soziologe und begeisterter Radsportfan. In seinem Buch „Der Schweiß der Götter“, welches durch den Covadonga Verlag in Deutschland veröffentlicht wurde, blickt er auf die gesamte Geschichte des Rennradsports. Es geht Maso dabei auch darum, der Faszination dieser Sportart und ihrer Bedeutung als kulturelles Phänomen nachzuspüren. Er verbindet historische Quellen mit weiteren kulturellen Bezügen. Somit richtet sich sein Buch nicht an eine Leserschaft, die sich vor allem auf Ergebnisse und Erfolgsgeschichten konzentriert. Das Buch skizziert die Entwicklung des Straßenradsports vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis in unsere Zeit. Ziel ist es, die Frage zu beantworten, wie es dem Radsport gelingen konnte, eine der ersten Massensportarten zu werden.
„Es existiert keine andere Sportveranstaltung, bei der die Geschichte so aktiv am Leben erhalten wird, wie bei der Tour. Legendäre Alpen- und Pyrenäenpässe haben ihren festen Platz in der Strecke, Stars vergangener Zeiten sind immer anwesend.“
Maso, Benjo: Der Schweiß der Götter, Covadonga Verlag 2011, S.276.
Das Fahrrad war zunächst vor allem ein Verkehrsmittel, wurde allerdings alsbald auch als Wettkampfgerät erkannt. Schlechte Straßen, enorme Distanzen und unzuverlässiges Material machten jede Fahrt zu einem Abenteuer. Gerade diese extremen Bedingungen schufen jedoch jene Geschichten von Leidensfähigkeit und Heldentum, die den Sport bis heute prägen. Im weiteren Verlauf zeigt Maso, wie sich aus vereinzelten Langstreckenfahrten organisierte Rennen entwickelten. Klassiker wie Paris–Roubaix oder Bordeaux–Paris erscheinen dabei nicht lediglich als Wettbewerbe, sondern als Ausdruck einer Epoche, in der technische Innovation, industrieller Fortschritt und sportlicher Ehrgeiz eng miteinander verbunden waren. Großen Raum nimmt die Entstehung der Tour de France ein. Die Rundfahrt wurde vom Zeitungsherausgeber Henri Desgrange erfunden, um damit den eigenen Zeitungsverkauf anzukurbeln. Die spektakulären Etappen, die extremen Berge und die langen Distanzen erzeugten Geschichten, die weit über den eigentlichen Sport hinausgingen. Fahrer wurden zu Nationalhelden, deren Leiden und Durchhaltevermögen täglich in den Zeitungen nacherzählt wurden. Es spielt eine bedeutende Rolle, dass die Zuschauer am Streckenrand direkt am Rennen teilhaben konnten und doch nie den wirklichen Überblick über den aktuellen Sachstand im Rennen hatten. Sie können nicht das gesamte Ereignis überblicken, sodass der Blick in die Zeitung am nächsten Tag viel Verborgenes zutage bringt. Radrennen konnten ganze Regionen miteinander verbinden. Die Strecke selbst wurde zur Bühne. Dörfer, Städte und Gebirgslandschaften verwandelten sich in Kulissen eines sportlichen Dramas, dessen Handlung sich über Tage oder sogar Wochen erstreckte. Zudem war der Straßenradsport geeignet, um dabei auch technische Entwicklungen der Industrialisierung zu symbolisieren. Verbesserte Fahrradtechnik, neue Produktionsverfahren und ein wachsendes Straßennetz schufen überhaupt erst die Voraussetzungen für Rennen über hunderte Kilometer.
Besonders eindrucksvoll beschreibt Maso den Wandel des Heldenbildes. Die frühen Radprofis galten nicht als makellose Superstars, sondern als Menschen, die unter extremen Bedingungen litten. Staubige Straßen, Regen, Kälte, Hunger und Materialschäden gehörten selbstverständlich zum Wettkampf. Gerade diese Mühsal verlieh ihren Leistungen eine fast mythische Dimension.
„Der Radsport hat seinen absoluten Höhepunkt in Zeiten erlebt, in denen er in den Augen des Publikums über ein rein sportliches Kräftemessen hinausragte. Rennen wurden zu Dramatisierungen des alltäglichen Lebens, wobei sich die größten Champions zu Personifizierungen der verschiedenen Strömungen mauserten, die sich in jenem Augenblick in der Gesellschaft gegenüberstanden.“
Maso, Benjo: Der Schweiß der Götter, Covadonga Verlag 2011, S.162.
In diesem Zitat zeigt sich, dass Maso die prägenden Duelle im Radsport immer auch in Bezug zu gesellschaftlichen Entwicklungen setzt. Neben der Tour de France rückt der Giro d’Italia in den Fokus, bei dem ebenfalls die medialen Berichterstattungen entscheidend für seinen Ruf waren. Gerade nach der politischen Einigung Italiens gewann das Rennen eine symbolische Bedeutung. Es verband Regionen miteinander und schuf nationale Identifikationsfiguren. Maso arbeitet heraus, dass der Giro eine andere Atmosphäre besitzt als die Tour: emotionaler, regionaler verwurzelt und stärker von familiären Traditionen geprägt. Der Tour de France gelingt es allerdings, eine Selbstinszenierung Frankreichs zu werden. Ein entscheidendes Duell in Italien war der Kampf der Nationalhelden Gino Bartali und Fausto Coppi. Interessant ist, dass letzterer seinen großen Ruhm erst nach seiner Karriere erhielt. Ihre sportliche Konkurrenz wird zugleich als Spiegel der italienischen Nachkriegsgesellschaft verstanden. Bartali verkörpert Tradition, katholische Werte und Beharrlichkeit, während Coppi für Modernität, Eleganz und gesellschaftlichen Wandel steht. In Frankreich widmet Maso dem ewigen Zweiten Raymond Poulidor und seinem Ruhm Raum, obwohl dieser eben Jacques Anquetil unterlegen war. Es wird deutlich, dass auch die Fahrweise einen Einfluss auf die Verehrung durch die Fans hat. Jacques Anquetil, dessen kontrollierter und taktisch geprägter Fahrstil den Übergang in eine stärker professionalisierte Ära prägte. Auch die legendären Eintagesrennen spielen eine zentrale Rolle. Paris–Roubaix steht exemplarisch für die Härte des frühen Straßenradsports. Kopfsteinpflaster, Staub, Schlamm und Materialschäden machten dieses Rennen zu einem Sinnbild körperlicher Grenzerfahrungen. Maso schildert eindrucksvoll, weshalb Paris–Roubaix bis heute den Beinamen „Hölle des Nordens“ trägt und warum schon deshalb an den Kopfsteinpflasterpassen festgehalten wird.
„Das bedeutet nicht, dass der Dopinggebrauch im Begriff ist zu verschwinden. Wie schon oft angemerkt wurde, befinden sich die Rennfahrer in einem Teufelskreis. Weil sie wissen oder vermuten, dass ein Teil ihrer Konkurrenten leistungsfördernde Mittel verwendet, fühlen sie sich gezwungen, dies ebenfalls zu tun, und bringen auf diese Weise wiederum andere dazu, dasselbe zu machen. Doch selbst wenn das Peloton durch irgendein Wunder plötzlich von jetzt auf gleich ‚sauber‘ würde, gäbe es immer Rennfahrer, Teamchefs oder Sponsoren, die es nicht lassen könnten, dies auszunutzen, woraufhin der ganze Prozess erneut in Gang käme.“
Maso, Benjo: Der Schweiß der Götter, Covadonga Verlag 2011, S.162.
Dieses Zitat zeichnet kein positives Bild und ist doch vor allem realistisch. Maso zeigt auf, wie der Sport sich zu einem ökonomischen Wettbewerb entwickelt. Die Tour de France richtet sich dabei immer wieder nach den Notwendigkeiten, finanzielle Mittel zu erlangen. Sei es der Wechsel weg von Nationalteams oder Herstellern hin zu Sponsorenteams oder eben die Einführung der Werbekarawane. Immer wieder hat es Doping im Radsport gegeben, und dabei ging es auch um die Frage, was bis zu einem gewissen historischen Zeitpunkt sogar erlaubt war. Dabei wird auch bei früheren Seriensiegern darauf verwiesen, welche medizinischen Hilfsmittel zu diesem Zeitpunkt genutzt wurden, weil sie eben auch erlaubt waren. Maso verschweigt aber nicht die gesundheitlichen Risiken. Trotzdem ist es richtig, dass mit Doping immer wieder der Tod des Sports vorausgesagt wurde und sich die Faszination auch nach den Skandaljahren der 90er und der Armstrong-Dominanz gehalten hat. Natürlich mussten hier wirtschaftliche Einbußen hingenommen werden, doch der Sport hat sich davon wieder erholt.
Eine große Stärke des Buches liegt in seiner fundierten Recherche. Maso stützt sich auf zahlreiche historische Quellen, zeitgenössische Presseberichte, Memoiren sowie radsporthistorische Veröffentlichungen. Anstatt bekannte Legenden einfach zu übernehmen, überprüft er deren Entstehung und fragt nach ihrem historischen Kern. Die wirtschaftlichen Hintergründe erklärt Maso differenziert, ohne den sportlichen Leistungen ihre Bedeutung zu nehmen. Letzteres ist sicherlich ein Geheimrezept des Radsports.
Fazit:
Dieses Buch ist eine wunderbare Geschichte des Radsports. Benjo Maso hat ein fundiertes Sachbuch geschrieben, welches die Faszination des Sports in seinen verschiedenen Dimensionen greifbar macht. Das Buch legt seinen Schwerpunkt bewusst auf die Frühgeschichte und die klassische Epoche des europäischen Straßenradsports, und dies ist aus meiner Sicht richtig. Anhand der frühen Mythen wird deutlich, warum der Sport seine Helden bis heute schafft. Die Rennen sind mit den wirtschaftlichen und medialen Entwicklungen gewachsen. Maso konzentriert sich auf die kulturelle Entwicklung des Sports und weniger auf dessen Krisengeschichte. Sein Realismus hinsichtlich Doping ist eine Stärke des Buches. Für Radsportfans ist dieses Buch ein Muss. Sofern sich Einsteiger an dieses Buch wagen, müssen sie sich auf eine intensive Lektüre einlassen. Jedoch ist dieses Buch ein Standardwerk für die Geschichte des Radsports.
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Wertung: 🐧🐧🐧🐧🐧
Titel: Der Schweiß der Götter
ISBN: 978-3-936973-60-0
