May, Karl: Durch die Wüste

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Auf meinem Blog stelle ich in regelmäßigen Abständen Bücher meines Lieblingsautors Karl May vor. Bisher habe ich mich hierbei aber vor allem auf die in Nordamerika spielenden Abenteuer konzentriert. Allerdings hat der zwischen 1842 und 1912 lebende Schriftsteller durchaus weitere Reiseerzählungen geschrieben, denen ich auf dem Blog ebenfalls Raum geben möchte. Beginnen möchte ich dabei mit dem Orientzyklus, der bei den Gesammelten Werken auch die ersten Bandnummern einnimmt. Ähnlich wie bei den in Nordamerika spielenden Abenteuern ist May auch an die in der arabischen Wüste beschriebenen Schauplätze nicht selbst gereist, sondern seine Reiseerzählungen basieren auf Buchrecherchen und seiner Fantasie. Der Orientzyklus umfasst sechs Bände und der Roman „Durch die Wüste“, erstmals erschienen 1892, bildet den Auftakt dieser Abenteuerreihe. Im Unterschied zu den Romanen rund um die Blutsbrüder Winnetou und Old Shatterhand ist der Orientzyklus episodischer aufgebaut.

„Durch die Wüste“ fungiert dabei als Einführung in die Figurenwelt. Der Roman ist in der ersten Person verfasst, allerdings trägt May hier nicht den Namen Old Shatterhand, sondern dort nennt man ihn Kara Ben Nemsi. Dieser reist durch Nordafrika und den Nahen Osten. Begleitet wird er von seinem treuen Diener Hadschi Halef Omar. In loser Abfolge reihen sich Abenteuer aneinander, in welchen die beiden mit Räuberbanden in Kontakt geraten oder in Stammesfehden vermitteln. Dabei agiert die Hauptfigur ähnlich, wie man dies schon von Old Shatterhand kennt, und kann dank körperlicher Fähigkeiten und List siegreich hervorgehen. Jedoch empfinde ich die Darstellung von Kara Ben Nemsi als deutlich überlegen gegenüber seiner Gegnerschaft, als dies bei den Abenteuern als Old Shatterhand der Fall ist. Grundsätzlich ist die Darstellung der arabischen Welt aus heutiger Perspektive problematisch. An einigen Stellen ist durchaus Bewunderung für Gerechtigkeitsempfinden und für einzelne Figuren unter den arabischen Völkern erkennbar. Positiv hervorgehoben werden Gastfreundschaft sowie Ehre. In vielen Fällen ist es jedoch eine stereotype Darstellung im Rahmen des damaligen Zeitgeistes, welcher die Völker vor allem als rückständig und impulsiv darstellt. Kara Ben Nemsi gibt den überlegenen Europäer, was sich auch in religiösen Gesprächen zeigt. Auch die Beschreibung der arabischen Völker ist nicht vergleichbar mit der Detailtiefe bei den Indigenen Nordamerikas, und so muss man sich beim Lesen stark konzentrieren, um immer zu wissen, welche Stammesgruppierung nun in die Handlung integriert wird. Ebenfalls sichtbar ist diese Überlegenheit im Verhältnis zu seinem Gefährten Hadschi Halef Omar. Jener ist ein lebhafter und redseliger Mensch, aber auch von einem tiefen Aberglauben geprägter Charakter. Er verehrt Kara Ben Nemsi und steht klar in einem hierarchischen Verhältnis zu ihm. Ich finde es wichtig, dass wir deshalb diese Geschichten nicht gänzlich aus dem Lesen verbannen, sondern bewusst mit unserem kritischen Blick betrachten.

„>>Was tust du hier im Land der Gläubigen?<< >>Ich will dieses Land und seine Bewohner kennen lernen.<<“

May, Karl: Durch die Wüste, Karl May Verlag 2003, S.230.

Insgesamt kann mich das erste Wüstenabenteuer aber nicht abholen. Im Gegensatz zu den Abenteuern in Nordamerika fehlen eine verbindende dramatische Struktur und Geschichte, ebenso vermisse ich Höhepunkte in der Handlungskonstruktion. Stilistisch werden Landschaftsbeschreibungen ähnlich den Nordamerikaabenteuern verarbeitet, die religiösen Gesprächsthemen sind aber dominanter und stören den Lesefluss etwas. Kara Ben Nemsi ist eine von christlicher Moral geprägte Figur, ihm gegenüber stehen gläubige Muslime. May versucht durchaus, Gemeinsamkeiten darzustellen, versucht, moralische Verbindungen herzustellen, und doch landet man immer wieder beim überlegenen Christentum. Dem Roman fehlt zudem ein wenig Action, Gefechte werden in Kürze geschildert, Gefahrenmomente wie das Erschießen eines Löwen werden ohne Details abgehandelt.

Ich schätze am Buch die Figur Hadschi Halef Omar, der gelegentlich für Humor und Dynamik sorgt. Ebenso sind die Schauplätze interessant, hier sind besonders die Textpassagen rund um Mekka interessant. Davon hat dieses Abenteuer jedoch zu wenig, um mich in einem Lesefluss zu halten. Ich bin allerdings gespannt, wie sich dies im weiteren Verlauf des Zyklus entwickelt. 

Fazit:

„Durch die Wüste“ wird vor allem wegen der Figur des Hadschi Halef Omar als ein bedeutendes Werk für den May-Kosmos eingestuft. Mich konnte diese Figur an einigen Textstellen ebenfalls begeistern, aber dieses Gefühl trägt nicht über den gesamten Roman. Der Auftakt des Orientzyklus hat mich enttäuscht, die episodenhafte Struktur schafft es nicht, einen Lesefluss zu erzeugen und einen Spannungsbogen aufzubauen. Die Figuren erhalten weniger Tiefe als dies bei den Nordamerikaabenteuern geschieht, und die Schilderung der arabischen Völker ist mit dem heutigen Zeitgeist als schwierig einzustufen. May lässt immer wieder die westliche Überlegenheit seinen Roman dominieren, und dadurch sind die Schilderungen gänzlich weniger respektvoll als bei den amerikanischen Ureinwohner:Innen.

Werbung aus Liebe zum Buch

Wertung: 🐧🐧🐧

Titel: Durch die Wüste

ISBN: 978-3-7802-0001-3

https://www.karl-may.de/Buecher/Gesammelte-Werke_Durch-die-W%C3%BCste

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