May, Karl: Durchs wilde Kurdistan

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Karl May zählt mit seinen Abenteuerromanen zu den meistgelesenen deutschsprachigen Autoren. Natürlich ist er vor allem für seine Romane rund um die Blutsbrüder Winnetou und Old Shatterhand bekannt, doch ich möchte mich auch den Abenteuern anderer Regionen widmen. Keine seiner beschriebenen Regionen hat May vor dem Schreiben seiner Abenteuer persönlich bereist. Seine Vorstellungen vom Orient, die er in seinem Wüstenzyklus schildert, hat er vornehmlich aus Reiseberichten und anderer Abenteuerliteratur. „Durchs wilde Kurdistan“ ist die Fortsetzung seines Orientzyklus und schildert die Abenteuer von May alias Kara Ben Nemsi. May führt Handlungsstränge des Vorgängerbandes weiter. Im Mittelpunkt steht die Geschichte von Mohammed Emin, dessen Sohn Amad el Ghandur entführt worden ist. Zunächst muss Kara Ben Nemsi jedoch die Jesiden im Kampf gegen die Türken unterstützen, um sich dann anschließend der Befreiung von el Ghandur aus der Festung Amadijeh zu widmen. Damit wird ein zentrales Motiv der Abenteuerliteratur Mays aufgegriffen, denn Befreiungsgeschichten begegnen uns immer wieder. Für den Helden und seine Gefährten Hadschi Halef Omar und den britischen Abenteurer Sir David Lindsay beginnt eine gefährliche Reise, bei welcher sie sich immer wieder gegen Intrigen und Hinterhalte wappnen müssen. Kara Ben Nemsi muss mehrfach List anwenden und strategisch vorgehen, um nicht in den Konflikten verschiedener Stämme aufgerieben zu werden. Als sie in einen Konflikt zwischen kurdischen Stämmen und christlichen Nestorianern geraten, scheinen die drei Gefährten in einer aussichtslosen Situation. Doch dann taucht die geheimnisvolle Marah Durimeh auf und kann vielleicht als Friedensstifterin die Rettung bringen.

„Wie viele Bücher hatte ich über fremde Länder und ihre Völker gelesen und wie viele Vorurteile dabei in mich aufgenommen! Ich hatte manches Land, manches Volk, manchen Stamm ganz anders – und besser gefunden, als sie mir geschildert worden waren. Der Gottesfunken ist im Menschen niemals vollständig zu ersticken und selbst der Wildeste achtet den Fremden, wenn er sich selbst von diesem geachtet sieht.

May, Karl: Durchs wilde Kurdistan, Karl May Verlag 2001, S.539.

In diesem Zitat zeigt sich die Stilistik Mays und wie er über seine Reisen reflektierend denkt. In seiner Ausgestaltung ist in den Büchern und vor allem in den Orientabenteuern auffallend, dass er viele stereotype Beschreibungen wählt. Seine arabischen Figuren wirken „wild“, während Kara Ben Nemsi ihnen gegenüber belehrend auftritt. Damit ist seine Darstellung typisch für Reiseberichte des europäischen 19. Jahrhunderts, aber aus heutiger Perspektive kritisch zu sehen. Archaische Vorstellungen durchziehen den Text, und doch versucht Kara Ben Nemsi, Verständnis für die ihm fremden Kulturen zu entdecken. Hadschi Halef Omar ist durchaus überzeichnet und doch bringt May dieser Figur viel Sympathie entgegen. Seine Reiseschriftstellerei sieht er auch im Dienste, die Völker besser darzustellen. Ebenso spielt Religion eine große Rolle. Christen, Muslime und Jesiden geraten immer wieder aneinander. Allerdings setzt May den Islam nicht herab, sondern die muslimische Frömmigkeit wird mit Respekt geschildert. Das Christentum ist aber durch das Auftreten Kara Ben Nemsis eine moralische Leitinstanz des Buches. Diese Stellung trägt somit durchaus koloniale Züge. Im Vergleich zu den Nordamerika-Abenteuern unterscheiden sich die Orientabenteuer hinsichtlich der Konzentration von Spannung, wobei ich dies in diesem Buch deutlich gelungener gegenüber dem Vorgängerband finde. Grundsätzlich steht die Reise im Mittelpunkt, weshalb die Erzählungen episodischer wirken. Zudem sind die ethnischen und religiösen Diskussionen deutlich ausgeprägter. Kara Ben Nemsi wirkt als der komplette Held, ist mit weniger Schwächen versehen, als in seinem Handeln in Nordamerika. Für Unterhaltung sorgt in diesem Buch die Figur des englischen Abenteurers Sir David Lindsay. May gelingt mit dieser Figur ein „spleeniger englischer Lord“. Er besticht durch Exzentrik, die immer wieder zu humorvollen Szenen führt, und agiert auch gelegentlich tollpatschig. Er ist trotzdem ein loyaler Gefährte und eine Kontrastfigur zu Kara Ben Nemsi, denn er versucht, sich Abenteuer mit Geld zu erkaufen, und repräsentiert damit den klassischen Kolonialismus. Für den Roman ist diese Figur eine lohnenswerte Bereicherung.

Fazit:

Der zweite Band des Orientzyklus führt die begonnenen Handlungsstränge konsequent weiter und ist hinsichtlich des Spannungsaufbaus und der konsequenten Handlungsführung stärker als der Vorgängerband.  Dennoch bleiben der episodenhafte Charakter und dass es viele Figuren gibt, deren Zugehörigkeit sowie Handlungsmotivation nicht immer deutlich geschildert werden. Die stereotypen Schilderungen finden sich ebenfalls in den Nordamerika-Erzählungen. Trotzdem ist auch der Orientzyklus lesenswert, denn wir lesen über exotische Schauplätze und können Abenteuer erleben. Mit etwas zeithistorischer Kritik kann man die Schilderungen Mays und das Eintauchen in seine fantasievolle Märchenwelt auch heute noch genießen.

Werbung aus Liebe zum Buch

Wertung: 🐧🐧🐧🐧

Titel: Durchs wilde Kurdistan

ISBN: 978-3-7802-0002-0

https://karl-may.de/Buecher/Gesammelte-Werke_Durchs-wilde-Kurdistan

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