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Aktuell stelle ich auf meinem Blog den Orientzyklus von Karl May vor. Für mich ist dieser Autor vor allem mit seinen Nordamerika-Abenteuern von Bedeutung, da er meine Leseleidenschaft nachhaltig geprägt hat. Mit einem Blick auf weitere Bestandteile seines Gesamtwerks möchte ich meinen Lieblingsautor auf dem Blog entsprechend würdigen. Bisher habe ich schon zwei Teile des Orientzyklus besprochen. „Von Bagdad nach Stambul“ erschien erstmals 1892 als Buchausgabe und bildet den dritten Band des sechsteiligen Orientzyklus. Die zugrunde liegenden Texte wurden zwischen 1881 und 1888 im „Deutschen Hausschatz“ veröffentlicht. Der Roman gehört damit zu jener Schaffensphase, in der Karl May seine populärsten Reiseerzählungen entwickelte. Der Roman setzt unmittelbar die Ereignisse des Vorgängerbandes „Durchs wilde Kurdistan“ fort.
Kara Ben Nemsi und sein Begleiter Hadschi Halef Omar befinden sich auf der Weiterreise. Der Weg führt über Bagdad, Syrien und schließlich in Richtung Konstantinopel beziehungsweise Stambul, das heutige Istanbul.
Wie in nahezu allen Romanen des Orientzyklus besteht die Handlung aus einer Reihe von Episoden. Zu Beginn wird die Reisegruppe von einem kurdischen Überfall erschüttert. Dabei stirbt der angesehene Scheik Mohammed Emin. Sein Sohn Amad el Ghandur wird von Rachegedanken getrieben und trennt sich von den übrigen Reisenden, um die Täter zu verfolgen. Im weiteren Verlauf begegnen Kara Ben Nemsi und Halef einer persischen Reisegesellschaft. Der Anführer dieser Reisegruppe befindet sich auf der Flucht und die beiden Helden sind unsicher, was sie von ihm halten sollen. Schnell stellen sie fest, dass sich auch innerhalb der Reisegruppe weitere dubiose Personen befinden. Bei ihrer Weiterreise vertraut der Anführer der Reisegruppe Kara Ben Nemsi jedoch zunehmend weniger und wird so Opfer einer Verschwörung. Dies ist bedeutsam, denn hier kann eine Katastrophe nicht verhindert werden. Die größte Gefahr während dieses Bandes trifft die Helden jedoch, als sie Teil einer Todeskarawane werden. Diese historisch verbrieften Karawanen transportieren Verstorbene zu Begräbnisstätten. Doch zwischen den Särgen breitet sich die Pest aus und die Helden stecken sich an. Zum ersten Mal erscheinen die beiden Helden nicht als unbesiegbare Abenteurer, sondern als körperlich gebrochene Menschen. Da die Krankheit die beiden zeitlich versetzt trifft, können sie sich gegenseitig pflegen und retten. Gerade diese gegenseitige Fürsorge stärkt die Freundschaft der Figuren.
„Ich hatte Halef wegen seiner Unvorsichtigkeit ausgezankt; jetzt war ich selbst viel dümmer gewesen; ich war in eine außerordentlich plumpe Falle gerannt. Dass meine Gutherzigkeit daran die Schuld trug, konnte mir weder zur Entschuldigung noch zum Trost gereichen. Es galt jetzt, Geduld zu haben, das Kommende kaltblütig abzuwarten und jede Gelegenheit zum Entkommen energisch beim Schopf zu ergreifen.“
May, Karl: Von Bagdad nach Stambul, Karl May Verlag 2003, S.523.
Dieses Zitat lässt erstmals eine selbstkritische Veränderung im Verhältnis zum treuen Diener erkennen. Nach ihrer Genesung suchen Kara Ben Nemsi und Halef die Haddedihn auf, einen befreundeten Beduinenstamm. Dort erfahren sie Schutz und Unterstützung. Dieser Stamm fungiert quasi als loyaler Rückzugsort, ähnlich wie dies mit den Apachen funktioniert. Im letzten Drittel erreichen Kara Ben Nemsi und Halef schließlich Stambul (Konstantinopel). Dort verändert sich die Atmosphäre erneut. Während zuvor Wüste, Karawanen und Stammesgesellschaften dominierten, tritt nun die Welt des Osmanischen Reiches in den Vordergrund. Hier stoßen sie auch wieder auf einen ihnen bekannten Verbrecher und May verknüpft verschiedene Stränge der bisherigen Orientabenteuer. Ich muss jedoch kritisieren, dass dieser Band nicht durch einen Hauptkonflikt miteinander verbunden ist. Dies ist auch der Hauptunterschied gegenüber den Nordamerika-Abenteuern. Im Orientzyklus steht die Reise als solche im Mittelpunkt. Durch die episodenhafte Gestaltung verliert man als Leser:In schnell den Überblick. Interessant ist, dass in diesem dritten Band den historischen Städten mehr Bedeutung beigemessen wird und deren Beschreibung von großem Respekt geprägt ist. Dies kann aber nicht über die mangelnde Action hinweghelfen. Die Pestgeschichte ist sicherlich dramatisch, aber diese Wirkung erzeugt sie mit dem gewählten Stil nicht. Es entsteht bei mir nie das Gefühl, dass den beiden Helden wirklich etwas passieren kann, und dies schwächt den Spannungsaufbau. Viele Figuren tauchen ohne große Funktion auf und verschwinden genauso schnell wieder. Wie in den beiden vorherigen Romanen möchte ich auch in dieser Rezension einige Worte zur Darstellung der arabischen Völker innerhalb des Romans finden. Karl Mays Schreiben ist allein aus der Recherche von Büchern geprägt und somit noch stärker der Gefahr unterworfen, reine Stereotype zu produzieren. Araber erscheinen in seinen Orientabenteuern folglich entsprechend ihrer damaligen zeitgenössischen Wahrnehmung. Sie lassen sich bei May grob in zwei Gruppen unterscheiden. Entweder sind es edle, gastfreundliche Wüstenbewohner oder fanatische Räuber. Zudem sind sie oftmals tief in religiösem Glauben verfangen. Differenzierte Wahrnehmungen finden sich wenige im Roman. Jedoch kann man May keinen plattem Rassismus unterstellen, denn durchaus finden sich Figuren, die Würde und moralische Größe ausstrahlen. In diesem dritten Band werden vor allem der Figur Hadschi Halef Omar tiefere Charakterzüge verliehen und dies stärkt seine Heldenfunktion. Das Zusammenspiel von Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar profitiert davon. Trotzdem erscheint der Westen überlegen und drückt damit eine koloniale Wahrnehmung aus.
Fazit:
Der dritte Band des Orientzyklus verliert im Gegensatz zu seinem Vorgänger aus meiner Sicht an Qualität. Der Roman fokussiert sich auf Reisebeschreibungen und paart diese mit einer Aneinanderreihung von Abenteuerepisoden. Hervorzuheben ist an diesem Roman die gestärkte Beziehung zwischen Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar. Ähnlich wie in den anderen Romanen des Orientzyklus besteht die dargestellte Romanwelt aus einer Mischung aus klischeehaften Darstellungen und stilistisch guten Reiseberichterstattungen. Mich stört aber, dass es erneut keinen Kernkonflikt gibt, und May gelingt es nicht, mir die Dramatik des Pestausbruches so nahe zu bringen, dass ich mit den Helden mitfiebere. Meine Einschätzung zum Orientzyklus bleibt deshalb durchwachsen, und so sehe ich diese Bücher aktuell vor allem für May-Fans als Lesetipp.
Werbung aus Liebe zum Buch
Wertung: 🐧🐧🐧
Titel: Von Bagdad nach Stambul
ISBN: 978-3-7802-0003-7
https://www.karl-may.de/Buecher/Gesammelte-Werke_Von-Bagdad-nach-Stambul
