Menger, Ivar Leon: Der Tower

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Die Darmstädter Krimitage haben im Jahr 2026 einen Abend mit zwei Darmstädter Autoren beinhaltet. Für mich war dieser Abend der Schluss eines Kreises, denn Ivar Leon Menger war mit seinem ersten Buch bereits bei den Krimitagen zu Gast und ich damals erstmalig als Gast bei diesem Lesefestival. Mittlerweile darf ich die Abende als Moderator mitgestalten und so durfte ich auch Ivar Leon Mengers neuen Roman auf der Bühne begleiten. Mich hat der Autor mit seinem Roman „Finster“ begeistern können, denn ich finde man merkt ihm ein gutes Gespür für Atmosphäre und das Schaffen prägender Bilder an. Im Vorgriff auf die Krimitage habe ich seine Bücher nochmals gelesen und fühlte mich bei allen gut unterhalten. Der 2025 bei dtv erschienene Roman „Tower“ widmet sich der zunehmenden Digitalisierung unserer Welt und Ivar Leon Menger hat im Gespräch verraten, dass die Grundidee des Romans auf das titelgebende Gebäude zurückgeht. Der Ort mit den Möglichkeiten Bewegungsfreiheiten einzuschränken wurde somit zum idealen Ausgangspunkt, für die Frage nach den Gefahren durch Überwachung. Die Handlung spielt in einem luxuriösen vollständig digitalisierten Wohnturm im Herzen Berlins.

In dieses „Pramtower“ genannte Gebäude zieht mit Nova eine junge Mitarbeiterin einer Kunstgalerie ein. Für sie hat sich in kürzester Zeit eine persönliche Krise mit Wohnungs- und Jobverlust ergeben und so ist das ungewöhnliche Angebot umsonst im Pramtower zu wohnen ein Rettungsanker. Ein Jahr lang wird sie dort umsonst im Luxus wohnen dürfen. Jede Wohnung ist vollständig digitalisiert und wird durch künstliche Intelligenz gesteuert, deren Hauptaufgabe darin bestehen soll, den Bewohner:Innen alle Wünsche zu erfüllen, aber auch deren gesundheitliches Wohlbefinden im Auge zu behalten. Schon nach kurzer Zeit im Gebäude stellt sich bei Nova ein unbehagliches Gefühl ein. Die Nachbarn verhalten sich merkwürdig und die Künstliche Intelligenz lehnt immer wieder Vorschläge von Nova mit Verweis auf ihre Gesundheit ab. Zudem erfährt Nova, dass die vorherige Bewohnerin ihrer Wohnung unter mysteriösen Umständen zu Tode gekommen ist. Nova beginnt damit Nachforschungen anzustellen und gerät dabei in Konflikte mit den Nachbarn, aber vor allem mit der regulierenden künstlichen Intelligenz und damit dem Towersystem. Während Nova also versucht die Hintergründe des Systems zu ermitteln, wird versucht ihr die Kontrolle über ihr eigenes Leben zu entziehen. Es beginnt ein Wettlauf gegen das digitale System, welches auch die Macht hat Nova einzusperren.

Ivar Leon Menger wählt einen Spannungsaufbau, den ich auch schon bei anderen Romanen von ihm wahrgenommen habe. Er isoliert seine Hauptfigur und lässt sie dann gegen eine aufkommende Paranoia ankämpfen, wobei wir als Leserschaft nie so genau wissen, was wirkliche Gefahren sind, oder wo sich nur Einbildungen abspielen. Gelungen ist an diesem Roman, dass durch den digitalisierten Alltag der Hauptfigur, eine Ebene geschaffen wird, bei der es schwerfällt tiefes Vertrauen entgegen zu bringen. Die Künstliche Intelligenz entscheidet in diesem Roman darüber, welches Licht Nova erhält, was sie essen soll und entscheidet auch zu welchen Räumen sie Zugang erhält. Die Wendungen rund um die Bewohnerschaft des Towers helfen dabei ein Gefühl der Unsicherheit heraufzubeschwören. Zunächst scheint sich alles wunderbar zusammenzufügen, da Nova auch noch einen neuen Job in der Galerie eines Nachbarschaftspärchens erhält, doch im Handlungsverlauf wächst der Verdacht, dass dies alles Teil eines Kontrollsystems ist. Interessant ist, dass in diesem Roman das vermeintlich Böse nicht in Gestalt eines anderen Menschens auftritt, sondern ein technisches System ist.

<< Das System macht alles, was sie wollen. Es ist wie Magie, sie werden es sehen.<<

<< Die KI regelt also wirklich alles hier?<<, frage ich.

<< Ganz recht, Nova<<, erklingt eine weibliche Stimme von allen Seiten um mich herum. Ganz so, als würde ich darin baden. <<Ich bin Kim. Die Assistentin deines neuen Lebens. Wir haben heute sogar schon miteinander telefoniert.<<

Mein Bauch verkrampft sich. Mich hat eine künstliche Intelligenz angerufen und sich mit mir unterhalten? Und ich habe es nicht bemerkt?

Menger, Ivar Leon: Der Tower, dtv 2025, S.34.

Mengers Protagonistin Nova befindet sich zu Beginn des Romans in einer persönlichen Krise und ist auch deshalb anfällig für das Wohnangebot. Mit dieser Figurengestaltung macht der Autor auch einen ersten gesellschaftskritischen Aspekt bei der mehr Komfort versprechenden Digitalisierung. Menschen in persönlichen Krisen sind für solche Angebote empfänglicher und könnten dabei bestimmte Risiken vernachlässigen. Ivar Leon Menger hat im Gespräch verraten, dass er seine Geschichten immer als eine Art Märchen im Sinne von „Hänsel und Gretel“ sieht. Die Figuren werden in eine Versuchung gebracht und müssen sich dann den drohenden Gefahren stellen.

Nova glaubt in ihrer neuen Wohnsituation Komfort und Sicherheit zu finden, doch gerade letzteres erweist sich schnell als Trugschluss. Nova erkennt dies jedoch und beginnt ihr Leben wieder aktiv in die Hand zu nehmen. Sie beginnt ihr neues Systemumfeld zu hinterfragen und erkennt Gefahrenpotentiale für ihr eigenes Leben. Ihre Neugierde führt sie zu einem mutigeren Auftreten, welches auch nicht durch die Gegenwehr des Systems gestoppt werden kann. Trotzdem wird auch die Verzweiflung in bestimmten Situationen spürbar. Nova ist eine Figur, der man gerne folgt und ihre impulsive Art schätzt, auch wenn sie sich durch diese ab und an übermäßig in Gefahr begibt. Gelungen ist an Mengers Buch die Schilderung der digitalen Möglichkeiten. Das technische System übernimmt im Pramtower die Aufgaben des täglichen Lebens und verbessert diese anhand von Datenanalyse. Zielsetzung ist mit dieser Technik den Bewohner:Innen auch Entscheidungen abzunehmen. Allerdings sorgt diese Technik gleichfalls für Freiheitseinschränkungen und die Künstliche Intelligenz ist kein Dienstleister, sondern wird zum kontrollierenden Machtfaktor. Menger gelingt es diese Gefahren und zugleich die Bewohnerschaft mit blindem Technikvertrauen darzustellen. Damit betont der Roman, wie wichtig das eigene Wissen rund um technische Annehmlichkeiten im Leben ist. Mit der Wahl des Handlungsortes wird der Systemcharakter der Gefahren betont und die stetige Vernetzung und Kontrollmöglichkeit durch die Nachbarschaft verstärkt die beklemmende Atmosphäre. Aus meiner Sicht sind dies alles Zutaten, die einen spannenden Thriller begünstigen. Mir gefällt, dass dieser Roman die technischen Möglichkeiten in allen Facetten zeigt und deutlich macht, dass diese auf unser Bedürfnis nach Komfort und Sicherheit ausgerichtet sind. Zugleich wird deutlich, dass wir diese Wünsche nicht einem Kontrollverlust opfern dürfen. Dieser Thriller betont deshalb eine für mich wichtige Funktion von Spannungsromanen, indem er sich aktuellen gesellschaftlichen Themen widmet und diese spannend verarbeitet.

Fazit:

Ivar Leon Mengers Roman „Der Tower“ ist ein spannendes und aktuelles Buch. Fundiert recherchiert wirken die dargestellten technischen Möglichkeiten in einem luxuriösen Wolkenkratzer. Der Handlungsort passt zu einer Story, in der es um Kontrollverlust geht und auch die örtliche Einschränkung und dadurch entstehende Isolation spannungsfördernd ist. Der Roman verliert sich nicht in übertriebenen Gefahren, sondern lässt den Druck auf seine Hauptfigur kontinuierlich ansteigen. Nova ist nicht bereit sich dem Kontrollsystem unterzuordnen und wagt den rebellischen Ausbruch. Als Leserschaft folgt man der mutigen weiblichen Protagonistin gerne durch dieses Buch. Für mich zeigt der Autor auch in seinem neuesten Roman sein schriftstellerisches Können und ich freue mich auf das nächste Buch.

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Wertung: 🐧🐧🐧🐧🐧

Titel: Der Tower

ISBN: 978-3-423-22134-4

https://www.dtv.de/buch/der-tower-22134

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