Messner, Ricarda: Wo der Name wohnt

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Ich beende meinen ersten Büchertisch mit dem letzten Debüt,  welches am Abend „Beste erste Bücher“ während der Leipziger Buchmesse 2025 vorgestellt wurde. Ich kann für diesen Abend und die vorgestellten Bücher nur festhalten, dass wir bestens unterhalten wurden. Die Moderation  von Josef Braun und Linn Penelope Micklitz war mehr als gelungen und die ausgewählten Bücher haben allesamt etwas für sich gehabt, sodass ich auch alle lesen wollte. Ein solcher Debütabend gibt einen guten Überblick über die deutsche Gegenwartsliteratur und zeigt vor allem, wie intensiv sich diese mit verschiedenen Themen beschäftigt. Allen Büchern gleich war aus meiner Sicht, dass sie sich mit der Identitätssuche ihrer Figuren beschäftigten, und deshalb ist das heutige Buch ein passender Abschluss. Ricarda Messners schmaler Roman „Wo der Name wohnt“ ist im Frühjahr 2025 bei Suhrkamp erschienen und bietet uns den Versuch der Protagonistin, ihre eigene Familiengeschichte zu erforschen. Messner ist Mitbegründerin und Herausgeberin des Flaneur Magazins, das sich pro Ausgabe einer Straße in einer anderen Stadt widmet und mehrfach ausgezeichnet wurde. Die von ihr verarbeitete Geschichte hat durchaus autofiktionale Züge und widmet sich intensiven Familienbanden.

„Vielleicht wäre es doch besser, wenn die erste Wohnung mit der Familie bricht, und ob ich denn keine eigene Zukunft wolle, kein eigenes Leben. Bis heute nehme ich es ihnen nicht übel, verstehe allerdings immer noch nicht, wie das gehen soll und was das sein soll, ein eigenes Leben.“

Messner, Ricarda: Wo der Name wohnt, Suhrkamp Verlag 2025, S.17.

Das zentrale Motiv des Buches ist in diesem Zitat pointiert dargestellt. Die Ich-Erzählerin lebt in Berlin-Charlottenburg und hat dort jahrelang in der Nachbarschaft ihrer Großmutter gelebt. Nach deren Tod beginnt sie, sich intensiv mit ihrer Herkunft auseinanderzusetzen, zieht sogar in das Haus der Großeltern und erkennt, wie stark die eigene Identität durch  die Familie geprägt ist. Dieses Nachspüren der familiären Herkunft geschieht über die Schilderung von Erinnerungen, beleuchtet die Großmutter mit ihren Alltagsritualen und wie nah und doch so fern das Wohnen nebeneinander gewesen ist. Die Familiengeschichte wird über vier Generationen hinweg rekonstruiert. Ausgangspunkt dieser Erforschung ist der ursprüngliche Familienname Levitanus. Der Name ist Teil der mütterlichen Linie. Dieser Familienzweig stammt aus Lettland und sie kamen als jüdische Exilanten kurz vor Beginn der 70er Jahre nach Deutschland. Dabei geht allerdings der Name verloren, zudem wird über diese Herkunft nicht viel gesprochen. Es scheint fast so, als sei dieser Teil der Familienidentität verschwunden. Für die Ich-Erzählerin ist dies nicht hinzunehmen, sie möchte diesen Namen wieder zu einem Teil von sich machen. Es ist eine intensive Auseinandersetzung, die in den Erinnerungen auch von Momenten der Ausgrenzung, des Verlustes von Herkunftssprache und dem Finden von Sprache erzählt. Der gewählte Sprachstil findet feine Bilder und arbeitet konzentriert mit Wiederholungen, was die Intensität des Textes erhöht. Einer Collage gleich werden Versatzstücke wie Briefe oder weitere Dokumente eingearbeitet. Die Schilderungen zeugen von einer feinen Beobachtungsgabe. Sprachlich kann mich dieser Text an vielen Stellen beeindrucken, es gibt aber auch Stellen, deren Intensität mir zu stark erscheint.

„Er wollte weg, jetzt, da er wusste, dass es ein Haus gab, eine mögliche bessere Zukunft.“

Messner, Ricarda: Wo der Name wohnt, Suhrkamp Verlag 2025, S.89.0.

Die Erzählsituation gibt einen persönlichen Blick auf die Familie frei und wählt als zentrales Motiv neben dem Namen die räumliche Situation. Heimat zu finden bedeutet auch immer, einen Raum zum Leben zu finden. Durch den Umzug in das Haus der Großeltern tritt die Erzählerin bewusst in deren Schutzraum hinein. Sie übernimmt bei ihrer Herkunftssuche damit auch die Rolle der Großmutter. Da es um die Namen des weiblichen Teils der Familie geht, stehen die Frauen im Fokus. Im Haus der Großeltern hat die Erzählerin Zeit verbracht und nutzt den Raum auch als Absprungbrett für ihre Erinnerungen. Die Erzählerin löst den Haushalt der Großeltern auf und übernimmt persönliche Gegenstände, überführt sozusagen Teile der großelterlichen Heimat. Im Haus überlagerten sich die Geschichten von Generationen, hier wurden  diese zusammengeführt. Ich finde die Metapher des Hauses als Knotenpunkt und Speicher von Geschichten und Familienleben gelungen inszeniert. Für die Erzählerin ist der Umzug ein Eintreten in die Spuren ihrer Vorfahren.

„Heute, am 17. Juli, schaue ich mir das Foto wieder an.  Es ist zu einem Ritual geworden, ich tue es seit Jahren, schaue mir den Namen an wie ein Gesicht und versuche, erneut zu sehen, ihn gleich zu entdecken, dabei weiß  ich, dass diese Nachstellung der Vergangenheit hoffnungslos ist. Denn jetzt sehe ich den Namen sofort, in Großbuchstaben schreit er mich an.“

Messner, Ricarda: Wo der Name wohnt, Suhrkamp Verlag 2025, S.54.

Die Ich-Erzählerin ist vom Wunsch geprägt, den fast verborgenen Familiennamen wieder anzunehmen. Dies bedeutet aber auch, dass man all die Vergangenheit, die dieser Name hat, wiedertragen muss. Schlussendlich führt sie ihre Suche bis nach Riga, wo sie ein Fenster des ehemaligen Gettos erblickt und auch ein Gefühl für die Schrecken ihrer Vorfahren erhält. Der emotionale Prozess geht über die Nachforschungen hinaus, denn sie möchte diesen Namen auch wieder offiziell tragen und hat deshalb einen Antrag bei  den Behörden gestellt. Es ist ein sprachlicher Kniff des Romans, der intensiven persönlichen Sprache, die bürokratische Sprache der Ablehnung der Namensänderung entgegenzustellen und damit aufzuzeigen, wie eine Behörde Einfluss auf die persönliche Identität nimmt.

Fazit:

Ricarda Messners Roman ist klug komponiert.  Mich hat das Buch allerdings zu wenig bewogen, da es aus der Familiengeschichte etwas mehr hätte herausholen können. Die Autorin beweist in diesem Buch ein sensibles Gefühl für Sprache und stellt die Emotionalität des Nachspürens der eigenen Familiengeschichte dar. Gekonnt wird diese über Erinnerungen rekonstruiert, lässt faktenbasierte Versatzstücke einfließen. Die Wut der Erzählerin über das Vergangene transportiert sich hin zu einer Wut über die Verweigerung ihrer Namensänderung. Das Haus als symbolischer Ort der Heimat ist aus meiner Sicht der stärkste Aspekt dieses klugen Buches. Im Vergleich zu den anderen Romanen meines Büchertischs, ist dieser Text leicht abgefallen, was aber einem Jammern auf hohem Niveau entspricht. Mein erster Büchertisch hat mir grundsätzlich sechs wunderbare Bücher beschert und mir verdeutlicht, dass Themen der Identität im literarischen Fokus stehen. Für mich eine spannende Erkenntnis, da dies in Bezug zu meiner Magisterarbeit während des Studiums steht, aber hierzu vielleicht irgendwann mehr.

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Wertung: 🐧🐧🐧🐧

Titel: Wo der Name wohnt

ISBN: 978-3-518-43232-7

https://www.suhrkamp.de/buch/ricarda-messner-wo-der-name-wohnt-t-9783518432327

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