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Mein Büchertisch zum Debütabend der Leipziger Buchmesse beginnt mit einem Roman, dessen Leichtigkeit mich schon am Abend mitnehmen konnte.
Christian Mitzenmacher ist Jahrgang 1986 und promovierter Mathematiker. Im Jahr 2016 war er Finalist des OpenMike und veröffentlichte mit „Knallkrebse“ in der Frankfurter Verlagsanstalt im Frühjahr 2025 seinen ersten Roman. Der Titel des Buches und das bunte Cover sorgen bei mir sofort für Sommer-Assoziationen. Diese löst der Roman mit seiner Handlung durchaus ein, verhandelt aber außerdem ein ernstes Thema. Mitzenmacher gelingt dieser Spagat durch eine gelungene Balance zwischen leichtem Humor, der Schilderung inniger Freundschaftsmomente und feinfühlig dramatischen Zwischensequenzen einer Fluchtgeschichte.
„Die Gäste waren bereits in jener Hochstimmung, in der jeder Song eine Hymne war. Das echte Leben lag noch einige Stunden in der Zukunft.“
Mitzenmacher, Christian: Knallkrebse, Frankfurter Verlagsanstalt 2025, S.105.
In dieser Textstelle ist die Leichtigkeit spürbar, mit welcher die Figuren des Romans ihre Freundschaft in einem schönen Sommer erleben. Zugleich bricht mit dem „echten Leben“ eine andere Ebene hinein, welche die Erfahrungen der Leichtigkeit als Schein entlarven will. Es ist genau jene sprachliche Ausgestaltung, mit der eine vielschichtige Erzählung entsteht, die mich schnell in ihren Bann gezogen hat.
2025, zehn Jahre nach Angela Merkels Satz „Wir schaffen das“, erzählt dieser Roman eine Flüchtlingsgeschichte, die fokussiert auf die erzählende Hauptfigur Tom und Farid, einen Flüchtling aus Syrien, blickt. Der Roman gliedert sich in drei Teile. Im ersten Teil erzählt Tom wie er zu Farids Paten wurde und ihn seinem persönlichen Umfeld vorstellt. Parallel dazu lernen wir Toms Freundin Laura kennen. In einer pointierten Sprache, der es dabei gelingt Emotionen zu transportieren, werden wir in einen Münchner Sommer versetzt. Farid und Tom nähern sich in ihrem Patenverhältnis an und werden Freunde, wir erleben sie bei Tischtennismatches, beim Baden in der Isar, gemeinsamen Aktionen mit Freunden. Farids Vergangenheit bleibt jedoch eine Leerstelle, was für Tom zunächst kein Problem ist. Im weiteren Verlauf merken wir jedoch, dass er bestimmte Verhaltensmuster seines Paten auch deshalb nie gänzlich verstehen kann. Toms Freundin Laura nähert sich Farid ebenfalls an, beim Lesen entsteht sogar der Verdacht einer kleinen Romanze. Die Beziehung von Tom und Laura ist grundsätzlich von Leichtigkeit geprägt, da sie keine intensiven Gespräche über das gemeinsame Wir führen. Intensiver wird es vor allem durch Gespräche über Handlungen von Farid, die immer wieder kleine Konflikte herbeiführen. Dies behandelt der zweite Teil des Romans und die immer wieder auftretenden kleinen Ausbrüche von Farid betonen die Leerstellen. Gekonnt läuft der Roman im Weiteren auf einen Vertrauensverlust im dritten Teil des Buches zu. Mich hat diese Spannung zwischen den Figuren fast durch den gesamten Text getragen. Allerdings ist der zentrale Höhepunkt in den Vertrauensverhältnissen der Figuren aus meiner Perspektive als schwach einzustufen und löst deshalb meine Faszination nicht in der erwarteten Qualität ein.
Gelungen am Roman ist, dass die Fluchterfahrungen von Farid, nicht direkt von ihm vermittelt werden, sondern wir alles durch Tom erfahren. Mitzenmacher verweigert sich dadurch eines Voyeurismus von außen, sondern wir nähern uns Farid gemeinsam mit Tom an. Farid schweigt zu seinen Erfahrungen und wird deshalb nicht in klischeebeladene Fluchtmuster gepresst. Auf diese Weise bleibt Tom in manchen Situationen nur der Weg der Interpretation. Dies geht so weit, dass er mitteilt, dass Farid eine zutiefst schwierige Person ist und zugleich offenbart, dass er sich für die Flüchtlingshilfe auch wegen des positiven Effekts für den Lebenslauf entschieden hat. Folglich ist Hilfsbereitschaft in diesem Buch nüchtern mit einem Eigeninteresse verbunden und umgeht damit die oftmals in den Medien vorherrschenden Narrative, der selbstlosen Hilfsbereitschaft. Für den Roman und seine gesellschaftliche Relevanz bedeutet dies vor allem, dass er Migration und Flucht fernab der dominierenden Projektionen und politischen Dimensionen verhandelt. Mitzenmacher stellt die Figuren in den Mittelpunkt und lässt uns nah an sie heranrücken. Die gewählte Stilistik mit ihrer pointierten Sprache schafft es inmitten einer undramatischen Erzählsequenz durch wenige Worte Wendungen und Cliffhanger zu schaffen. Beispielhaft zeigt dies das folgende Zitat:
„Aber was ist eine Lüge schon anders als die Fortsetzung einer Ausrede.“
Mitzenmacher, Christian: Knallkrebse, Frankfurter Verlagsanstalt 2025, S.35
Tom ist kein Erzähler dem man misstrauen möchte. Vielmehr reflektiert er das eigene Verhalten in der angemessenen Transparenz. Seine Identität als Physiker spielt mit popkulturellen Klischees, wie man sie aus Serien wie „The Big Bang Theory“ kennt. Mitzenmacher nutzt somit verschiedene Humorebenen, mit denen der Roman seine Leichtigkeit in einen narrativen Schwung ummünzt. Ebenso sind die Freundschafts- und Liebesbeziehungen nicht durch Kitsch geprägt, sondern werden in ihrem innigen Verhältnis durch die fein gearbeitete Sprache spürbar oder bleiben bewusst an der Oberfläche. Das zu lesende Zitat zeigt zudem, dass sich Tom kritisch dem eigenen Verhalten widmet. Der Roman ist eine Helfergeschichte, jedoch ebenfalls eine der Selbstfindung. Tom sucht seine Identität, möchte seine Rolle finden. Seine Beziehung zu Laura scheint ein Anker zu sein, doch auch hier braucht es nochmals eine Belastungsprobe. Die titelgebenden Tiere des Romans sind für mich ein Verweis auf die unscheinbaren Verhaltensweisen der Figuren, in welchen immer wieder mit einem Knall der Roman durchbrochen wird.
„Plötzlich war alles hohl, ich war nur noch eine leere Hülle. Eine Plastiktüte, die vom Wind aufs Meer hinausgetragen wird.“
Mitzenmacher, Christian: Knallkrebse, Frankfurter Verlagsanstalt 2025, S.195
Dieses letzte Zitat verweist auf den erlebten Vertrauensverlust von Tom und führt uns in den finalen Teil des Romans. Zugleich zeigt die Stelle, welche Sprachbilder der Roman für Emotionen findet, innovativ dabei aber nie überbordend in ihrer Metaphorik.
Fazit:
Christian Mitzenmacher hat einen Roman geschrieben, der durch feine Figurenbeobachtung besticht. Die erzählte Fluchtgeschichte überzeugt dadurch, dass sie keine Traumaverhandlung ist, sondern sich mit der Situation nach der Flucht und den Herausforderungen beschäftigt. Fokussiert wird jedoch Tom als Integrationshelfer und wie diese Aufgabe Teil der eigenen Selbstfindung ist. Mit einer pointierten und fein humorvollen Sprache lässt uns der Roman leicht einer Handlung über die Herausforderungen von Vertrauensverhältnissen folgen. Für mich ein wunderbares Buch mit Sommerfeeling und ernster Thematik.
Werbung aus Liebe zum Buch
Wertung: 🐧🐧🐧🐧🐧
Titel: Knallkrebse
ISBN: 978-3-627-00328-9
