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Mit der Ausstellung „Monets Küste – Die Entdeckung von Étretat“ widmet sich das Städel Museum einem Ort, der in der Kunstgeschichte eine außergewöhnliche Stellung einnimmt: dem normannischen Küstenstädtchen Étretat. Die normannische Küste mit ihren weißen Kreidefelsen, den markanten Felsentoren und der berühmten Felsnadel bot vielen Künstlern Inspiration. Etwa dreißig Kilometer von Le Havre zieht das Städtchen bis heute Touristenströme an, woran die Kunst einen großen Anteil hat. Bereits 100 Jahre vor Claude Monet finden erste Künstler ihren Weg. Deshalb steht in der Ausstellung nicht nur Monet im Fokus. Rund 170 Gemälde, Zeichnungen, Fotografien und historische Dokumente zeichnen diese Entwicklung nach; allein 24 Werke stammen von Claude Monet.
Was die Ausstellung überzeugend herausarbeitet, ist die Tatsache, dass Étretat zunächst keineswegs ein touristisches Zentrum war. Das ehemalige Fischerdorf entwickelte seine kulturelle Bedeutung erst durch die künstlerische Aneignung seiner Landschaft.
Die Ausstellung beginnt mit Werken von Eugène Isabey, Eugène Delacroix und Gustave Courbet. Dabei stehen nicht nur die Kreidefelsen im Fokus, sondern allgemein dienten die See und der Alltag im Fischerdorf als Inspiration, wie auch an Courbets Bild „Die ruhige See“ von 1869 oder „Die Welle“ aus dem gleichen Jahr zu sehen ist. Courbet malte aber natürlich auch die „Felsen von Étretat“. Die Brandung, die steilen Klippen und die ständige Veränderung durch Wetter und Licht machten den Ort zu einem idealen Experimentierfeld für die moderne Malerei. Auch Johann Wilhelm Schirmer widmete sich der Felsenküste der Normandie.
Monet setzt sich zunächst mit den Landschaftsauffassungen der Romantik auseinander. Von Delacroix übernimmt er die Vorstellung, dass Licht und Farbe eigenständige Ausdrucksträger sein können. Gleichzeitig grenzt er sich von dessen dramatischer Inszenierung der Natur ab. Von Courbet übernimmt er den Fokus auf die Wahrnehmung der Küste und das Wetter.
Zwischen 1864 und 1886 kehrte Monet immer wieder nach Étretat zurück und schuf dort zahlreiche Gemälde. Die Region bot ideale Bedingungen für seine künstlerischen Fragestellungen. Nirgendwo sonst konnte er die Wechselwirkungen von Licht, Wetter, Atmosphäre und geologischer Form so intensiv beobachten. Allerdings blickte auch Monet abseits der Felsen auf das Fischerdorf. Dies kann man am Bild „Boote am Strand von Étretat“ von 1883 sehen. Monet zeigt mit den Farbverläufen eine Dynamik und haucht dem Stillleben Lebendigkeit ein. Beeindruckend sind natürlich die Gemälde der Felsen wie „Blick auf das Felsentor La Manneporte“ (1885) oder „Étretat – Die Felsnadel“ und das „Felsentor von Aval“ (auch 1885). Besonders gut gefallen hat mir das Gemälde „Étretat. Die Manneporte, Lichtreflexe auf dem Wasser“ aus 1885. Monet zeigt, wie durch seine impressionistische Technik die Wasserspiegelung auf besondere Art eingefangen werden kann. Auch wunderschön ist das Gemälde „Steilküste von Aval“ (1885). Schon auf zeitgenössische Kollegen wie Jean Francois Auburtin oder Eugène Boudin haben die Arbeiten Monets Auswirkungen, wie die Schau offenbart. Spannend finde ich, dass auch Fotografiearbeiten von Alphonse Davanne gezeigt werden und man durchaus Parallelen im künstlerischen Fokus und der Verarbeitung erkennt.
Ferner zeigt die Schau, wie spätere Künstler wiederum auf Monet reagierten. Werke von Henri Matisse verdeutlichen, wie die impressionistische Befreiung von Farbe und Form in die Kunst des 20. Jahrhunderts hineinwirkte. Zu sehen am Gemälde „Étretat. Die Wäscherinnen“ von 1920, wo Formen ineinander zu verschwimmen scheinen und gerade deshalb die Materialität betonen. Ein weiteres Beispiel mit Klippenbezug ist „Étretat. Die Porte d’amont“ (1920).
Die Schau zeigt aber auch die kritische Seite der künstlerischen Inspiration. Étretat zählt inzwischen zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten Frankreichs. Millionen Besucher strömen jährlich an die normannische Küste. Die Folgen sind Überfüllung, Verkehrsprobleme, Belastungen für die lokale Infrastruktur und erhebliche Eingriffe in die empfindliche Küstenlandschaft.
Die Ausstellung bietet einen fein kuratierten Blick auf einen Künstler und darauf, warum für diesen ein Küstenort so wichtig ist. Statt Monet isoliert zu feiern, zeigt die Schau die komplexen Beziehungen zwischen Landschaft, Kunst, Wahrnehmung und Tourismus. Es entsteht eine kunsthistorische Auseinandersetzung mit dem gewählten Vorbild. Mir hat diese Schau hervorragend gefallen.
Fazit:
Die Ausstellung „Monets Küste – Die Entdeckung von Étretat“ vermittelt eindrucksvoll, wie ein einst unbedeutendes Fischerdorf durch die Kunst zu einem kulturell bedeutsamen Ort wurde. Besonders überzeugend ist, dass nicht nur Claude Monet, sondern auch seine künstlerischen Vorläufer und Nachfolger in den Blick genommen werden. Die gezeigten Werke verdeutlichen, wie die einzigartige Küstenlandschaft von Étretat Künstler über Generationen hinweg inspirierte. Dabei wird nachvollziehbar, welchen Einfluss Monets Beschäftigung mit Licht, Wetter und Atmosphäre auf die Entwicklung der modernen Malerei hatte. Gleichzeitig thematisiert die Ausstellung kritisch die Folgen des durch die Kunst geförderten Massentourismus für die Region. Insgesamt bietet die Schau eine abwechslungsreiche und kunsthistorisch fundierte Auseinandersetzung mit dem Zusammenspiel von Landschaft, Kunst und Wahrnehmung. Ich kann die Schau nur empfehlen.
Werbung aus Liebe zur Kunst
Wertung: 🐧🐧🐧🐧🐧
Weitere Infos zur Ausstellung unter: https://www.staedelmuseum.de/de/monets-kueste
