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Für meinen Blog bin ich immer auf der Suche nach Westernneuerscheinungen, da dieses Genre hierzulande an Popularität eingebüßt hat. In meinen Fokus ist dabei der Splitter-Verlag geraten, welcher in den vergangenen Jahren begonnen hat, Westernreihen wieder zu veröffentlichen, aber auch neue Geschichten zu verlegen. Auf den Messen ist ein Besuch des Standes für mich deshalb immer ein Muss. Als wir im Frühjahr unseren Urlaub in Franken verbracht haben, waren wir in Bamberg und ich habe den Comicbuchladen in der Innenstadt aufgesucht. Dort gab es dann tatsächlich einen neuen Western-Comic zu einer der berühmtesten Wildwest-Geschichten aller Zeiten, dem Kampf des Earp-Clans gegen die Clantons.
Der Western-Comic „Die wahre Geschichte des Wilden Westens: OK Corral“ aus dem Splitter Verlag reiht sich in eine ambitionierte Comicserie ein, die sich zum Ziel gesetzt hat, berühmte Mythen des amerikanischen Westens historisch neu zu betrachten. Hinter dem Band stehen zwei Kreative, die für eine solche Unternehmung denkbar passend erscheinen: der französische Szenarist Jean-David Morvan und der philippinische Zeichner Rey Macutay. Morvan gehört seit vielen Jahren zu den produktivsten frankobelgischen Autoren. In seinen zahlreichen historischen Comics zeigt Morvan regelmäßig Interesse an Figuren, die zwischen Mythos und Realität stehen. Genau dieses Spannungsfeld macht ihn auch zu einem idealen Autor für die Geschichte rund um Wyatt Earp und den legendären Revolverkampf von Tombstone.
Rey Macutay wiederum kommt ursprünglich aus der Illustration und dem Storyboarding für Animationsstudios. Diese Herkunft merkt man seinem Stil an: Seine Figuren wirken beweglich, die Bildführung ist oft sehr filmisch, und Actionsequenzen besitzen eine ausgeprägte Dynamik. Der Comic behandelt den wohl berühmtesten Schusswechsel der Western-Geschichte: die Auseinandersetzung zwischen den Brüdern Earp und der Clanton-McLaury-Gang am 26. Oktober 1881 in Tombstone, Arizona. In zahlreichen Romanen und Filmen wurde sich bisher mit diesem Mythos auseinandergesetzt. Ich habe auf meinem Blog ebenfalls schon Filme und Bücher besprochen und immer wieder geht es um die Frage, ob die Earps wirklich die „sauberen Gesetzeshüter“ waren. Es wird mit dem Protagonisten Wyatt Earp der Blick zurück geworfen und sich intensiv mit dem Mythos um seine Person auseinandergesetzt. Dafür setzt der Comic weniger auf eine Handlung mit Figurentiefe, sondern begreift sich mehr als Doku-Fiktion.
Die Handlung führt nach Tombstone im Jahr 1881, wo sich die Spannungen zwischen den Brüdern Earp und der Clanton‑/McLaury-Gang immer weiter zuspitzen. Die berühmte Schießerei bildet zwar den Höhepunkt der Handlung, doch der eigentliche Fokus liegt auf den Entwicklungen, die überhaupt erst zu diesem historischen Ereignis geführt haben. Die Earps werden bei dieser Entwicklung nicht nur als die Männer von Recht und Gesetz dargestellt. Tatsächlich war Wyatt Earp historisch eine ambivalente Figur. Er arbeitete zeitweise als Marshal, bewegte sich aber gleichzeitig in Glücksspielmilieus und profitierte wirtschaftlich vom boomenden Tombstone. Die Konflikte mit den Clantons hatten deshalb nicht nur moralische Ursachen, sondern auch ökonomische und politische Hintergründe. Es ging um Kontrolle, Einfluss und Loyalitäten in einer schnell wachsenden Grenzstadt. Der Comic lässt Platz für die Darstellung dieser Fakten, zeigt auch auf, dass der Kontrahentenclan keinesfalls besser war und durchsetzt mit zwielichtigen Typen vor allem an die Kraft des schnelleren Colts glaubte. Die Clantons waren nicht bloß wahllose Mörder, sondern Teil eines komplexen Netzwerks aus Viehdiebstahl, Schmuggel und Grenzkriminalität. Besonders spannend ist die Annäherung an den eigentlichen Revolverkampf. Viele populäre Darstellungen suggerieren ein klassisches Duell mitten auf der Straße. Historisch war die Situation jedoch wesentlich chaotischer. Die Schießerei fand nicht direkt im O.K.‑Corral statt, sondern auf einem nahegelegenen freien Grundstück. Sie dauerte weniger als eine Minute und entsprach keiner großen taktischen Leistung, sondern war gnadenlos brutal. Da ich mich mit dem Ausgangsstoff schon vielfältig beschäftigt habe, lieferte mir der Comic keine neuen Aspekte. Zudem vermisse ich eine handlungsgetriebene Darstellung, denn keine der Figuren wird für mich richtig greifbar. Dies liegt aber wahrscheinlich an der grundsätzlichen Ausrichtung der Reihe mit einem Fokus auf Geschichtsdarstellung. Die Zeichnungen sind gut gewählt, der raue Westen ist in den Gesichtern ablesbar, aber trotzdem vermisse ich auch hier die Dynamik. Stärke des Comics ist definitiv die Darstellung aller Ambivalenzen rund um den Mythos Wyatt Earp. Dem Duo gelingt es, den Mythos zu ergründen, und Zweifel zu säen, ohne ihn zu zerstören, und dies ist wirklich Qualität.
Fazit:
Mit diesem Comic wird einem wichtigen Mythos der Geschichte von der Besiedlung des Westens gehuldigt. Noch heute ist der rechtschaffene Gesetzeshüter Wyatt Earp eine gern ideologisch missbrauchte Figur der Geschichte. In diesem Comic wird deutlich, dass nicht die Frage nach Recht und Ordnung die entscheidende Motivation hinter diesem Konflikt war. Vielmehr wollten die Earps ihre errungene Stellung verteidigen und ausbauen. Die Gegnerschaft war hierfür dankbar und half, den Mythos aufzubauen. Gerade im Nachgang ist hier Wyatt Earp auch selbst beteiligt, was der Comic gekonnt andeutet. Mit diesem Werk hat der Splitter Verlag einen interessanten und für Einsteiger geeigneten Western geschaffen, welcher jedoch Kenner des Mythos weniger begeistern wird. Mir hat die Idee gefallen, doch in der Umsetzung hat mir doch etwas gefehlt. Stark ist die Darstellung der Ambivalenz der Geschichte, was den Comic von vielen reinen Legendenbildungen unterscheidet.
Werbung aus Liebe zum Buch
Wertung: 🐧🐧🐧🐧
Titel: Die wahre Geschichte des Wilden Westens: OK Corral
ISBN: 978-3-68950-034-4
https://www.splitter-verlag.de/wahre-geschichte-ok-corral.html
