Müllensiefen, Domenico: Manchmal muss man sich entscheiden

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Vor wenigen Tagen habe ich euch das Buch „Schnall dich an, es geht los“ von Domenico Müllensiefen vorgestellt und meine Begeisterung für dieses Buch geteilt. Müllensiefen ist für mich ein besonderer Schriftsteller, da er sich mit seinen Büchern Milieus zuwendet, die meist in der Literatur unterrepräsentiert sind. In seinem nun gerade erst erschienenen Buch „Manchmal muss man sich entscheiden“ wendet er sich einer Lkw-Fahrerin als Hauptfigur zu. Das Buch ist erneut im Kanon Verlag erschienen und Müllensiefen lässt mit Dirk eine Figur des Vorgängerromans auch in diesem Buch auftreten. Das Buch schließt an den vorherigen Roman zeitlich an. In diesem war Dirk verhaftet worden. Inzwischen ist er zurück aus dem Gefängnis und wieder im Speditionsgewerbe tätig. Doch im Fokus steht eine Protagonistin, denn erzählt wird die Geschichte der Fahrerin Sandra.

„Kleine. Du hast eines nie verstanden: Du musst die Straße lesen. Du musst ihr zuhören.“

Müllensiefen, Domenico: Manchmal muss man sich entscheiden, Kanon Verlag 2026, S.73.

Sandra ist Lkw-Fahrerin und muss dabei als Frau nicht nur um ihre Fracht, sondern auch um ihr Existenzrecht kämpfen. Sie muss sich Ratschläge wie im obigen Zitat geben lassen und dabei Verachtung durch die männlichen Berufskollegen ertragen. Sandra hat in ihrem Leben schon viel verloren. Ihr Mann ist bei einem Auslandseinsatz der Bundeswehr in Afghanistan ums Leben gekommen, sie hat anschließend auch einer Spielsucht geschuldet ihr Geld verloren. Außerdem hat man ihr das Sorgerecht für ihre Tochter Mia entzogen. Ihre Aufträge umfassen unter anderem Tiertransporte, mit denen jedoch nur wenig Geld zu verdienen ist. Sie kommt nur schwer über die Runden. Der Roman berichtet von einer Tour, bei der sie von ihrer Tochter Mia begleitet wird. Sandra ist bemüht, das Verhältnis zu ihrer Tochter zu verbessern, doch diese sieht nur, wie ihre Mutter daran scheitern muss, ihr ein besseres Leben zu bieten. Im direkten Dialog spürt man immer wieder die Enttäuschung der Tochter, und doch ist auf dieser gemeinsamen Reise auch Liebe zu spüren. Auf einem Rastplatz treffen die beiden auf Dirk. Als  ihr eigener Lkw nicht anspringt, bietet dieser ihr an, dass sie zunächst mit seinem weiterfährt und er sich um die Reparatur kümmert. Da Sandra Mia rechtzeitig bei ihrer Oma abgeben muss, nimmt sie an und verspricht auch, Dirks Auftrag zu übernehmen.

„Was auch immer dir über Deutschland erzählt wurde, es ist nicht wahr. Das hier ist nicht das Schlaraffenland. Dieses Land ist am Boden, und Leute wie ich bauen es trotzdem jeden Tag wieder auf. Wir haben es schon oft aufgebaut. Nach dem Krieg haben wir es aufgebaut, nach der Wiedervereinigung. Wir bauen es  immer noch auf. Und dafür brauchen wir euch nicht.“

Müllensiefen, Domenico: Manchmal muss man sich entscheiden, Kanon Verlag 2026, S.141.

In diesem Zitat zeigt sich die Wut, die in Sandra steckt. Sie widmet diese Worte einem Flüchtling, der sich in der Lieferung von Dirk mit seinem Sohn versteckt hat. Es handelt sich um Flüchtlinge aus Afghanistan und Sandra möchte die beiden nur schnellstmöglich loswerden. Ihre Tochter Mia möchte den beiden allerdings helfen. Domencio Müllensiefen präsentiert uns eine Figur, die vom Leben enttäuscht ist, die trotz harter Arbeit immer zurückstecken muss. Für sie sind die Neuankömmlinge in unserem Land Konkurrenten, Menschen, denen hierzulande geholfen wird, wobei ihr niemand hilft. In diesem direkten Gegensatz reißt der Roman die immer wieder aufbrechende gesellschaftliche Spaltung in seine Narration. Sandra ist empfänglich für den Populismus und ist damit eine symbolische Figur für die politische Situation in Deutschland. Ich finde es spannend, dass der Roman aus Dirk nun einen Schlepper macht. Im vorherigen Buch hat dieser noch Nazi-Devotionalien verkauft, inzwischen zeigt er sich als Opportunist, indem er zum  Schleuser wird. Allerdings ist mir der schmale Roman in seiner Ausgestaltung zu plakativ. All die Milieudetails, welche Müllensiefens vorherige Bücher ausgemacht haben, kommen aus meiner Sicht hier etwas zu kurz. Natürlich gibt auch dieser Roman Einblick in ein mir unbekanntes Milieu, entführt mich in ein Lkw-Leben, ich hätte mir aber hier eine dichtere Atmosphäre gewünscht. Die Flüchtlingsgeschichte ist ein Wendepunkt im Buch, erhält aber nicht ausreichend Raum, sich zu entfalten.

„Das Geld, das man ihr für Svens Tod gegeben hatte, war restlos aufgebraucht. Aber das war nicht nur ihr Fehler. Es war doch nicht ihre Schuld, dass Sven bei den Moslems ermordet worden war. Dafür konnte sie nichts. Und sie hatte auch nicht gewollt, dass Sven auf Auslandseinsatz ging. Sie hatte das alles nicht gewollt, aber niemanden hatte es interessiert. Warum sollte sie es jetzt noch interessieren, was andere von ihr wollten?.“

Müllensiefen, Domenico: Manchmal muss man sich entscheiden, Kanon Verlag 2026, S.75.

Sandra und ihre Tochter Mia sind die zentralen Figuren dieser Geschichte. Der Tod von Mann und Vater hat beiden weiblichen Figuren eine andere Lebensentwicklung gegeben. Mia hat von ihrem Vater von dessen Auslandseinsatz Postkarten erhalten, Sandra hingegen nicht. Sie ist somit die verlassenerere Figur von beiden. Die gemeinsame Fahrt ist dann ein Hoffnungsschimmer. Man spürt, wie sich Mia ihrer Mutter wieder annähert und beginnt, ihr emotional entgegenzukommen. Dies ist die Stärke des Buches, denn die Mutter-Tochter-Beziehung berührt beim Lesen und lässt die Liebe in der Figurenzeichnung erkennen. Der schmale Roman ist insgesamt eine interessante Beziehungsgeschichte.

Fazit:

Domenico  Müllensiefen bleibt sich treu, da er mit viel Liebe Figuren in den Fokus rückt, deren Milieu selten in der Literatur vertreten ist. In diesem Buch sind wir viel in einem Lkw und auf Rastplätzen unterwegs und bekommen eine Figur präsentiert, deren Wut über ihr Leben und die damit verbundenen Enttäuschungen in politische Wut umschlägt. Man kennt diese Reaktionsmuster, und doch werden sie in diesem Roman plakativ ausgearbeitet. Mir ist es persönlich zu plakativ, weshalb ich den Roman schwächer als die ersten beiden Romane des Autors einstufe. Trotzdem habe ich diese Milieustudie gerne gelesen und hoffe, dass dieser Autor uns auch in Zukunft wieder mit einer Literatur beglückt, die viel über Lebenswirklichkeiten in unserem Land verrät.

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Wertung: 🐧🐧🐧🐧

Titel: Manchmal muss man sich entscheiden

ISBN: 978-3-98568-204-1

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