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Heute stelle ich Euch den Roman eines Autors vor, dessen erstes Buch „Aus unseren Feuern“ mich begeistert hat. Domenico Müllensiefen, 1987 in Magdeburg geboren, hat diesen Roman im Jahr 2022 im Kanon Verlag veröffentlicht. Ich konnte ihn dann live bei einer Lesung in Frankfurt erleben, und mich haben neben dem Buch auch der Autor mit seiner Art für sich einnehmen können. Aus meiner Sicht handelt es sich bei Müllensiefen aktuell um den Autor, den es zu lesen gilt, wenn man versuchen möchte, Entwicklungen im Osten unseres Landes zu verstehen und in Arbeiterwelten eintauchen möchte. Müllensiefen hat selbst einmal als Bauleiter gearbeitet, bevor er sich dem Schreiben widmete, und man merkt seinen Figuren den Erfahrungsschatz des Autors an. Für seinen Debütroman wurde er unter anderem mit dem Uwe-Johnson-Förderpreis ausgezeichnet. Seinen 2024 erschienenen Roman „Schnall dich an, es geht los“ habe ich ebenfalls schon auf einer Lesung erlebt, aber bisher noch nicht auf meinem Blog vorgestellt. Erneut widmet er sich in diesem Buch einer ostdeutschen Perspektive und einer jüngeren Generation und ihrem Umgang mit Heimat.
„Ich dachte daran, dass zu mir tatsächlich niemand kam, um sich meine Probleme anzuhören.“
Müllensiefen, Domenico: Schnall dich an, es geht los; Kanon Verlag 2024, S.14
In diesem Zitat kommentiert die Hauptfigur Marcel eine TV-Sendung, die von einer Familie und den bestehenden Herausforderungen berichtet – Probleme, die ganz andere als seine eigenen sind. Marcel lebt in Jeetzenbeck, einem fiktiven Dorf in der Altmark. Müllensiefen erzählt Marcels Geschichte aus der Ich-Perspektive. Zu Beginn des Romans arbeitet er in einem Imbiss und beginnt dann, seine Lebensgeschichte zu erzählen. In dieser Geschichte geht es um seinen persönlichen Stillstand, während seine große Liebe Steffi die Gegend verlassen hat. Es geht um seinen besten Freund Pascal, der ohne Ausbildung, tagtäglich im Imbiss zum Biertrinken auftaucht. Dabei erzählt Marcel nicht nur die Geschichte seines Heranwachsens, sondern auch die Geschichte seiner mittlerweile verstorbenen Schwester Vanessa. Die Bahnlinie des Ortes steht sinnbildlich für die Entwicklung: Früher war dies die Verbindung in die Welt, bot die Möglichkeit eines Aufbruchs, doch heute verfällt der Bahnhof ebenso wie das weitere Dorf. Marcel träumt von einer intakten Familie und einem Leben mit ordentlichem Beruf, und muss erkennen, wie krass Realität und die persönliche Sehnsucht auseinanderklaffen. Seine Schwester Vanessa ist zwanzig Jahre zuvor bei einem Unfall ums Leben gekommen. Immer wieder durchdringen Erinnerungen an Vanessa seine Erzählung. Neben den jungen Menschen lernen wir auch deren Eltern kennen. Pascals Vater Dirk macht Geschäfte mit Utensilien des Nationalsozialismus, Marcels Vater ist Fernfahrer und lebt mittlerweile getrennt von Marcel und seiner Mutter.
„Und dann, als es so aussah, dass die Karten neu gemischt würden, Fußball mal mehr als Prügeln und Suff werden könnte, als alle, sogar Dirk und mein Vater hofften, dass nun die Jahre kommen würden, in denen es aufwärts ging, passierte genau das Gegenteil. Es ging bergab. Die Mauer fiel, und der Verein versandete, spielte über Jahre in der vierten Liga.“
Müllensiefen, Domenico: Schnall dich an, es geht los; Kanon Verlag 2024, S.78f.
Müllensiefens Roman ist ein schonungsloser Blick in ein abgehängtes Dorf in Ostdeutschland und gibt knallhart die Perspektive der vom Westen vergessenen Menschen preis. Marcel wächst in den Nachwendejahren auf, ohne dabei die versprochene Freiheit über die eigene Zukunft spüren zu können. Seine sozialen Strukturen sind brüchig, der Vater ist nie in der Lage, der Familie ein Leben mit ausreichender Finanzierung und unter anderem Urlaub zu bieten. Marcels Eltern erschaffen Fiktionen als Versprechen, die sie niemals einlösen werden. Mit seiner Arbeit im Imbiss hat er nur einen Fixpunkt in seinem Leben, der aber zugleich Spiegelbild der Stagnation ist. Durch die Ich-Perspektive können wir seinen Gedanken und den Widersprüchen seines Lebens dicht folgen. Wir spüren die Zerrissenheit der Figur, die bei ihren Erinnerungen auch hinterfragt, ob es irgendwo die Möglichkeit gegeben haben könnte, eine andere Abbiegung zu nehmen. In seinen Kinderjahren ist er Zeuge von Konflikten seiner Eltern, fühlt sich in der Schule abgehängt und durch seine Lehrerin auf seine soziale Situation reduziert. Diese Lehrerin ist ausgerechnet die Mutter seiner großen Liebe Steffi und ist damit zugleich die Barriere seiner Sehnsucht nach Steffi. Marcels Schwester hat Steffi ebenfalls immer bewundert. Der Weggang von Steffi ist für alle ein Schock. Der Unfall von Vanessa belastet Marcel schwer, denn er ist mit seinem Auto geschehen und Vanessa war minderjährig, allein mit seinem Auto unterwegs. Somit hat er neben Steffi auch noch den Menschen verloren, für den er als großer Bruder gerne Verantwortung übernommen hat.
„Es geht um das Hierbleiben, um das Wurzelnschlagen, darum, dass wir unsere Heimat als das erkennen, was sie ist: kernig und manchmal auch komisch. Und das wir lernen sollen, damit umzugehen, dass es hier merkwürdige Menschen gibt, wie den Sohn von Herrn Ribbeck. Menschen, die uns nichts gönnen, die nicht wollen, dass wir hier glücklich werden, und dass wir, wenn wir schlau genug sind, die Möglichkeit haben, diesen Menschen zu beweisen, dass es eben doch geht. Dass die Altmark und das Havelland eine Zukunft haben.“
Müllensiefen, Domenico: Schnall dich an, es geht los; Kanon Verlag 2024, S.117.
Steffi kehrt nach Jahren zurück und Marcel weiß nicht, wie es ihr zwischendurch ergangen ist. Dieses Zitat zeigt die Sehnsucht von Marcel, und mit der Rückkehr von Steffi ist auch Hoffnung für ihn verbunden. Müllensiefens Buch liefert ein tiefgründiges Bild von Ostdeutschland, einer Gesellschaft, die immer im Schatten von Westdeutschland steht, einen Hang zum Rassismus hat und vor allem die Ausweglosigkeit als Perspektive der Wut hat. Für Marcel ist Jeetzenbeck trotzdem Heimat und in seiner Erzählung Ort seiner sozialen Verbundenheit. Richtig gut gelungen an diesem Roman ist neben der Perspektive die Sprache, die alle geschilderten Situationen äußerst lebendig werden lässt. Mich haben die geschilderten Figuren in ihren Bann gezogen. Mich beeindruckt, wie in diesem Buch erklärt wird, wie deren rassistische Grundhaltungen begründet werden. Ich bin fassungslos, wie wenig wir über diese Lebenswirklichkeiten wissen und wie hilflos und auch teilnahmslos wir zulassen, dass Menschen abgehängt werden. Diesen Roman zu lesen bedeutet, unserer Gegenwart nachzuspüren, Figuren in sein lesendes Herz zu lassen, denen man gerne helfen würde, auch wenn sie nicht in allen Lebenslagen sympathisch sind.
Fazit:
Mit diesem Roman hat mich Domenico Müllensiefen erneut begeistern können. Ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen, da mich die Figuren und ihre Schicksale zu stark interessierten. Ich habe mit Marcel bei seinen Erinnerungen an die Enttäuschung über die Versprechen seines Vaters gelitten. Zudem wollte ich unbedingt wissen, wie es zum tragischen Unfall von Vanessa gekommen ist und was Steffi nach ihrem Weggang erlebt hat. Müllensiefen zeigt uns die Welt eines jungen Mannes, den all die Traumfiktionen, wie wir sie aus Hollywood kennen, träumen lassen haben, der aber in Stagnation verharrt und dabei zusehen muss, wie er und sein Heimatdorf immer mehr abgehängt werden. Für all dies findet Müllensiefen die passende Sprache, legt seine Figuren mit viel Tiefgang an und lässt sie auf diese Weise mitten in mein Herz spazieren. Ich kann diesen Roman nur empfehlen, denn hier wird der Alltag eines verlassenen Dorfs in Ostdeutschland sichtbar. Dieser Alltag und unsere Beobachterposition verraten dabei zugleich viel über uns selbst, und so ist dieses Buch auch ein Roman der Selbsterkenntnis. Für mich ein richtig starkes Buch!
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Wertung: 🐧🐧🐧🐧🐧🐧
Titel: Schnall dich an, es geht los
ISBN: 978-3-98568-126-6
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