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Als AnnenMayKantereit im Frühjahr 2016 ihr Debütalbum „Alles nix Konkretes“ veröffentlichten, waren sie längst kein Geheimtipp mehr. Die vier Kölner Musiker hatten sich zuvor durch Straßenmusik, kleine Clubkonzerte und virale Videos einen Namen gemacht. Besonders die unverwechselbare Stimme von Sänger Henning May sorgte früh für Aufmerksamkeit. Sein tiefes, raues Timbre ist prägend für den Bandsound und hat auch mich für sich eingenommen. 2022 bin ich extra wegen dieser Band auf das Festival MS Dockville nach Hamburg gefahren und war dieses Jahr in Frankfurt auf einem Konzert. Die Band entwickelte einen eigenen Stil, der auf Singer-Songwriter-Traditionen, Indie-Rock, Folk, Blues und klassischem Deutschrock basiert. Das Debütalbum „Nix Konkretes“ ist 2016 erschienen und beinhaltet die ersten Top-Hits der Band. Akustische Gitarren, Bass und Schlagzeug bilden das Fundament vieler Stücke. Hinzu kommen sparsame Bläser, Klavier oder dezente elektrische Gitarren. Eröffnet wird das Album mit dem bekannten Song „Oft Gefragt“ eröffnet. Inhaltlich kreist der Song um Familie, Herkunft und das Gefühl, trotz aller Veränderungen immer wieder einen Ort zu haben, an den man zurückkehren kann. Der Sound ist reduziert, fast zerbrechlich, und steigert die Intensität. Diese wird auch dadurch unterstützt, dass textlich keine komplexen Bilder, sondern einfache und glaubwürdige Aussagen transportiert werden. Mit „Pocahontas“ folgt einer der größten Hits der Band. Rhythmisch ist das Stück deutlich rockiger, bringt Energie zutage. Der Text erzählt von einer Trennung und der wechselhaften Stimmung zwischen Sehnsucht nach dem Alten und der Freiheit, sich endlich losgesagt zu haben. Nie weiß man, ob alles richtig war, denn die Gefühle sind unterschiedlich. Der Song ist kraftvoll, lädt zum Tanzen ein und May steckt mit der Power seiner Stimme an.
Das Lied „Es geht mir gut“ konzentriert sich auf Rhythmus und Gesang. Textlich ist viel Ironie dabei und dies passt zur fast zur Floskel verkommenen Aussage. Das Lied „3. Stock“ ist reduziert und enthält den Wunsch, mit einer anderen Person zusammenzuleben. Es reicht eine kleine Wohnung mit Balkon, und doch kommt es wohl nie zu dieser Entscheidung. Der Track „Wohin du gehst“ ist eher ruhig und kreist um Nähe und Loyalität. Das Stück „Mir wäre lieber du weinst“ zählt zu den emotionalsten Momenten des Albums. Die zentrale Aussage wirkt zunächst provokant: Ehrliche Trauer erscheint wertvoller als unterdrückte Gefühle. Musikalisch steigert sich der Song langsam und lebt vom Wechsel zwischen leisen Passagen und kraftvollen Refrains.
Mit fast fünf Minuten ist „Bitte bleib“ einer der längsten Titel. Fast flehend geht es um die Angst, einen wichtigen Menschen zu verlieren. Die Stimme Mays schafft es, der Dramatik die rechte Tonlage und Stimmfarbe zu geben. Das Lied „Neues Zimmer“ berichtet von einem Umzug, und transportiert das Gefühl, noch nicht richtig angekommen zu sein. Musikalisch wird ein stetig wiederholender Sound genutzt, was das Lied in meinen Augen zum schwächsten Song macht. Textlich etwas schwächer stufe ich auch den Song „Länger bleiben“ ein, weil dieser mir zu viele simple Textstellen enthält, die sich nicht wie in anderen Tracks verdichten. „21,22,23“ beschreibt das Lebensgefühl einer Generation, die sich zwischen Jugend und Erwachsensein befindet. Zahlen werden zu Markierungen einer Lebensphase, in der vieles offenbleibt und man auch noch nicht wissen kann, wo der Weg schlussendlich hinführt. Dieses Lebensgefühl wird stark repräsentiert auf diesem Album. Absolutes Albumhighlight ist für mich das Lied „Barfuß am Klavier“. Ein einfaches Klaviermotiv trägt den gesamten Song, während Henning May eine zerbrechliche Liebesgeschichte erzählt. Die Sprache bleibt schlicht und erreicht dennoch enorme emotionale Tiefe. Den Abschluss bildet der Track „Das Krokodil“, welchen ich soundtechnisch experimentell finde. Das Krokodil fungiert als symbolische Figur und öffnet Raum für unterschiedliche Interpretationen, denn hier wird assoziativ gearbeitet.
Die Band zeichnet sich durch Einflüsse aus Folk, Blues, Singer-Songwriter, klassischem Rock und deutschem Liedermachertum aus. Henning Mays Stimme verbindet Blues, Soul und Rock mit deutscher Sprache auf ungewöhnliche Weise. Obwohl die Band in ihren Texten auf komplexe Metaphorik verzichtet, haben die Lieder eine hohe Intensität und Poesie. Für mich ist der Bandsound speziell und deshalb eine ganz eigene Duftmarke im deutschen Indiepop.
Fazit:
Mit ihrem ersten Album hat sich die Band „AnnenMayKantereit“ direkt einen festen Platz in meinem Musikregal verschafft. Ich mag den variantenreichen Sound, der trotz seiner Zurückhaltung viel Kraft hat und der damit der markanten Gesangsstimme von Henning May den nötigen Raum lässt. Henning Mays außergewöhnliche Stimme ist zweifellos das prägendste Element der Band, wäre ohne die zurückhaltenden, klug arrangierten Instrumentierungen jedoch nur halb so wirkungsvoll. AnnenMayKantereit gelingt es, bekannte Themen mit erstaunlicher Ehrlichkeit zu präsentieren. Ihre einfach wirkenden Texte sind trotzdem poetisch berührend und intensiv, zugleich kann man gut mitsingen. Das Debütalbum ist auf jeden Fall eines meiner Lieblingsalben und bekommt Höchstwertung.
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Wertung: 🐧🐧🐧🐧🐧🐧
