#kulturblog #musiclove #indiemusik #paulinko #aufdiefressepop #schlossgrabenfest
In diesem Jahr habe ich viele Konzerte besucht und war auch auf zwei Festivals. Für mich ist das Schlossgrabenfest in Darmstadt ein fester Bestandteil meines Musikjahres, denn dort entdecke ich auch abseits der Headliner immer wieder spannende Bands, und genau dies schätze ich an Festivals. In diesem Jahr habe ich beim Schlossgrabenfest am Samstag eine tolle Entdeckung gemacht. An diesem Tag haben sich „Paulinko“ präsentiert.
„Paulinko“ entstand während der Corona-Pandemie zunächst als Soloprojekt der Sängerin Anna Pauline Kohn. Lisa-Marie Bruynen, die Kohn bereits aus einer früheren gemeinsamen Band kannte, kam zunächst für Liveauftritte am Schlagzeug hinzu und wurde anschließend festes Mitglied.
„Paulinko“ verstehen Pop nicht als unpolitische Unterhaltung. Feminismus, Sexismus, Geschlechterrollen und Selbstbestimmung gehören ebenso zum thematischen Kern wie Liebe, Beziehungen, Jugend und persönliche Unsicherheiten. Sie bieten einen Sound zwischen Neuer Deutscher Welle (NDW), Elektro-Pop und Punk und haben damit bei mir für einen Effekt gesorgt, den sie auch in einer Textzeile beschreiben: „Wir gehen in dein Ohr“. Deshalb möchte ich in der heutigen Besprechung das Album „Auf die Fresse Pop, Vol. 1“ der Band aus dem Jahr 2024 vorstellen. „Paulinko“ möchten keine makellose Popoberfläche herstellen. Die Songs sollen nach Bühne, Bewegung, verschwitztem Club und gemeinschaftlichem Herausschreien klingen. Dies ist gepaart mit direkten Texten Bestandteil Ihres „Auf die Fresse“-Popkonzepts.
Der eröffnende Titelsong „Paulinko“ funktioniert beinahe wie eine musikalische Visitenkarte. In zweieinhalb Minuten wird abgesteckt, wofür diese Band stehen möchte: Selbstbestimmung, Lautstärke und die Weigerung, sich den Erwartungen anderer anzupassen. Musikalisch etabliert der Song sofort die Grundelemente des Albums: elektronische Popproduktion, treibender Rhythmus, druckvolles Schlagzeug und eine Gesangsstimme, die weniger auf klassische Schönheit als auf Haltung setzt. Kohn kann melodisch singen, aber sie kann Worte ebenso ausspucken und Refrains fast in Parolen verwandeln. Für mich ist dies ein starker Anstieg. Anschließend wird in „Für ein Mädchen“ eine Sammlung sexistischer Zuschreibungen aus unserem Alltag präsentiert und wegen dieser textlichen Ausgestaltung ein Albumhighlight.
Dass Paulinko mehr können als Kampfansagen, zeigt der Track „2014“. Stausee, Konzerte, Freundschaften, erste Liebe, Busfahrten und Musik werden zu Bestandteilen einer persönlichen Jugendtopografie. Die Gegenwart blickt zurück auf eine Zeit, die im Gedächtnis hell scheint. Mir gefällt diese Varianz.
Mit dem Song „Hässlich“ bewegt sich die CD wieder auf eine persönliche Ebene der Unsicherheit zu. Schönheit ist gerade für Frauen keine neutrale Kategorie, sondern mit Erwartungen, Blicken und Bewertungen verbunden. „Paulinko“ behandeln solche Erfahrungen jedoch nicht als stilles Selbstmitleid, und dies ist eine Stärke, denn hier wird die feministische Stimme aktiv und verweigert sich den Kategorien.
Einer der emotionalsten Momente folgt mit dem Lied „Als sie sie küsst“. Der Song erzählt die persönliche Coming-out-Geschichte von Lisa-Marie Bruynen.
„Skandal im Patriarchat“ ist der programmatische Kern der EP. Der bereits 2023 veröffentlichte Song entstand für eine Kampagne, die auf die mangelnde staatliche Finanzierung von Frauenhäusern aufmerksam machte. Statt Punkattacke steht eine ruhigere NDW-Melodie im Vordergrund. Gerade dadurch bekommt der Text Raum. Sexistische Aussagen, alltägliche Bedrohung und strukturelle Gewalt werden miteinander verbunden. Paulinko zeigen damit, dass Feminismus auf dieser EP nicht bloß popkulturelles Image ist.
Mit „Ausgang“ endet die EP passend: nicht mit einer endgültigen Lösung, sondern mit Bewegung. Musikalisch bündelt der Song viele Elemente des Albums – elektronische Rhythmen, Gitarren, Keyboards, Drum-Programming und Bruynens akustisches Schlagzeug. Soundtechnisch eine gute Zusammenfassung, textlich jedoch der schwächste Part des Albums und deshalb für mich nicht überzeugend. Die größte Stärke des Albums ist seine Geschlossenheit hinsichtlich des Konzepts. Die sieben Songs besitzen eine klar erkennbare Identität. Elektronischer Pop, NDW-Referenzen, Punkenergie, druckvolles Schlagzeug und deutschsprachige Texte ergeben einen Sound, den man nach kurzer Zeit wiedererkennt.
Nach der Veröffentlichung am 22. November 2024 setzte Paulinko die Entwicklung konsequent fort. Zudem veränderte sich die Besetzung. 2025 kam Gitarristin Amy Conley hinzu. Damit wurde aus dem elektronisch geprägten Duo zunehmend eine Band mit stärkerem Gitarrenprofil. Ich freue mich auf jeden Fall auf weitere Veröffentlichungen.
Fazit:
„Auf die Fresse Pop, Vol. 1“ ist weniger ein klassisches Album als ein knappes Manifest. In sieben Songs erklären Paulinko ziemlich unmissverständlich, wer sie sind und wofür sie stehen wollen. Feminismus und Selbstbestimmung werden mit dieser Musik gestärkt. Die besten Momente entstehen dort, wo politische Haltung und persönliche Erfahrung ineinandergreifen. Soundtechnisch hat mich die Band mit ihren NDW-Referenzen schnell überzeugt und damit ein Highlight auf dem Schlossgrabenfest geliefert.
Werbung aus Liebe zur Musik
Wertung: 🐧🐧🐧🐧🐧
