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In diesem Monat blicke ich auf eine Band, die mich musikalisch seit meiner Jugend begeistert. Ich habe jedes Album und war schon mehrfach auf Tour, und es gibt keine Band, die ich so intensiv begleitet habe. „Die Toten Hosen“ haben soeben ihr letztes Studioalbum veröffentlicht und ich freue mich auf die angekündigte Tour, die ich dieses und nächstes Jahr jeweils einmal besuchen werde. Jede Woche im Juni möchte ich ein Album vorstellen, welches ich direkt wahrgenommen und dessen Lieder ich rauf und runter gehört habe. In diesem Monat heißt es deshalb fünf Mal „Alben meines Lebens“, und beginnen möchte ich mit dem Album „Auswärtsspiel“. 2002 erschien das damals elfte Studioalbum der Band und es ist das erste Album, das ich mir bewusst besorgt habe. Ich kannte die Band natürlich schon zuvor, aber mit diesem Album bin ich zum Fan geworden. Das ist sicherlich recht spät, aber damals habe ich auch dank verschiedener Freunde Musik viel bewusster gehört und mir vermehrt Gedanken gemacht, welche Musik mich wirklich mitreißt. Sozialisiert mit Radiomusik, Classic Rock und Punkmusik, wurde mir klar, dass ganz vorne Punk und Rockmusik stehen. „Die Toten Hosen“ waren mit ihrer Mischung aus Punk und Stadionhymnen, ihren teils ironischen, aber auch politischen Texten genau das Richtige für mich. Die Band wurde 1982 rund um Frontmann Campino gegründet und bis auf den Tod von Schlagzeuger „Wölli Rohde“ ist die Band über die vergangenen Jahrzehnte in gleicher Besetzung aktiv.
„Auswärtsspiel“ erschien zum zwanzigjährigen Bestehen der Band und markiert einen entscheidenden Moment ihrer Karriere: Es ist das Album, auf dem sich die Hosen endgültig zwischen klassischem Punkrock und Mainstreamrock positionierten. Zuvor prägte oftmals noch Punk die Alben, nun dominieren dynamische Wechsel, Gitarren und Mitsingrefrains. Sicherlich waren dies Aspekte, welche dafür sorgten, dass das Album eine solche Wirkung auf mich hatte. Rasante Gitarren und ein schnelles Schlagzeug geben schon im Opener „Du lebst nur einmal“ die Richtung vor. Dieses Klangbild trifft auf einen Text über Vergänglichkeit und exzessives Leben. Textlich werden hier Punktraditionen aufgenommen. Der Song „Schlampe“ kommt provokant daher, arbeitet mit Sarkasmus und Überzeichnung, ist für mich jedoch der schwächste Song des Albums. Mit „Was zählt“ folgt ein starker Song der Platte. Das Lied beinhaltet einen hymnischen Refrain. Inhaltlich beschäftigt sich der Text mit Sinnsuche, Selbstzweifeln und der Frage nach echten Werten. Hier zeigt sich eine Bandstärke, denn immer wieder gelingt es, solche Themen emotional und doch in verständlicher Sprache in Text zu verpacken. Der Titelsong „Auswärtsspiel“ ist rauer in seiner Machart und zielt direkt auf Fankultur ab. Es geht um das gemeinsame Anfeuern der Mannschaft, um eine Gruppenidentität, und es ist sicherlich passend für Fußballkultur. Kritisch kann man hier sicherlich einwenden, dass nur die positiven Aspekte abgebildet werden.
„Cokane in My Brain“, ein Cover des Reggae-Künstlers Dillinger, zeigt musikalische Offenheit gegenüber Tönen aus der Karibik, hat ein rasantes Tempo und ist in englischer Sprache. Ich mag dieses Lied gerade wegen seiner Klangwechsel. Ähnlich experimentierfreudig wirkt auch „Daydreaming“, bei dem ich eine Spur Sommer oder Frühling verspüre. „Graue Panther“ beschäftigt sich mit dem Älterwerden und bricht humorvoll mit Jugendidealen. Es ist diese Ironie, die ich an Texten der Band immer wieder schätze und die mich beim Hören schmunzeln lässt. Auch dieser Song zählt bei diesem starken Album zu meinen Lieblingen. „Das Mädchen aus Rottweil“ erzählt von der Sehnsucht nach einer Frau, reiht sich damit in Rocktraditionen ein und offenbart die Vielfalt der Themen dieser Band. Mit „Kanzler sein …“ wird es politisch. Die Band geht auf die politische Rolle dieser Position und all das ein, was mit ihr verbunden ist. Dabei wird der Text nie so ernst, dass man Mitleid mit dem damaligen Kanzler Gerhard Schröder bekommen muss. Nie verliert der Text sein humorvolles Augenzwinkern, und doch hält er uns als Wähler:Innen und Gesellschaft den Spiegel vor. „Dankbar“ gehört zu den emotionalen Kernstücken der Platte. Die Band blickt zurück auf ihre Karriere und ihre Fans. Emotionalster Titel des Albums ist auf jeden Fall „Nur zu Besuch“. In dieser Ballade verarbeitet Campino den Tod seiner Mutter. Ruhige Gitarren, zurückhaltende Instrumentierung und ein zutiefst persönlicher Text schaffen eine intensive Atmosphäre. Der Song geht wirklich zu Herzen. „Steh auf, wenn du am Boden bist“ ist ein Lied zum Mitgrölen und macht zugleich Mut, sich nicht unterkriegen zu lassen. „Kein Alkohol ist auch keine Lösung“ funktioniert ähnlich und ist ein ironischer Partyhit, ohne die Gefahren des Drogenmissbrauchs gänzlich zu verdrängen. Zugleich betont das Lied die gesellschaftliche Bedeutung von Alkohol. Ein weiteres Lieblingslied von mir auf diesem Album ist „Venceremos – Wir werden siegen“, denn hier finden sich romantische Vorstellungen vom Kampf gegen den Kapitalismus.
Fazit:
Dieses Album war für mich der passende Einstieg ins Fandasein der „Toten Hosen“. Das Album bewegt sich zwischen politischer Haltung, Feierkultur, Alltagserfahrungen und Melancholie. Textlich verliert sich die Band nicht in Metaphorik, ist prägnant und transportiert gerade deshalb auch emotionale Intensität. Ich mag es, dass die Texte schnell im Ohr bleiben und diese Band sich gekonnt zwischen Punk und Rock bewegt. Bei diesem Album kann ich die Gefühlswelten nachvollziehen, vom Fußballfan bis hin zum Verlust eines geliebten Menschen. Mainstreamzuschreibungen sind für mich keine Kritik, denn Musik muss mir gefallen, und es stört mich dabei nicht, wem diese auch noch gefällt. „Auswärtsspiel“ gilt als jenes Album, mit dem „Die Toten Hosen“ sich vom klassischen Punk verabschieden und vielschichtiger werden. Ich kann auf jeden Fall nicht mehr sagen, wie oft ich dieses Album bereits gehört habe, jedoch festhalten, dass ich auch nach langer Hörpause jederzeit mitsingen kann.
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Wertung: 🐧🐧🐧🐧🐧🐧
