Musikkritik: Album „Es ist Abend und wir sitzen bei mir“ von AnnenMayKantereit

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AnnenMayKantereit haben mich seit ihrem Debütalbum begeistert und ich war froh, in diesem Jahr Tickets für ihre Tour bekommen zu haben. Ihr zuletzt erschienenes Album „Es ist Abend und wir sitzen bei mir“ hat noch einmal deutlich gemacht, was diese Band besonders für mich macht. Es gibt Alben, die wollen die Welt erklären. Andere wollen vor allem erzählen, wie es sich anfühlt, in dieser Welt zu leben. Letzteres trifft auf das Werk von Annenmaykantereit zu und folglich sind sie eine passende Band für einen Blog, der sich „erzaehlwas“ nennt. AnnenMayKantereit machen auf ihrem vierten Studioalbum aus dem vermeintlich Banalen eine musikalische Angelegenheit: Freunde treffen, verliebt sein, sich erinnern, ausgehen, am Meer sein, Erdbeerkuchen essen und über die eigene Heimat nachdenken. AnnenMayKantereit entstanden 2011 in Köln. Christopher Annen, Henning May und Severin Kantereit begannen zunächst als Straßenmusiker und erspielten sich mit Auftritten in der Kölner Innenstadt und später über YouTube eine stetig wachsende Fangemeinde. Schon früh war dabei klar, dass die ungewöhnliche Stimme von Henning May ein wesentliches Markenzeichen der Band ist. Doch mit dem neusten Album zeigt sich die Band musikalisch vielfältiger und doch mit Bandidentität. Gitarren, Schlagzeug, Klavier, ein organischer Bandsound gepaart mit Mays Stimme. Schon der Opener „Lass es kreisen“ macht deutlich, dass hier mehr experimentiert werden soll. Ein treibender Groove, elektronische Elemente, Latin-Einflüsse und ein Gitarrensolo geben dem Stück eine ungewohnte Beweglichkeit. Es geht darum, sich nach der Pandemie  wieder auf Menschen und Gemeinschaft einzulassen. Menschen sollen sich begegnen, Körper sollen sich bewegen, soziale Nähe soll wieder selbstverständlich sein.

Deutlich entspannter geht es mit „3 Tage am Meer“ weiter. Musikalisch ist das einer der sonnigsten Songs der Platte. Gitarren, entspannter Rhythmus und eine luftige Atmosphäre erzeugen ein Stück musikalischen Kurzurlaub. Für mich sind diese Textzeilen besonders passend, da sie meiner Sehnsucht nach dem Meer immer wieder beim Musikhören Ausdruck verleihen. Der Titelsong „Es ist Abend“ ist das eigentliche Zentrum der Platte. Es ist Abend, man sitzt zusammen, jemand kommt vorbei, und man lässt den Dingen ihren Lauf.

Musikalisch ist der Song reduziert und warm. Akustische Gitarren, ein zurückhaltendes elektronisches Fundament und Mays Stimme erzeugen eine intime Atmosphäre. Dieses Album setzt viel auf die musikalisch geschaffene Atmosphäre und schafft darüber Intensität. „Lottoscheine“ erinnert musikalisch an Tracks vom ersten Album der Band, denn hier knistert der Gitarren- und Drumsound.

Inhaltlich geht es um Verliebtheit und die Hoffnung, dass eine Beziehung trotz aller Unsicherheiten funktionieren kann. Der Lottoschein wird dabei zur passenden Metapher: Man weiß nicht, ob man gewinnt, aber man muss spielen, um überhaupt eine Chance zu haben. Die Stimme von Henning May ist bei diesem Lied ein markanter Aspekt. Ähnlich empfinde ich dies im folgenden Song „Katharina“. In beiden Songs zeigt die Stimme ihre Bandbreite zwischen ruhigen und kräftigen Tönen. Das Lied spricht einer Katharina vor allem Mut zu und gesteht ihr auch Phasen der Wut zu. Der Sound ist durchaus poplastiger und macht diesen Track zu einem meiner Lieblinge. „Verliebt sein“ ist einer der kürzesten und zugleich unmittelbaren Songs des Albums. Es geht um den Zustand des Verliebtseins, um Euphorie, Unsicherheit und die leicht absurde Tatsache, dass ein anderer Mensch plötzlich so viel Bedeutung bekommen kann. Sprachspielerisch bringt der Text prägnant Voraussetzungen einer Liebesbeziehung zutage, passend dazu nur eine ruhige Gitarrenbegleitung. Das Lied „Ausgehen“ ist Ausdruck eines Wunsches, mit einer bestimmten Person auszugehen. Damit widmet sich die Band wieder ihrem Hauptthema dieses Albums, nämlich den zwischenmenschlichen Beziehungen. Mit seinem Flamenco-Einschlag und der rhythmischen Gitarrenarbeit besitzt er eine ganz eigene Farbe. Der Song erzählt vom nächtlichen Ausgehen, von Verlockung und den kleinen Eskalationen, die dazugehören. Mir gefällt dieses Lied, da es einen ruhigen Sound hat und trotzdem zum Bewegen einlädt. Sommergefühle ruft das Lied „Erdbeerkuchen“ hervor, denn der Kuchen dient als Metapher, um einen Sommertag hervorzurufen. Es wird mit einfachen Bildern und einem wenig experimentellen Sound gearbeitet, aber genau dies ist die Stärke des Lieds. „Erdbeerkuchen“ ist die musikalische Erinnerung daran, dass Kunst nicht immer bedeutungsschwer sein muss. Der bildliche Gegenentwurf ist dann „Heute Abend wird es regnen“. Die spärliche Instrumentierung lässt viel Raum für Stimme und Atmosphäre. Das Lied widmet sich dem Thema Drogensucht und dass die Menschen darin auch eine Fluchtmöglichkeit suchen. Ebenfalls ruhiger ist das Lied „Weißhausstraße“, das für mich mit seiner assoziativen Sprache nicht ganz funktioniert. „Kein Stern“ erzeugt eine melancholische Stimmung und ist durchaus eine Ode ans Fußballspielen. Dieses Lied hat bei mir übers wiederholte Hören gewonnen und ist mittlerweile wegen seiner Atmosphäre und der textlich fein gearbeiteten Strophen eines meiner Highlights. 

„Als ich ein Kind war“ gehört zu den stärksten Songs des Albums. Die Band blickt zurück auf Kindheit und Jugend und verbindet Nostalgie mit einem kritischen Blick auf die heutige Gegenwart, ohne Vergangenes zu glorifizieren. Musikalisch besitzt das Stück eine ungewöhnliche Leichtigkeit. Bossa-Nova- und Jazz-Anklänge geben ihm einen fast altmodischen Charakter. „Du tust mir nie mehr weh“ klingt wie ein Entschluss, der im Moment des größten Schmerzes gefasst wird. Die Band präsentiert ihren identitären Sound zu einem klassischen Thema ihrer Musik, weshalb mich dieses Lied vielleicht zu wenig überrascht. „Orangenlied“ ist eine eindringliche Ballade. Klavier und Gesang erzeugen eine melancholische, beinahe klassische Chanson-Atmosphäre. Die Musik ist ruhig, offen und emotional. Inhaltlich geht es um Erinnerung und Vergänglichkeit. Das absolute Highlight des Abends folgt für mich mit der Ballade „Tommi“. Das Lied ist eine Liebeserklärung an die Heimatstadt Köln. Die Stadt wird nicht touristisch besungen, sondern es geht um persönliche Erinnerungen. Im Refrain singt May teilweise auf Kölsch. „Tommi“ ist ein hervorragender Abschluss, weil der Song die Stimmung des gesamten Albums bündelt: melancholisch, herzlich, ein wenig kitschig, aber nie vollständig ironiefrei. Selbst wer nicht aus Köln kommt, kann nachvollziehen, was es bedeutet, einen Ort mit Erinnerungen aufzuladen.

Fazit:

„Kraniche“ ist ein reifes, zugängliches und atmosphärisch dichtes Popalbum, das Axel Bosse endgültig im deutschen Mainstream etabliert hat. Die Stärke des Albums liegt in seinem Sound zwischen Melancholie und Optimismus, der eingängig ins Ohr geht. „Schönste Zeit“ ist einer meiner Favoritensongs aller Zeiten und grundsätzlich weiß ich nicht, wie oft mir „So oder so“ die Laune gebessert hat. Bosse hat ein tolles Talent, für bestimmte Stimmungen zu sorgen, und ist live einfach ein Künstler, der viel Spaß macht. Deshalb ist dieses Album ein besonderes in meiner Musiksozialisation und für die Begeisterung für Deutschen Pop. Sicherlich gelingt es Axel Bosse nicht immer, der Gefahr des Kitsch auszuweichen, doch bei diesem Album stört mich das nicht und ich höre es immer wieder gerne.

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Wertung: 🐧🐧🐧🐧🐧🐧

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