Musikkritik: Album „In aller Stille“ von Die Toten Hosen

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In diesen Wochen steht meine Lieblingsband „Die Toten Hosen“ im Fokus, da diese ihr letztes Album veröffentlicht hat und ich das Konzert der aktuell laufenden Livetour in Frankfurt besuche. Die Band gehört seit ihrer Gründung 1982 zu den prägendsten Rock- und Punkcombos in Deutschland. Dabei haben sie auch eine musikalische Entwicklung weg von reiner Punkmusik hin zum Mainstreamrock gewagt, die auch meine Begeisterung fand. Das Album „In aller Stille“ erschien im Jahr 2008 und war die 14. Studioproduktion dieser Art. Nach einigen Jahren ohne reguläres Studioalbum, nur unterbrochen vom Akustikprojekt „Nur zu Besuch – Unplugged im Wiener Burgtheater“, waren alle gespannt, ob der eingeschlagene Weg von „Auswärtsspiel“ fortgesetzt werden würde. Aus meiner Sicht ist die Band ihren Weg konsequent weitergegangen, denn dieses Album war nachdenklicher und beinhaltet textlich eine stärkere persönliche Reflexion. Der Humor verschwand etwas, und doch bleibt die Band musikalisch im Punk und Rock verhaftet. Die Gitarren und auch Campinos oftmals ins Schreiende wechselnde Stimmen wirken kraftvoller als bei „Auswärtsspiel“. Die Mischung aus Texten mit Tiefgang und treibendem Rhythmus ist allerdings eine Beobachtung, die man auch bei anderen Bands zu diesem Zeitpunkt festhalten kann.

Der Opener „Strom“ kommt sofort mit viel Energie daher und wirkt punkiger, als dies bei anderen Songs des Albums ist. Mit dem zweiten Track „Innen alles neu“ wird es zum ersten Mal persönlich, denn hier wird über innere Veränderungsprozesse reflektiert. Ich kann mich noch gut daran erinnern, als ich diesen Song erstmals gehört habe. Mir hat vor allem gefallen, dass auch deutlich wird, dass viele von außen einen anderen Blick auf einen selbst haben und hieraus oft Druck oder Missverständnisse entstehen. Für mich ist dieses Lied einer der Höhepunkte des Albums. Der dritte Song „Disco“ hat durchaus ironische Untertöne, setzt sich aber in seinem rauen und prägnanten Ton textlich mit Oberflächlichkeit und gesellschaftlicher Selbstdarstellung auseinander. Musikalisch ist hier der Punk-Einfluss deutlich zu hören. „Teil von mir“ betont eine ruhigere Seite der Band. Der Song setzt sich mit Verlusterfahrungen und damit, welche Wege des Umgangs man mit diesen finden kann, auseinander. Mich hat dieses Lied berührt, denn es bringt die wichtigste Botschaft klar zugegen, nämlich, dass Menschen, die einem nahe stehen, auch nach ihrem Ableben in Erinnerungen und ihrem Einfluss auf uns, immer Teil von uns sind. Was mir erst durch die Doku zum letzten Album deutlich geworden ist, ist, dass Campino und die Schauspielerin Birgit Minichmayr eine intensive künstlerische Freundschaft pflegen und es schon deshalb nicht verwundern sollte, dass sie „Auflösen“ für das 2008 erschienene Album gemeinsam eingespielt haben. Das Duett hat einen besonderen Stellenwert im Werk der Band und die melancholische Ballade ist textlich, fast lyrisch, an bestimmten Stellen. Durch die integrierten Streichinstrumente und die zarte, rauchige Stimme Minichmayrs entsteht eine besondere Dichte, und deshalb ist dieser Song für mich ebenfalls etwas Besonderes. Im Lied „Leben ist tödlich“ wird der Titel zum Textprogramm. Mir ist der Text etwas zu platt, aber musikalisch ist das Stück  eingängig und weiß deshalb zu unterhalten. Ein weiteres Highlight dieser Platte ist das Lied „Ertrinken“. Die Metapher des Untergehens wird im Text in Bezug auf emotionale Überforderung gesetzt. Musikalisch steigert sich die Spannung genauso, wie sich der Text intensiviert. Hier finde ich, dass die Band künstlerisch einen tollen Schritt gewagt hat. Danach kommt mit „Alles was war“ ein Song mit Hymnencharakter, der beim Hören einfach richtig Spaß macht. Spannend finde ich, dass durchaus eine Ambivalenz zwischen der positiven Melodie und der nüchternen Betrachtung der Vergangenheit besteht. Hier wird nichts verklärt, sondern festgehalten, warum sich Dinge geändert haben. „Pessimist“ ist in meinen Augen die schwächste Nummer dieses Albums und kann mich nicht abholen. Musikalisch schneller, erinnert es wieder stärker an Punk und verhandelt die negativen Erwartungen, die immer wieder in den Alltag drängen. Gesellschaftspolitisch wird es im Lied „Wir bleiben stumm“ und hier erinnern die Hosen an ihre früheren Platten. Kurze, knackige Textzeilen kritisieren unser aller Gleichgültigkeit gegenüber bestehender Ungleichheit und Missständen. Bei den „Toten Hosen“ hört sich dies nie anklagend an, da sie sich in die geschilderte träge Masse selbst einbeziehen. Trotzdem schafft es der Song, den Spiegel umzudrehen, und dies begeistert mich. Fortgesetzt wird dies inhaltlich mit der Hoffnung, dass „Die letzte Schlacht“ dann doch gewonnen wird, weil wir gemeinsam agieren und uns doch als Individuen nie verallgemeinern lassen. „Tauschen gegen dich“ ist wieder eine ruhige Nummer, bei der es um eine innige Beziehung geht, und Campino beweist, dass seine Stimme auch solche Balladen tragen kann. Den Abschluss des Albums bildet „Angst“, welches verschiedene Themen des Albums wie Selbstzweifel, Verlust und die Suche nach Orientierung abermals abbildet. Ich finde, dass man diesem Album den Werkcharakter aufgrund der verhandelten Themen anmerkt. Textlich ist dies auf jeden Fall eines der besten  Alben in der Bandgeschichte. Das Album zeigt zudem die künstlerische Offenheit der Band. Es ist zugleich die erste Zusammenarbeit mit Produzent Vincent Sorg und steht damit für den Beginn einer neuen Schaffensphase. Die Platte erreichte Platz 1 der Albumcharts und die daran anschließende „Machmalauter-Tour“ war ebenso ein Erfolg. Ich kann mich noch gut an das Konzert erinnern und daran, dass ich den Abend äußerst intensiv und energiegeladen fand.

Fazit:

Dieses Album ist für mich textlich eines der stärksten Hosen-Alben und ich weiß, dass ich die  Texte auch gerne mit eigenen Erfahrungen verbunden habe. Die Vielfalt der behandelten Themen und der gekonnte Wechsel zwischen powervollen und ruhigeren Nummern haben mich gleich begeistert. Meine Vorfreude auf das Liveerlebnis, welches dann auch noch einige Nummern des vorherigen Albums beinhaltete, wurde nicht enttäuscht. Die emotionale Tiefe hat mir gefallen, und zugleich sind Lieder wie „Alles was war“ starke Hymnen. Ich kann bei dem Album nur wenige Schwächen ausmachen und es bleibt auch nach vielen Jahren ein Hörgenuss.

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Wertung: 🐧🐧🐧🐧🐧🐧

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