Musikkritik: Album „Schlagschatten“ von Annenmaykantereit

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AnnenMayKantereit haben mich mit ihrem Debütalbum zum Fan gemacht. Mit „Schlagschatten“, erschienen am 7. Dezember 2018, stand die Band vor der Herausforderung, den Erfolg des Debüts zu bestätigen. Produziert wurde das Album erneut mit Markus Ganter und es erreichte Platz 2 der deutschen Albumcharts. Im Vergleich zum Vorgänger wirkt das Album reifer, aber auch vielschichtiger. Das Trio öffnet sich stärker gegenüber Pop-, Chanson- und sogar elektronischen Einflüssen. Wo auf dem Debüt häufig jugendliche Unsicherheit dominierte, beschäftigen sich die Texte nun stärker mit Verantwortung, gesellschaftlicher Beobachtung und den Folgen des Erwachsenwerdens. Die charakteristische Melancholie der Band bleibt jedoch erhalten. 

Der Opener „Marie“ eröffnet das Album mit Schwermut. Es geht um Verlust, Abschied und Orientierungslosigkeit. Besonders bemerkenswert ist die Einbindung einer Passage aus Rainer Maria Rilkes Gedicht „Der Panther“, wodurch Literatur und Popmusik miteinander verbunden werden. Sänger Henning May erklärte dazu, dass dies eines der ersten Gedichte war, die er auswendig gelernt hat. Schon dieser erste Song zeigt erneut die Stimmkraft von May. „Nur deinetwegen“ wirkt zunächst klassisch, entwickelt aber durch die reduzierte Instrumentierung eine große emotionale Intensität für die erzählte Liebesgeschichte. Einer ähnlichen Thematik widmet sich der Song „In meinem Bett“. Es geht um den Wunsch, sich gemeinsam mit einem geliebten Menschen vor der Außenwelt zu verstecken. Der Track „Ich geh heut nicht mehr tanzen“ ist eines der Albumhighlights. Zunächst wirkt es, als ginge es um eine Absage des Nachtlebens, doch tatsächlich ist das erzählende Ich diesem nicht abgeneigt. Alkohol und Drogen erscheinen jedoch nicht als Verherrlichung, sondern als Ausdruck emotionaler Überforderung. „Freitagabend“ setzt stärker auf folkige Elemente und ist doch thematisch eine Fortsetzung. Erneut beweisen Annenmaykantereit, dass sie Alltagssituationen in poetisch intensive Musik verpacken können. Die Stimme Mays ist hier erneut Zentrum des Sounds.

Der Track „Weiße Wand“ findet unfassbar treffende Bilder für die Ambivalenz unserer Welt. Der Song beschreibt gesellschaftliche Gleichgültigkeit und die Tendenz, Probleme lieber auszublenden als zu lösen. Dabei wird uns der Spiegel unserer eigenen westlichen Lebenswelt vorgehalten. „Hinter klugen Sätzen“ verbindet chansonhafte Strukturen mit poetischen Bildern. Der Song handelt von Menschen, die ihre Gefühle verstecken oder sich diesen nicht stellen wollen. Hier kommt es ebenfalls, wie im vorherigen Song, zu dem Gefühl, dass man als Hörer einen Spiegel vorgehalten bekommt. Der Song markiert aber auch, dass man sich manchmal selbst nicht versteht. Der Song „Sieben Jahre“ zählt zu den emotionalen Höhepunkten des Albums. Der Titel reflektiert vergangene Beziehungen und persönliche Entwicklung. „Jenny Jenny“ bringt anschließend wieder mehr Leichtigkeit ins Album. Die Melodie besitzt Ohrwurmqualität und ist einer meiner Lieblingssongs dieser Band. Zugleich ist das Lied eine Hymne für Flugbegleiterinnen, ohne diese ins Lächerliche zu überführen, wie man das doch in der Popkultur kennt. Aus meiner Sicht gibt es in der Popkultur keine vergleichbar gute Annäherung an diese Berufsgruppe.

Das Lied „Alle Fragen“ ist philosophischer und zugleich eine Erinnerung an Vergangenes. Musikalisch steigert das Lied seine Spannung, textlich und melodisch. Mich kann der Song aber nicht ganz abholen. „Du bist anders“ ist ein optimistischer Liebessong und bewundert sein Gegenüber und stellt die Einzigartigkeit heraus. Erneut finde ich, dass dieses Lied die Stimme Henning Mays besonders herausstellt. Im Lied „Schon krass“ werden die zerstörerischen Folgen von Drogenabhängigkeit verarbeitet. „Vielleicht Vielleicht“ gehört wieder zu den Liebesliedern des Albums. Es beschreibt aber keine romantische Liebesbeziehung. Vielmehr ist das Wort „vielleicht“ Leitmotiv des Songs. Es werden die Unsicherheit und das Risiko von Romantik beschrieben. Dieses Lied ist aus meiner Sicht ein weiteres Albumhighlight.  Der abschließende Titelsong „Schlagschatten“ bündelt schließlich die Grundstimmung des gesamten Albums. Es geht um jene wechselnden Schatten, die beim Blick aus einem fahrenden Zug entstehen – ein Bild metaphorisch für das Vorüberziehen des Lebens, für Erinnerungen und Veränderungen.

Textlich ist „Schlagschatten“ ein starkes Album. Die Texte verbinden Alltagssprache mit poetischen Bildern. Folk und Blues bilden weiterhin das musikalische Fundament, Jazz erkenne ich bei diesem Album aber auch. Die Band erweitert ihr musikalisches Spektrum vorsichtig, ohne ihre Identität aufzugeben. Besonders die Mischung aus akustischen und modernen Elementen sorgt dafür, dass „Schlagschatten“ abwechslungsreicher klingt als sein Vorgänger.

Fazit:

Mit „Schlagschatten“ beweisen AnnenMayKantereit eindrucksvoll, dass sie kein Zufallserfolg waren. Das Album entwickelt den bekannten Bandsound konsequent weiter. Besonders die hohe textliche Qualität und die außergewöhnliche Ausdruckskraft von Henning Mays Stimme sind weiterhin entscheidende Identitätsfaktoren. Es ist kein Album für den schnellen Konsum, sondern eines, das mit jedem Hördurchgang wächst. Aus meiner Sicht ist das Album etwas schwächer als das Debüt und trotzdem ein herausragendes Klangerlebnis. Mich hat dieses Album wieder begeistert und im Fandasein gestärkt.

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Wertung: 🐧🐧🐧🐧🐧

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