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In diesem Jahr habe ich einige Konzertbesuche eingeplant und dies hat auch Auswirkungen auf die Besprechung von Musikalben auf diesem Blog. Im März stand für mich das erste Konzert der Band „Kraftklub“ an, welches ich live erlebte. Die Band hat mich während meines ersten Studiums gefunden und konnte mich mit ihrem frechen Sound und ihrem ironischen und doch pointierten Blick auf den Generationenwandel überzeugen. Seit ihrem Debüt 2012 habe ich den Weg dieser Band eng verfolgt und in jedes Album hereingehört. Als nun im vergangenen Jahr „Sterben in Karl-Marx-Stadt“ erschien, habe ich mich an dem regionalen Titelbezug erfreut und festgestellt, dass dieses Album erneut eine künstlerische Weiterentwicklung darstellt. Es ist mittlerweile das fünfte Studioalbum der Band. Die Grundlage des Sounds bildet weiterhin ein Mix aus Indie-Rock, Hip-Hop und Punk, ergänzt durch Pop-Strukturen, sowie elektronische Einflüsse. Diese gesteigerte Vielfältigkeit erhöht den Spaß beim Hören des Albums.
Der Opener „Unsterblich sein“ fungiert als thematische Klammer des Albums. Inhaltlich geht es um die Illusion von Unsterblichkeit im Rausch einer Partynacht und die anschließende Ernüchterung. Das Album beschäftigt sich intensiv mit der Rolle des Einzelnen und seinem Platz in der Gesellschaft und schwankt – und dies ist charakteristisch für das Werk der Band – zwischen jugendlicher Orientierungslosigkeit, gepaart mit Trotz, und dem wachsenden Verantwortungsgefühl auf der anderen Seite. Beim Song unterstützt als Gast Domiziana. Im Song „Marlboro Mann“ wird eine ikonische Werbefigur zu einem Song verarbeitet. Diese Figur als konstruiertes Bild des harten Cowboys, der glücklich seine Zigarette raucht, wird in den Gegensatz zu anstrengenden Herausforderungen gesetzt. Es geht deshalb durchaus um eine Kritik an Werbebildern, die einem doch manchmal eine Leichtigkeit suggerieren, die es so nicht zu finden gibt. Im Lied „All die schönen Worte“ arbeitet die Band mit dem Schweizer Songwriter Faber zusammen. Hier kommt eine melancholische Stimmung ins Album, denn es geht um den Irrglauben, ewig Zeit zu haben, was wieder mit dem Opener referiert. Das Leben kann jederzeit mit Überraschungen aufwarten, die uns in eine ganz andere Situation versetzen oder unser Leben sogar frühzeitig beenden. Folglich geht es darum, dass man sein Leben bewusst angeht und nicht nur die Lebensweisheiten erfüllt, sondern auch die Wahrheit hinter ihnen erkennt. Soundtechnisch kratzt dieses Lied etwas und macht den Einfluss von Faber spürbar, aber ich mag diesen Sound.
Philosophie und schwarzer Humor treffen im Lied „Wenn ich tot bin, fang ich wieder an“ aufeinander. Es geht tatsächlich um den Tod und was danach auf uns wartet. Das Lied ist eine Ansammlung von Gedanken, ohne ein konkretes Bild final zu entwerfen. Popsound kommt in einem Lied zum Tragen, bei dem Nina Chuba als Gast mitwirkt. „Fallen in Liebe“ ist ein Song, bei dem Pop- und Rapeinflüsse deutlich sind, sich aber zu einem angenehmen Hörgenuss verdichten. Textlich geht das Lied wenig in die Tiefe, widmet sich dem Verliebtsein und findet für dieses Gefühl eine gute Mischung. Highlight des Albums ist für mich „Schief in jedem Chor“. Dieser Track hat einen starken Rhythmuswechsel, spielt mit ruhigen und kraftvollen Sequenzen und reißt mich deshalb mit. Die Zeilen thematisieren Außenseitertum und Widerstand und motivieren mich beim Hören dazu, für Überzeugungen einzustehen. Passenderweise folgt darauf „So rechts“, in dem die Band sich damit auseinandersetzt, dass immer mehr Menschen sich in unserer Gesellschaft rechten Ideologien zuwenden. Mit Ironie halten sie dabei aber fest, dass davor niemand gefeit ist, es aber auch an unserer Flucht ins Digitale liegt. Ironisch setzt „Halt’s Maul und spiel“ an diese beiden Tracks an. Es geht darum, dass die Band sich nicht verstellen will, sich bei ihren Fans für die Treue bedankt und hofft, dass darunter keine Fans sind, die sich dezidiert eine andere politische Einstellung wünschen. Im Vordergrund sollte jedoch immer die Musik stehen.
Gemeinsam mit Deichkind performen Kraftklub dann noch „Zeit aus dem Fenster“ und dieser Song mit seinem druckvollen Elektrosound nimmt sich mit Humor verschiedene Trends unserer Gesellschaft vor und plädiert dafür, statt dieser doch die Zeit mit Kraftklub zu verbringen. Etwas schwächer finde ich auch wegen seines Textes „Kippenautomat“. Hier ist allerdings der Sound so gestaltet, dass eine Energie beim Hören durchfährt. „Ein letztes Mal“ ist wieder sehr melodisch und spielt mit dem Ziel, mit bestimmten Lastern aufzuhören, oder sich Ziele für eine Veränderung zu setzen. Abgerundet wird das Album dann mit einer melancholischeren Version von „Unsterblich“, erneut mit Domiziana und zugleich mit selbstreferenziellen Anspielungen auf das eigene Werk. Die Texte auf „Sterben in Karl-Marx-Stadt“ bewegen sich in einem Spannungsfeld zwischen persönlicher Reflexion und gesellschaftlicher Beobachtung. Für mich ist die gelungene Gesamtkombination der Beweis für die musikalisch erreichte Reife der Band.
Fazit:
Dieses Album hat mich mit dieser Band nochmals ganz anders verbunden. Ich bin beeindruckt von der künstlerischen Entwicklung und der erreichten textlichen Tiefe. Immer wieder gelingt es, die Texte mit Ironie aufzubrechen, ohne dass ernsthafte Hintergründe beschädigt werden. Soundtechnisch steigert dieses Album die Vielfalt und hat auch zu einem richtig geilen Liveerlebnis der Tour beigetragen. Für mich schaffen es „Kraftklub“ auch nach Jahren, Situationen meines Lebens den passenden Sound zu verleihen und mir auch Songs zu bescheren, die mich zum Nachdenken anregen, ohne dabei in Tristesse zu verfallen. Von mir bekommt auch das neueste Album eine Hörempfehlung.
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Wertung: 🐧🐧🐧🐧🐧🐧
