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Während der Frankfurter Buchmesse 2024 habe ich mir verschiedene Veranstaltungen angesehen und darunter war auch Literatur im Römer. Diese traditionsreiche Leseveranstaltung ist quasi ein Speeddating mit einigen Neuerscheinungen der Saison. Eckhart Nickel ist mir als Autor allerdings schon bekannt gewesen. Während meines Germanistikstudiums habe ich mich intensiv mit der deutschsprachigen Popliteratur beschäftigt. Nickel war einer der Autoren des popliterarischen Manifestes „Tristesse Royale“ und seinen Roman „Spitzweg“ habe ich bereits gerne gelesen. Sein Werk wird durchaus der literarischen Avantgarde zugerechnet und für seinen 2024 bei Piper erscheinenden Roman „Punk“ hat er den Hermann-Hesse-Literaturpreis erhalten. Seine Literatur ist durchgehend von popkulturellem Wissen und einem satirischen und spielerischen Blick auf Gesellschaft geprägt.
„Wie kann man in einer so aufgeräumten Umgebung an PUNK denken? Es geht doch um Anarchie, Chaos, Rebellion, Subversion.“
Nickel, Eckhart: Punk, Piper Verlag 2024, S.127.
Der Roman begleitet die Studentin Karen auf ihrer Suche nach einem WG-Zimmer. Sie landet dabei bei den Brüdern Lambert und Ezra. In deren Wohnung ist ein Zimmer zu haben. Allerdings gleicht die Wohnung eher einem Musikmuseum als einem gemütlichen Wohnraum. Überall finden sich Schallplatten und zudem sehen sich die beiden Brüder als Keimzelle einer Band namens „Punk“. Sie haben sich der kulturellen Rebellion verschrieben und wollen beweisen, dass es möglich ist, ohne großen Aufwand mit drei Akkorden coole Musik zu machen. Für die beiden Brüder ist dies der authentische Weg des Punk. Karen soll sie auf ihrem künstlerischen Weg unterstützen, obwohl sie kein Instrument spielt. Die beiden Brüder sehen in ihrer Wortwahl jedoch die prädestinierte Kopfstimme für ihre Band, denn sie könne ihnen den nötigen Schliff verleihen. Doch außer diesem skurrilen WG-Casting gibt es noch eine dystopische Entwicklung, denn eine seltsame Kraft breitet sich aus. Der sogenannte „weiße Lärm“ verdrängt klassische Musik und die aktuelle Popmusik. Die vertrauten Frequenzen unserer Welt verlieren sich und eine kulturelle Verdunklung tritt ein. Die WG-Punkband sieht sich als einen Widerstand gegen diese Bedrohung.
„Der vielleicht überraschendste Nebeneffekt des Weißen Lärms bestand darin, dass durch die übertönten negativen Affekte bald auch sämtliche Glücksgefühle wie Begeisterung und Euphorie verschwanden, aber nicht durch Interventionen, sondern ganz beiläufig und en passant. Als hätte jemand einen Regler heruntergedreht und damit der allgemeinen Gefühlsskala des Menschen ihre Extreme entzogen und die Enden gekappt, sodass, im Geräuschejargon gesprochen, nur noch Mitteltöne in einem begrenzten Spielraum überhaupt übrig geblieben waren.“
Nickel, Eckhart: Punk, Piper Verlag 2024, S.82.
In diesem Zitat erkennen wir die Wirkung des weißen Lärms und erhalten zugleich ein Gefühl für die Sprache des Romans. Die gesamte Geschichte wird durch Karen als Ich-Erzählerin erzählt. Sie hat dabei ein Faible für genaue Beobachtungen und drückt sich gerne gewählt aus. Die beiden Brüder sind das exzentrische Gegenteil, wobei sie durchaus auch nerdy wirken. Nickels Erzählwelt wirkt verspielt, immer wieder finden sich popkulturelle Anspielungen. Allerdings ist der weiße Lärm eine Bedrohung, denn er droht, bekannte Musik und harmonische Klänge aus dem Alltag verschwinden zu lassen. Die Ästhetik seiner Literatur setzt bewusst auf ironische Ansätze, ohne dabei jedoch ernsthafte Aspekte zu verlieren. Die Punkband wirkt zuerst chaotisch, doch ihr Anliegen ist ernst. Sie möchten mit einer klaren Haltung agieren und sind mit ihrem Punk grundsätzlich darum bemüht, Traditionen zu kritisieren. Sie möchten mit ihrer Attitüde konforme Lebensentwürfe unterlaufen und sind dabei jedoch ebenfalls in klassischer Punktradition unterwegs. Genau solche Ambivalenzen finden sich immer wieder im Roman und sind eine der intelligenten Stärken des Buches. Der Verlust der Musik ist ein Anzeichen für eine kulturelle Verarmung und damit ebenso Gesellschaftskritik.
„Möglicherweise war es auch das, was uns DER WEISSE LÄRM sagen wollte, ohne es auszusprechen, dass nämlich aller Ärger, den wir in uns tragen, sich unausweichlich in Hässlichkeit verwandelt.“
Nickel, Eckhart: Punk, Piper Verlag 2024, S.180.
In diesem Zitat erweitert sich die Metaphorik des weißen Lärms. Diese Klangmauer ist somit nicht nur eine Bedrohung für die uns bekannte Kultur. Zugleich markiert er, dass wir selbst Anteil an diesem Verlust tragen. Der andauernde Ärger über gesellschaftliche Missstände wird nicht als produktive kulturelle Energie genutzt, hemmt uns eher, führt eben zu Hässlichkeit. Ich denke, dass dieser Roman Musik als einen Ausdruck emotionaler und kultureller Tiefe vorführt. Er entlarvt unsere überkontrollierte Gesellschaft als hilflos, denn schlussendlich muss eine Punkband als Speerspitze des Widerstands fungieren. Ich schätze dieses ambivalente Spiel, doch mich kann die Sprache des Romans nie fesseln. Ich halte die für Karen gewählte Sprache für zu kühl, an manchen Stellen gar für überladen. Die Schilderung des weißen Lärms ist zunächst mysteriös, die Bedeutung für die Romanhandlung wird für mich erst in der Auseinandersetzung sichtbar. Angesichts dessen ordne ich diesen Roman literarisch als ein Buch mit guten Grundideen ein, welches in seiner ästhetischen Ausgestaltung jedoch noch Luft nach oben hat.
Fazit:
Eckhart Nickels Roman ist sicherlich ein ästhetisch anspruchsvoller Roman. Für mich gehen jedoch nicht alle angedeuteten Aspekte in der Gesamtkomposition auf. Die drei Hauptfiguren erhalten wenig Tiefe, sind deshalb vor allem Funktionsträger. Die Punkband als Widerstandskämpfer und damit eigentliche Bewahrer einer Kultur ist ein durchdachtes, ambivalentes Spiel. Für diesen Kniff lobe ich den Autor und freue mich über das davon ausgehende popkulturelle Metapherspiel. Zugleich gelingt es Nickel, uns als Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten, da wir erkennen müssen, dass wir in einer kontrollierten Gesellschaft künstlerische Freiheit erdrücken und unsere Wut vor allem zu bedrohendem Hass führt. Diesen Gedanken hätte ich gerne noch etwas weiterverfolgt gesehen, doch der Roman geht diesen Weg leider nicht konsequent. Insgesamt ein spannender Ansatz mit Steigerungspotential. Eckhart Nickel zählt auf jeden Fall zu den spannenden Autoren der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.
Werbung aus Liebe zum Buch
Wertung: 🐧🐧🐧🐧
Titel: Punk
ISBN: 978-3-492-07282-3
