Ostermann, Michael: Dominik Nerz – Gestürzt

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Zuletzt habe ich mit Peter Sagans Autobiografie ein Radsportbuch vorgestellt, welches einen erfolgreichen und extravaganten Fahrer gezeigt hat. Peter Sagan ist als Weltmeister ins deutsche Team Bora-Hansgrohe gewechselt. Jenes deutsche Team hat sich unter der Führung von Ralf Denk bis in die höchste Radsportklasse vorgekämpft und kämpft heute als Team „Red Bull – Bora Hansgrohe“ mit seinen Stars Remco Evenepoel und Florian Lipowitz ums Podium der Tour de France. Im Jahr 2015 war der Kapitän des damals zweitklassigen Teams „Bora-Argon 18“ das deutsche Rundfahrertalent Dominik Nerz. Der Journalist Michael Ostermann beschäftigt sich seit den 1990er Jahren mit dem Radsport. Er berichtete mehrfach von der Tour de France sowie von den großen Frühjahrsklassikern für Tageszeitungen und Fachmagazine.

Für das Buch „Dominik Nerz – Gestürzt“, erschienen im Covadonga Verlag, führte er zahlreiche Gespräche mit Dominik Nerz, dessen Familie, Trainern, Ärzten, Sportpsychologen und ehemaligen Teamkollegen. Anders als bei Peter Sagan beleuchtet dieses Buch vor allem den enormen Leistungsdruck, die körperliche Selbstaufgabe und die psychische Belastung. Somit werden in diesem Buch die Schattenseiten des Leistungssports gezeigt.

„Ein Radsportler muss beides haben, um erfolgreich zu sein: die Beine und den Kopf. Und Dominik Nerz hatte die Beine, aber nicht den Kopf.“

Ostermann, Michael: Dominik Nerz – Gestürzt, Covadonga Verlag 2019, S.203.

Das Buch beginnt mit dem Ende. Dominik Nerz ist erst 27 Jahre alt und trotzdem endet seine Radsportkarriere. Körperlich und psychisch ausgelaugt, muss er sich für das Ende entscheiden, bevor er und sein Körper weitere Schäden nehmen. Von diesem Wendepunkt aus blickt Michael Ostermann auf die Karriere des Allgäuers. 

Schon früh gilt Nerz als eines der größten Talente des deutschen Radsports. Mit Ehrgeiz, Disziplin und außergewöhnlicher Kletterstärke arbeitet er sich durch den Nachwuchs bis in die WorldTour. Der Wechsel zum italienischen Topteam Liquigas eröffnet ihm die Chance, an den größten Rennen der Welt teilzunehmen. Nerz muss jedoch erkennen, dass der Profibereich ein ganz anderes Level bedeutet. Er fühlt sich als Außenseiter, spricht kein Italienisch und findet sich nur schwer zurecht. 

Trainer, Teamchefs, Ärzte, Sportpsychologen und Mitfahrer kommen zu Wort und schildern ihre Sicht auf die Ereignisse. Dadurch entsteht kein einfaches Schuldzuweisen, sondern ein differenziertes Bild eines Systems, in dem enorme Erwartungen, wirtschaftlicher Druck und die Kultur des Durchhaltens ineinandergreifen. Nerz setzt sich selbst unter Druck, glaubt oft zu scheitern und schwächt sich damit insgesamt. 

Michael Ostermann schreibt sachlich, präzise und journalistisch. Gleichzeitig entwickelt das Buch eine erstaunliche erzählerische Spannung. Die vielen Interviews verleihen der Geschichte Authentizität und ermöglichen unterschiedliche Perspektiven auf dieselben Ereignisse.

„Radprofis berichten häufig davon, dass sie ihre Qualen gerne auf die anderen Fahrer um sie herum projizieren, getreu dem Motto: ‚Wenn es mir wehtut, tut es den anderen erst recht weh‘.

Ostermann, Michael: Dominik Nerz – Gestürzt, Covadonga Verlag 2019, S.43.

Gerade weil Nerz sich oft in der Rolle des Opfers von Teampolitik sieht, ist es wichtig, dass Ostermann den Blick weitet. Das italienische Liquigas-Team hat auch anderen Sportlern den Einstieg ermöglicht, doch Nerz fühlt sich oft missverstanden. Erst Vincenzo Nibali hilft dem jungen Deutschen, nimmt ihn unter seine Fittiche, und der junge Deutsche wird so zu einem wichtigen Helfer. Nach einem Teamwechsel zu BMC glänzt er bei der Vuelta, wird 2013 14. und ein Jahr später 18. Es deutet sich das Potenzial eines Rundfahrers an, und doch ist ein neuer Vertrag im Schweizer Team nicht sicher. Nerz geht auf Nummer sicher und wechselt zum Zweitdivisionär Bora-Argon 18. Teamchef Ralf Denk möchte Nerz als Kapitän zur Tour bringen, doch er weiß nicht, wie es um den talentierten Fahrer wirklich steht. Bei Radprofis geht es viel um das richtige Körpergewicht, und während heute Ernährung ein zentrales Thema ist, bleibt zur Zeit von Nerz noch vieles ihm selbst überlassen. Nerz glaubt ständig, er sei zu dick, und hat eine gefährliche Essstörung entwickelt. Ostermann zeigt eindrucksvoll, wie sich Ehrgeiz und Selbstzweifel gegenseitig verstärken können. Nerz benötigt externe Hilfe, um wieder zu Kräften zu kommen, stürzt aber dann auf den Kopf und erleidet eine Gehirnerschütterung. Nerz entscheidet sich, über die wahren Schmerzen zu schweigen. Er hat in seinen bisherigen Karrierejahren gelernt, dass Leiden Teil seines Sports ist und Schmerzmittel Alltagsbegleiter. Allerdings führt dies immer wieder zu krassen Leistungseinbrüchen und er kann die in ihn gesetzten Erwartungen einer Kapitänsrolle nicht erfüllen. Die Tour de France beendet er nicht, muss vielmehr nach einem Arztbesuch der Wahrheit eines Karriereendes ins Auge blicken.

„Es ist die erste Lektion: Im Radsport werden Schmerzen ignoriert. Zahlreiche weitere werden folgen. Irgendwann hat Nerz diese Grundbedingungen des Radsports so verinnerlicht, dass er selbst dann weitermacht, als es beginnt ihm gesundheitlich zu schaden.“

Ostermann, Michael: Dominik Nerz – Gestürzt, Covadonga Verlag 2019, S.18.

Mich hat dieses Profi-Schicksal berührt, die Auswirkungen von Leistungsdruck auf die Sportlerpsyche sind immens und nicht jeder ist dieser gewachsen. Hier zerbricht ein Profi am Druck, und das, obwohl er durchaus viel Talent hat. In den vergangenen Jahren hat sich hier im Leistungssport sicherlich einiges zum Guten gewendet, aber es bleibt immer noch etwas zu tun. Ich behalte mir vor, Sportler*Innen für all ihre Versuche stärker zu würdigen, und doch hat die Lektüre auch bei mir dazu geführt, dass ich die stetige Opferrolle, in welcher sich Nerz selbst sieht, hinterfrage und dabei vergesse, dass ihn der Sport und alle Erwartungen erdrückt haben. 

Fazit:

„Dominik Nerz – Gestürzt“ ist weit mehr als die Geschichte einer gescheiterten Sportkarriere. Michael Ostermann zeichnet das eindrucksvolle Porträt eines außergewöhnlich talentierten Athleten, der an den Anforderungen des Spitzensports zerbricht. Der von mir geliebte Radsport wird mit seinen Schattenseiten deutlich, und Ostermann schafft es, ein vielschichtiges Bild zu zeichnen, in dem er verschiedene Stimmen zu Wort kommen lässt. Mich hat das Buch bewegt und es ist wirklich bedauerlich, wie ein talentierter Rennfahrer so wenig Halt finden konnte. Das Buch weitet den Blick des Fandaseins und sollte zugleich eine Mahnung an alle im Spitzensport tätigen Menschen sein. Michael Ostermann zeigt, dass Erfolge im Spitzensport häufig einen hohen Preis haben und die wichtigste Entscheidung manchmal darin besteht, aufzuhören. Wer sich für Radsport interessiert, erhält eine hervorragend recherchierte Reportage mit zahlreichen Hintergrundinformationen. Aber auch allen anderen Sportinteressierten kann ich das Buch nur empfehlen. 

Werbung aus Liebe zum Buch

Wertung: 🐧🐧🐧🐧🐧

Titel: Dominik Nerz – Gestürzt

ISBN: 978-3-95726-037-6

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