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Winkler, Philipp: Carnival – Rezension

Entführung in eine andere Kultur

„HOOL“ hatte mich förmlich umgehauen, mit seiner brachialen Sprache und wie Philipp Winkler mit seinem Sujet umgeht hat mich wirklich beeindruckt. Ganz einfach, weil man solche Texte in deutscher Sprache vielleicht sonst nur von Clemens Meyer kennt. Beim neueren Werk „Carnival“ ist dies nicht in gleichem Maße geschehen. Live erleben konnte ich Winkler inmitten der Corona-Pandemie beim Literaturfestival Stromern in Frankfurt. Hier wurde auch erläutert, aus welchem Anlass das Werk zustande kam. Der Aufbau Verlag feierte sein 75-jähriges Jubiläum und Winkler war einer der Autoren, der zu diesem Anlass um einen erzählerischen Text gebeten wurde.

Winkler versteht seinen Text selbst als eine Art Nachruf auf die Jahrmarktkultur, die uns in der Form vergangener Jahrzehnte heute schon fremd erscheinen. Und so entführt uns der Autor in die nicht mehr ganz so funkelnde Kirmeswelt.

Um was geht es ?

Philipp Winkler präsentiert uns eine eingeschworene „Kirmes-Gruppe“ und alle Facetten ihres Zusammenlebens, so wird eine Hochzeit und auch ein Todesfall geschildert. Grundsätzlich reflektiert der Roman dabei auch, dass es sich um eine bedrohte, ausgegrenzte Welt handelt, die ihren öffentlichen Raum in unserer Gesellschaft aufgrund ausbleibender Besucher*Innen immer schwieriger behaupten kann.

Mein Eindruck vom Buch

In verschiedenen Rezensionen wurde immer wieder negativ bemerkt, dass wir vermehrt klischeehafte Personen präsentiert bekommen. Ich bin ehrlich, dies stößt mir nicht auf. Grundsätzlich glaube ich, dass ich gar nicht in der Lage bin zu beurteilen, was an diesen Personen vielleicht nur Klischees betrifft, oder wo ich Figurentiefe erfassen kann. Letzteres ist zudem nicht der Ansatz dieses kurzen Erzählwerkes. Star der Geschichte ist definitiv die sprachliche Umsetzung und die Vielfalt der dargestellten Figuren. Mit Vielfalt meine ich in diesem Zusammenhang, dass man die Welt der „Grobiane“, als auch jene der Frauen kennenlernt, die sich innerhalb dieser fahrenden Gruppe um ihre Familie kümmern. Winkler versucht diese Welt nicht zu verklären, kann aber eine Romantisierung nicht gänzlich vermeiden. Mich fasziniert die dargestellte Welt vor allem, weil sie mir so fremd erscheint. Natürlich besucht man Jahrmärkte, betrachtet die dort arbeitenden Menschen aber einzig und allein in ihrer Funktion als Dienstleister. Erst die Corona-Pandemie hat mir gezeigt, dass auch diese Veranstaltungen etwas sind, dass fehlt. Winkler benötigt keine Handlung, er stellt dar, beleuchtet Absurdes und verleiht dem Ganzen durchaus eine magische Referenz, gleich den dargebotenen Kunststücken. Genutzt wird dabei eine ganz besondere Sprache, die Winkler „Kzirms“ nennt und die beim Lesen durchaus anstrengend wirken kann. Doch wie sonst, soll eine Welt beschrieben werden, die mit normalen Begrifflichkeiten noch mehr ausgegrenzt würde. Die Schilderungen der Hochzeit, sowie der Beerdigung haben mich tatsächlich aufgrund der dargestellten Tradition in ihren Bann gezogen. Es ist schon berührend wie Menschen, die sich teilweise auch auf der Flucht vor dem Gesetz befinden, sich in dieser aus der Gesellschaft ausgegrenzten Gruppe wieder einfinden möchten. Auch wenn natürlich genau in diesen Momenten die romantische Darstellung die Überhand gewinnt.

Ob es wirklich so ist, dass die heutigen Unterhaltungstechniken uns alle so sehr in Beschlag nehmen, dass wir deshalb immer weniger Jahrmärkte besuchen, will ich nicht beurteilen. Aber ich werde direkt angesprochen, als jemand der durch Abwesenheit die dargestellte Welt bedroht und diesen Kniff finde ich gelungen. Denn so bin ich gezwungen, darüber nachzudenken und schon lasse ich mich als Außenstehender in die dargestellte Welt hineinziehen.

Zusammenfassend kann ich diesen schmalen Band allen empfehlen, die gerne in eine fremd wirkende Welt eintauchen möchten und auch ihren Spaß am Absurden haben. Wer meine Rezensionen verfolgt weiß, dass ich definitiv zu diesem Leserkreis gehöre. Trotzdem gibt es von mir für dieses Buch keine ganz hohe Wertung, denn dafür fehlen mir einfach die besonderen Momente.

Wertung: 🐧🐧🐧🐧

Unbezahlte Werbung aus Liebe zum Buch

Philipp Winkler:

Carnival

Aufbau Verlag

ISBN: 978-3-351-03828-1

Preis: 14,00€

Carnival (aufbauverlag.de)

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Winkler, Philipp: HOOL – Rezension

Ausgrenzungen mit Gewaltfantasien

Was für ein Debütroman, dass muss man ehrlich sagen, wenn man diese Geschichte über den Hooligan Heiko gelesen hat. Philipp Winkler hat mit seinem Erstling zurecht den Aspekte Literaturpreis gewonnen. Meine Begeisterung hat auch nichts damit zu tun, dass ich Fußballfan bin. Denn wer glaubt, es geht in diesem Buch um das runde Leder, ist an der falschen Adresse. Es geht gezielt um Hooligans und dies sind Personen, die bei öffentlichen Veranstaltungen durch Randale und gezielte gewaltbereite Übergriffe auffallen. Oft davon gehört und doch nie ernsthaft damit auseinandergesetzt, begegne ich dem Roman deshalb zunächst auch abweisend. Will ich wirklich von einer Welt lesen, die durch Gewalt geprägt ist? Doch der Roman versucht nicht zu bewerten, sondern auszustellen und in dieser Art der Darstellung liegt dann auch das Können des Autors.

Um was geht es ?

Heiko bewegt sich inmitten einer Hooligan-Gruppe und hat somit zum Hobby, dass man sich zum Prügeln verabredet. Man vereinbart Treffen und einem Wettkampf gleich wird sich miteinander gemessen. In verschiedenen Strängen bekommen wir dann noch seine Familiengeschichte erzählt.

Mein Eindruck vom Buch

Also sicherlich ist dies kein Roman für jedermann, zu hart und brutal erscheint die dargestellte Welt, die sich an einigen Stellen auch jeglicher Nachvollziehbarkeit entzieht. Mich hat dieses Buch aufgewühlt, aber auch gebannt. Hauptfigur Heiko ist aus der Zeit gefallen, nicht aus unserer, sondern der Zeit seiner Freunde. Während jeder sich um ihn weiterentwickelte, bleibt er in einer Gruppe verhaftet, die ihm Halt zu bieten scheint. Die gebrochene Familiengeschichte hat ihn schnell zum Außenseiter werden lassen. Zugehörigkeit entsteht durch die Identifikation mit seinem Fußballverein Hannover 96, der schlussendlich jedoch nur Vehikel dafür ist, sich mit einer Gruppe gegen andere zu behaupten, unabhängig von sportlichen Resultaten des Vereins. Man findet diese Figur nie sympathisch, aber man versucht sie zu ergründen und möchte sie nicht so einfach aufgeben. Nicht vielen Romanen gelingt es, bei mir einen solchen Eindruck zu hinterlassen. Die ungezügelte Brutalität bei den Prügeleien schreckt durchaus ab, auch wenn es einen ungeschriebenen Codex zu geben scheint. Referenzen an „Fight Club“ werden deutlich und doch ist dies nochmals eine ganz besondere andere Welt. Das Absurde und Abstoßende wird von Winkler durch den Roman getragen, bis zu einem Tiger der in einer Grube gehalten wird. Denn Heiko hat auch noch Kontakt zu Armin, der illegale Tierwettkämpfe organisiert. Dies alles begeistert mich in der Darstellung und ich kann mich an diesen Eigenartigkeiten erfreuen. Die Verknüpfung der unterschiedlichen Zeitebenen gelingt Winkler spielend und so stört nichts und man folgt dem Erzählten. Man möchte diesem sonderbaren Leben einfach gerne länger folgen.

Die Sprache zeigt sich als den Figuren angemessen und erweitert die Figuren in ihrer Tiefe, ein Talent, dass nicht allen Autoren gegeben ist. Winkler zögert nicht die hohe Sprache zu verweigern und sich auf seine Figuren einzulassen. Auch wenn Heiko an allem zweifelt, sind es die Worte der Figur und nicht jene des beobachtenden Autors. An diesen Stellen entsteht fast Zuneigung, die jedoch ganz schnell wieder eingerissen wird. Und so hält der Roman die Waage zwischen Verstehen und Entsetzen über das Geschilderte. Die kurze, aber doch deutliche Sprache gibt dem Roman zudem an den richtigen Stellen das gewisse Erzähltempo.

Zusammenfassend kann ich dieses Buch allen empfehlen, die gerne den etwas härteren Tonfall in der Literatur mögen und sich für Außenseitergeschichten interessieren. Dieser Roman fesselt einen auf eine ganz besondere Art und Weise und es ist ein wunderbares Debüt.

Wertung: 🐧🐧🐧🐧

Unbezahlte Werbung aus Liebe zum Buch

Philipp Winkler:

Hool

Aufbau Verlag

ISBN: 978-3-7466-3395-4

Preis: 12,00€

Hool (aufbau-verlag.de)

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Ein Theateralbtraum in der Provinz

Herbert Fritsch inszeniert Thomas Bernhards „Der Theatermacher“ am Schauspiel in Frankfurt mit viel Humor und Slapstick, sowie einem überragenden Wolfram Koch

Der Applaus fällt nach diesem Theaterabend im Frankfurter Schauspiel etwas lauter und länger aus, viel zu lang haben viele der Anwesenden darauf gewartet, wieder Theater in Präsenz erleben zu dürfen. Das Ganze findet zwar mit Maske aber dafür im gefüllten Saal statt. Und verdient ist der Applaus auch für das Ensemble rund um Wolfram Koch. Gerade letzterer war auch ein Grund für meinen Besuch, da ich ihn bisher noch nicht live erleben durfte. Kombiniert mit Thomas Bernhard musste mir dieser Abend einfach gefallen.

Meine Freude endlich wieder im Theater zu sitzen hielt über das gesamte Stück an, dass sicherlich für eine Rückkehr ins Bühnenpublikum auch gut geeignet war. Herbert Fritsch inszeniert dieses Stück rund um den als Theatermacher agierenden Wolfram Koch. Zweieinhalb Stunden zetert, dramatisiert dieser und stellt das Ego des großen Schauspielers Bruscon heraus. Die Energie, welche Koch dabei auf die Bühne bringt, beeindruckt mich sichtlich. Dieser muss nun in der Provinz sein Können zeigen und hat im Gepäck seine Frau (gespielt von Irina Wrona) und seine Tochter (Annie Nowak) und den mit gebrochenem Arm geschädigten Sohn (Fridolin Sandmeyer). In vergilbten Kostümen agiert die Theaterfamilie, die unter dem dominanten Regievater zu leiden hat. Bruscon übertreibt in seiner Kritik des familiären Talents und muss immer wieder auch erkennen, dass er auf diese Mitstreiter angewiesen ist, möchte er seine Kunst nicht aufgeben. Es ist wirklich köstlich, wie Bruscon zwischen Verachtung und Zuneigung wechselt, doch am Ende bleibt ein Familienpatriarch, den man in dieser Rolle nicht mögen kann.

 Das Bühnenbild zeigt eine Gastwirtschaft, in welcher der Wirt (Sebastian Kuschmann und Sebastian Reiß) mit seiner Frau (Anna Kubin) darum bemüht ist, den großen Star zufrieden zu stellen. Doch schon die Räumlichkeiten mit bedrohlichen Hirschgeweihen an den Wänden zeigen alles andere als eine ästhetische Theaterbühne. Die Wirtsleute in Dirndltracht markieren zudem, dass hier der provinzielle Albtraum herrscht. Bruscon setzt dem ein die Welt erklärendes Drama entgegen und diese Gegensätze tragen das Stück. Mit Slapstickeinlagen wütet sich Wolfram Koch durch die Kulisse und sorgt auch damit für einige Lacher, passend dazu noch Bernhards Grantlerton, der in manchen Stellen einen deutlichen Anachronismus, jedoch mit der nötigen Portion Humor bietet. Das Bühnebild hat zudem noch Pappstühle, die zu Slapstickeinlagen förmlich einladen.

Herbert Fritsch präsentiert uns im Theatermacher einen Besessenen, jedoch nicht nur von der Kunst, sondern vor allem auch von sich selbst. Diese Komödie reflektiert das Theatergeschäft und macht deutlich, dass es auch zu einem Aufeinanderprallen unterschiedlicher Kulturen kommen kann. Die Kraft die das Stück daraus schöpft, ist jene der Gegenüberstellung und durch die Übertreibungen bleibt vor allem eines, nichts soll man so ernst nehmen, dass man darüber nicht lachen könnte.

Wolfram Koch hat mich in seinen Bann gezogen und so kann ich jedem nur empfehlen den Weg nach Frankfurt zu finden und diesen Bühnenathlet einmal live zu erleben. Das Stück von Thomas Bernhard kann ich tatsächlich auch Personen empfehlen, die ansonsten nicht so viel Theater schauen.

Also schaut Euch den Kalender an und wählt ein passendes Stück und auf ins Theater!

https://www.schauspielfrankfurt.de/spielplan/kalender/

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Kultur in der Coronakrise

Überlegungen zur Bedeutung der Kultur in unserer Gesellschaft

Sicherlich hat man es schon dem ein oder anderen Beitrag auf diesem Blog angemerkt: Aus meiner Sicht hat die Pandemie mit ihren politischen Auswirkungen den Kulturbetrieb ernsthaft gefährdet.

Mir ging es dabei nicht um die politische Notwendigkeit die Gesundheit der Bevölkerung voranzustellen, sondern dass die Einschränkungen im des Kulturbetriebes ohne jedwede Diskussion vorangetrieben wurden. Nicht in wenigen Gesprächen war zu hören, dass es sich bei Kultur um reine Freizeitbeschäftigung handelt. Diese Art der Diskussionsführung macht mir noch heute Sorgen, denn es verkennt die Bedeutung von Kultur für unser Zusammenleben. Damit einher ging auch das Abwürgen jedweder Debatten, die teilweise auch aus dem Kulturbetrieb angeregt wurden. Nicht das ich die Aktionen für gutheißen würde und geeignet, aber grundsätzlich ging es oftmals auch darum keinerlei Debatte zu führen.

Als ich im Zeitschriftenladen, dann dieses rote Heft mit dem Titel „Gibt es Welt ohne Kunst?“ entdeckt habe, wusste ich, dass ich einen Blick hineinwerfen muss. Hatte ich die vergangenen Wochen wenig Lust zum Lesen, so hat mich das Nachdenken über den Kulturbetrieb heute in einen Kultursonntag mit Lesen geführt. Ich möchte meinen Blog zukünftig als Kulturblog etablieren und auch die damit verbundene Vielfalt abbilden. Genauso sollen Debatten Teil des Blogs sein, wobei ich mich nicht in philosophischen oder ästhetischen Grundsatzdiskussionen verlieren möchte.

Ausgangspunkt dieser nun beginnenden Textreihe ist besagtes rotes Magazin, welches seinen Ausgangspunkt in einem Essay von Daniel Kühnel, Intendant der Hamburger Symphoniker, mit dem Titel „Vom tätigen Kulturleben. Ein Kommentar zur gegenwärtigen Krise des Kulturbetriebs“.

Mir gefallen die Gedanken, die sich in diesem Text teilweise zeigen und ich nehme sie gerne als Grundlage für ein weiteres Nachdenken. Kühnel stellt zunächst einmal eine Krise fest und konstatiert, dass es auch keine große Debatte um den Kulturbetrieb und seinen Lockdown gab, auch die finanziellen Hilfen mussten hart erkämpft werden. Woran dies liegen kann? Auch darüber macht sich Kühnel Gedanken und hat sicherlich nicht gänzlich unrecht. Insgesamt unterliegen alle gesellschaftlichen Bereiche einem neoliberalen Grunddenken und so gilt dies auch für Kulturförderung. Die Relevanz ergibt sich somit aus der Anzahl der Besucher*Innen. Eine gefährliche Betrachtungsweise, da es auch die Vielfalt unserer Kultur gefährden würde. Dies bedeutet natürlich nicht, dass öffentliche Kulturförderung ohne irgendwelche Grundsätze auskommen kann.

Kultur muss ihrer Relevanz beweisen, anders als der Bankensektor in der Finanzkrise, wird dieser nicht einfach zugestanden. Doch was macht die Relevanz von Kultur aus?

Bevor ich hier weitere Gedanken ausführe stelle ich Euch die Frage:

Warum brauchen wir als Gesellschaft Kultur, welche Funktion hat sie? Was bedeutet dies für Euch persönlich?

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Rammstedt, Tilmann: Der Kaiser von China – Rezension

Eine imaginäre Familienreise mit Sogcharakter

Es gibt Bücher, die werden einen ein ganzes Leben lang begleiten, weil sie einen unglaublich begeistert haben, weil sie so zeitlos sind, dass man sie immer wieder lesen kann oder man besondere Lesemomente mit ihnen verknüpft. Eines dieser Bücher ist für mich Tilmann Rammstedt „Der Kaiser von China“.

Manchmal ist es die Erinnerung an dieses Buch, die mich wieder zum Lesen motiviert oder wie nun auch zum Schreiben einer Rezension.

Was macht dieses Buch für mich so besonders?

Tilmann Rammstedt bringt mich mit dieser irren Geschichte über einen jungen Mann, der seiner Familie von einer imaginären Reise mit dem Großvater durch China berichtet, an ganz vielen Stellen zum Schmunzeln und richtig zum Lachen. Das Buch hat beim Lesen sofort einen Sogcharakter entwickelt und mich damit auch in seinen Bann gezogen. Geschafft hat es dies, in dem es eine ganz andere Art Reiseroman ist. Schließlich wird hier nicht von einer realen Reise berichtet, sondern die Hauptfigur imaginiert eine Reise.

Um was geht es ?

Hintergrund der Reise ist, dass Keith das kürzeste Streichholz gezogen hat und somit von seinen Geschwistern dazu auserkoren wird, mit dem Großvater eine Reise zu unternehmen. Allerdings ist Keith daran wenig interessiert, schließlich ist er mit Franziska liiert, die vorher wohl auch mit dem Großvater zusammen war. Mit dieser hat er das gesamte Reisegeld im Casino verloren und schickt seinen Großvater deshalb alleine auf Reisen. Von Schamgefühl durchaus geplagt, möchte Keith gegenüber seinen Geschwistern den Schein wahren und beginnt fiktive Postkarten von einer gemeinsamen Reise mit dem Großvater nach China zu berichten.

Mein Eindruck vom Buch

Auch wenn die gesamte Konstellation etwas absurd anmutet, es ist genau das Momentum, aus dem der Roman seine heiter-melancholische Art schöpft. Als der Großvater kurz darauf stirbt, ist es für Keith fast nicht mehr möglich die Wahrheit zu erzählen. Während der Großvater in Deutschland reist, sitzt Keith unter seinem Schreibtisch und erfindet gemeinsame Reiseerlebnisse im fremden und weit entfernten China.

Mich reizt diese Konstruktion einer modernen Lügengeschichte, die Fiktion und Realität miteinander verschränkt und auch absurde Szenen spielend leicht integriert. China baut sich Keith nach Reiseführern und eigenen Vorstellungen zusammen und lässt seinen Großvater in den Postkarten als einen lebensfrohen und mutigen Mann erscheinen. Unterstützt wird das bei mir entstehende Bild des Großvaters durch eine meiner Lieblingsszenen. In dieser berichtet Keith von einer Erinnerung und einem Friedhofsbesuch mit dem Großvater, bei dem dieser die Gräber abgeht und es jedes Mal vonnöten sieht darauf aufmerksam zu machen, dass die Personen jünger gestorben sein. Es mutet makaber an, zeigt aber für mich vor allem, dass die von Keith geschilderte Person sein Leben schätzt und gleichzeitig sicherlich nicht zu den einfühlsamsten Menschen zählt. Ich musste an dieser Stelle auch aufgrund der Erzählweise herzhaft lachen und diese Stimmung transportiert der Roman über seine gesamte Länge.

In seinen Erzählungen über den Großvater drückt sich auch die Zuneigung aus, welche die Beiden durchaus auch zueinander verspüren und das Keith seinen Großvater schätzt. Selten habe ich eine raffiniertere Form der erinnernden Wertschätzung gelesen. Nicht nur deshalb greife ich immer wieder auf diesen Roman zurück, wenn ich mal wieder etwas Heiteres lesen möchte, was zudem nicht nur plumpe Witze macht, sondern einen intelligenten Witz in sich trägt.

Tilmann Rammstedt ist Bachmann-Preisträger 2008 und schon sein damaliger Auftritt begeisterte mich, später durfte ich den Autor auch noch im Rahmen meines Studiums persönlich kennenlernen und bin seitdem begeisterter Leser all seiner Bücher. Seine Bücher haben einen frischen, manchmal nachdenklichen, mich immer wieder begeisternden Tonfall.

Wer einen komischen Roman sucht, der mit seiner melancholischen Art für gute Laune sorgt, der kann an diesem Buch nicht vorbei. Deshalb meine klare Empfehlung, greift zu diesem Buch, es wird Euch hoffentlich genauso viel Freude bereiten wie mir.

Wertung: 🐧🐧🐧🐧 🐧

Unbezahlte Werbung aus Liebe zum Buch

Tilmann Rammstedt:

Der Kaiser von China

Dumont Buchverlag

ISBN: 978-3-8321-8074-4

Preis: 17,00€

Der Kaiser von China – (Tilman Rammstedt) – 978-3-8321-8074-4 | DuMont Buchverlag (dumont-buchverlag.de)

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Seghers, Jan: Der Solist – Rezension

Ein Einzelgänger in neuem Nest

Die Kommissar Marthaler Romane von Jan Seghers erfreuen sich großer Beliebtheit unter Krimifans und haben sogar den Weg als Verfilmungen ins deutsche TV gefunden. Ich bin ebenfalls großer Fan dieser Reihe und muss sie irgendwann auf diesem Blog auch mal vorstellen. Heute soll es aber um den neusten Roman des Autors gehen, mit dem Titel „Der Solist“. In diesem werden Fakten rund um den Fall Anis Amri mit fiktiven Ereignissen verbunden. Die neue Hauptfigur ist nur durch ihren Nachnamen Neuhaus benannt und wird nach Berlin in die Sondereinheit Terrorabwehr geschickt. Dort soll er helfen einen Mord aufzuklären, welcher womöglich antisemitischen Hintergrund hat und Verdachtsmomente eines Terroranschlages aufweist.

Mein Eindruck vom Buch:

Mit „Der Solist“ startet Jan Seghers eine neue Krimireihe, zumindest deutet dies das Ende dieses Romans äußerst deutlich an. Seghers verwebt reale Ereignisse in seinen Roman hinein und nutzt die Gedanken seiner Leserschaft zu diesen realen Hintergründen als Spannungselement. Auch bei mir hat dies gut funktioniert. Über Anis Amri und die Versäumnisse deutscher Behörden haben sicherlich viele durch die mediale Berichterstattung gehört und Seghers knüpft daran an. Neuhaus wird nicht nur wegen seiner Qualität nach Berlin entsandt, sondern vor allem auch als Sonderermittler, der herausfinden soll, was intern schief gelaufen ist. Passender als mit dem Wort „Solist“ könnte Seghers seine Hauptfigur nicht bezeichnen. Zum einen ergibt sich sein Einzelgängertum durch die geheimen internen Ermittlungen, zum anderen entspricht dies seiner Arbeitsweise und seinem Charakter. Neuhaus gibt sich unnahbar, wobei die ihm zugeteilte Kollegin Suna-Marie in der Lage ist, seine harte Schale zu durchbrechen. Ihr beginnt er zu vertrauen und im Gegenzug weist ihn  die türkischstämmige Ermittlerin in die Geheimnisse Berlins ein.

Schon bald nach dem ersten Opfer gibt es ein zweites und wieder gibt es Hinweise auf den Fall Anis Amri. Schwierig ist es jedoch die Gemeinsamkeiten der Opfer herauszustellen. Erschwert werden die Ermittlungen durch den Druck, der auf den Behörden lastet. Im September ist Bundestagswahl und eine aufstrebende rechtsgerichtete Partei nutzt die mediale Aufmerksamkeit durch die Mordfälle.

Spannend inszenierte Ermittlungsarbeit

Fokus des schmalen Romans ist die Ermittlungsarbeit und vor allem der Schwerpunkt auf dem Ermittler Neuhaus. Wir folgen ihm bei seinen Nachfragen bei den jeweiligen Zeugen, erfahren wie er die Akten studiert und wie er den Kolleg*Innen Informationen entlockt. Seghers lässt die Figuren erzählen, der Roman hat große Dialoganteile. Dabei wird die Kommunikation auf das Nötigste konzentriert, sodass mit kurzen Dialogen viele Informationen weitergegeben werden. Diese verbinden sich dann im Kopf mit Sachen, die man über Anis Amri in irgendeinem Medium gelesen hat.

Neuhaus und Suna-Marie unterhalten sich aber auch über die Polizeiarbeit und geben so Einblick in einen Alltag, der allerdings durchaus eigenwillige Aspekte zeigt. Neuhaus zeichnet ein äußerst negatives Bild des Polizeiapparats. Der Roman verknüpft viele Punkte miteinander und geht mir an der ein oder anderen Stelle auch einen Schritt zu weit. Trotzdem lese ich einen äußerst gelungenen Krimi, dessen sprachliche Präzision so gut ist, dass man das Buch in einem Sog durchlesen möchte. Spannung, gute Recherche und der Fokus auf die Figurendialoge machen diesen Krimi aus.

Und Neuhaus wandte den Blick vom Goldenen Adler ab und sah in den Mond, unter dem ein Schwarm Wildgänse gen Süden flog.

Seghers, Jan: Der Solis, S.230 Rowohlt Verlag 2021.

Über diesen letzten Satz freue ich mich, denn zuvor wird deutlich, dass Jan Seghers mit seiner Figur weitermachen möchte. Der Krimi gibt Hinweise, dass es lohnenswert sein wird sich mit Neuhaus und seiner familiären Vergangenheit weiter auseinanderzusetzen. Mich fasziniert diese Ermittlerfigur und so ziehe ich ein positives Fazit zur Lektüre. Jan Seghers beweist erneut, dass er zu den führenden Krimiautoren hierzulande gehört. Spannung trifft auf solide Hintergrundrecherche, gesellschaftliche Relevanz und sprachliche Klasse. Ich habe deshalb einen guten Thriller gelesen, der aufgreift, dass wir uns mit Rechtstendenzen in der Gesellschaft beschäftigen müssen. Für alle Seghers-Fans ein Muss und wer den Autor neu entdecken möchte und gerne anspruchsvollere Krimis liest, die auch gut unterhalten, der sollte ebenfalls zugreifen.

Wertung: 🐧🐧🐧🐧

Unbezahlte Werbung aus Liebe zum Buch

Jan Seghers:

Der Solist

Rowohlt Verlag

ISBN: 978-3-498-05848-7

Preis: 20,00€

Der Solist – Jan Seghers | Rowohlt

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Busse, Tanja: Das Sterben der anderen – Rezension

Das Artensterben ernst nehmen

Heute ist Weltumwelttag, ein Tag, an dem wir uns alle an die Schönheit der Natur erinnern sollten, ein Tag an dem wir unseren Lebensmitteln besonderen Respekt entgegen bringen sollten. Ein Tag an dem wir uns nochmals deutlich machen sollten, dass wir dankbar für das Leben auf diesem Planeten sein sollten, aber deshalb auch seine Grenzen respektieren müssen.

All das sind Dinge, die in meinem Leben lange Zeit keine Rolle gespielt haben. Aufgewachsen in einer Welt des Überflusses habe ich mir darüber wenig Gedanken gemacht. Erst durch Veranstaltungen, Kontakt zu Naturschützern und vor allem durchs Lesen habe ich begonnen mich für den Naturschutz zu interessieren. Ein besonderes Buch aus dem Jahr 2019 möchte ich heute auf meinem Blog vorstellen. Ein Buch, dass bei meinem zweiten Hobby dazu geführt hat, dass ich mich politisch nun im Umweltbereich engagiere. Geschrieben hat dieses Buch Tanja Busse, die in „Das Sterben der anderen“ eine eindrückliche Botschaft aussendet: Wir müssen etwas für den Artenschutz machen und so darf es nicht weitergehen. Anschaulich erklärt die Autorin, wie lange das Problem ignoriert wurde, wie bedrohlich die Situation ist und berichtet von erfolgreichen Projekten, aber auch den Problemen unserer politischen Rahmenbedingungen.

Mein Eindruck vom Buch:

Schon nach meinen einleitenden Worten wird jedem klar sein, dass mich dieses Buch beeindruckt hat. Ausgangspunkt der Arbeit ist die Frage „Mama, was ist das für ein Geräusch?“, von Tanja Busses Sohn, weil er noch nie eine Heuschrecke zirpen gehört hat. Es entsteht ein Alarmgefühl, da man den nachkommenden Generationen nicht erklären möchte, warum es so und so viele Tiere nicht mehr geben wird. Die Autorin beginnt zu recherchieren und berichtet davon, wie lange die Probleme der Biodiversität ignoriert wurden. Als Problem wird dabei vor allem unsere Art des Wirtschaftens identifiziert. Ebenfalls keine neue Erkenntnis, aber je öfter man über die Ignoranz der Wissenschaftler liest, desto erschreckender blickt man auf die Vergangenheit zurück.

Beeindruckt haben mich ihre Schilderungen über den Entomologischen Verein Krefeld, der mit Beobachtungen über das Insektensterben die Welt wachrüttelte, aber gegen viele Hindernisse antreten musste. Als „Hobbybeobachter“ verunglimpft, wollte ihre beeindruckende Studie über das Sterben der Arten nicht jeder ernst nehmen. Nur die „wahre Wissenschaft“ könne hier Antworten liefern und tat es dann im Anschluss auch. Der Anstoß waren jedoch die Entomologen aus Krefeld und mittlerweile sollte uns allen bewusst werden, dass wir Zeugen eines Massensterbens sind.

Reise durch die Herausforderungen

Busse bereist die Republik, führt Gespräche und sucht vor allem nicht irgendwelche Einzelschuldigen, sondern die Verantwortung in unserem Zusammenleben, unseren gesellschaftlichen Strukturen und unserem politischen System. Sie kritisiert Medien für ihre Berichterstattung, die lange Zeit das Problem nicht ernst genommen haben und auch keinen Raum für positive Beispiele für Maßnahmen für den Klimaschutz oder die Biodiversität bieten. Tanja Busse gibt Landwirten die Möglichkeit, sich in ihrem Buch zu erklären. Deutlich wird der Druck auf die Lebensmittelproduktion, da wir als Konsumenten uns auch nicht an regionale Verfügbarkeiten gewöhnen wollen und auch das Fleisch immer schön günstig sein soll. Zudem weist sie die Schwächen von Subventionssystemen nach, die vor allem große landwirtschaftliche Betriebe bevorzugen, den mangelnden Schutz für Biobauern und macht deutlich, dass Naturschutzverbände und Landwirtschaft gemeinsam agieren müssen, um etwas zu erreichen.  

Der Schutz, den unser Rechtssystem ihnen gewährt, muss so weit reichen wie die Gefährdung, die wir ihnen zumuten.

Busse, Tanja: Das Sterben der anderen, S.374 Blessing Verlag 1. Auflage 2019.

Dieses Zitat vom Ende des Buches geht darauf ein, dass wir in unserer Art des Lebens sehr wenig Rücksicht auf die Rechte anderer Arten nehmen. Tanja Busse plädiert dafür, dass wir endlich begreifen, dass durch das Sterben der „Anderen“ auch unser eigenes Biosystem bedroht ist. Wir können nicht weiter ohne Rücksicht auf dieses Massensterben leben und müssen uns vom Gedanken lösen, dass wir die Natur domestizieren und kontrollieren können. Wir stehen nicht über unserer Umwelt, sondern sind Teil eines gesamten Biosystems. Es braucht eine Gesellschaft die bereit ist, solidarisch die Herausforderungen der Zukunft zu gestalten und auch so zu finanzieren, dass wir nicht mehr auf Kosten anderer leben. Es geht um den Naturschutz weltweit und nicht nur hierzulande und dabei sollten wir niemanden abhängen. Die Lösungen sollten nicht genmanipulierte Ernährungsvorhaben sein, sondern eine Rückbesinnung darauf, dass wir auf eine funktionierende Natur angewiesen sind.

Mein Fazit dieses Buches ist, dass ich ein Sachbuch gelesen habe, dass verständlich und eindrucksvoll über das Sterben der Arten berichtet. Die Autorin hat gut recherchiert, umfassende Quellenangaben machen weitere Lektüren möglich. Stärke ist ganz klar, dass sie uns alle zur Verantwortung aufruft und nicht einzelne Schuldige sucht. Es ist zu simpel nur Landwirtschaft oder Politik für schuldig zu erklären, sondern wir alle müssen mit unserem Verhalten helfen. Eine Patentlösung bietet sie nicht an, räumt aber auch mit dem Urteil auf, nur hier vor Ort könne man nichts bewegen. Nein, genau in kommunalen Lösungen kann ein Zukunftsweg liegen. All dies wird anhand von Beispiel und eigenen Recherchen untermauert und so entsteht ein Sachbuch zum Mitdenken und Mitwirken und genau solche Bücher bereichern den Sachbuchmarkt.

Wertung: 🐧🐧🐧🐧🐧

Unbezahlte Werbung aus Liebe zum Buch

Tanja Busse:

Das Sterben der anderen

Blessing Verlag

ISBN: 978-3-89667-592-7

Preis: 18,00€

Tanja Busse: Das Sterben der anderen. Blessing Verlag (Paperback ) (penguinrandomhouse.de)

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Hermann, Judith: Daheim – Rezension

Melancholisch die Facetten des Lebens betrachten

Von Judith Hermann habe ich bisher nur zwei Geschichten aus ihrem bekannten Erzählungsband „Sommerhaus später“ gelesen, da mich die Themen ihrer Bücher nie besonders angesprochen haben. Mit ihrem neuen Roman „Daheim“ war sie für den diesjährigen Leipziger Buchpreis nominiert und auch aufgrund der vielen positiven Besprechungen hat dieses Buch den Weg zu mir gefunden. In diesem Werk erzählt Hermann in melancholischen Tönen von einer Frau, die im Norden versucht einen Neuanfang zu starten. Es geht um Erinnerungen und den Mut sich auf neue Dinge einzulassen und dies in einer Welt, die zu bruchstückhaft erscheint, um ein neues Heimatgefühl zu erzeugen. Meine erste längere Erfahrung mit Hermann hat mich zunächst aufgefordert, sich auf den Schreibstil einzulassen und sprachlich bietet das Buch durchaus besondere Highlights. Etwas unklarer blieb für mich die Frage, was ich mit dem Plot anfangen soll und so habe ich mir für diese Rezension auch ein Gespräch mit der Autorin im Deutschlandfunk angehört.

Mein Eindruck vom Buch:

Das Lob in den deutschen Feuilletons war groß und stellte immer auch die sprachliche Qualität heraus, aber auch, dass Hermann nun den passenden Stoff für ihren melancholischen Tonfall gefunden habe. Die Szenerie des Buches zeigt uns eine Frau, Mitte/Ende 40, die an der norddeutschen Küste einen Neuanfang wagt. Nach dem Auszug der Tochter trennt sie sich von ihrem Mann und fängt im Norden in der Gaststätte ihre Bruders als Kellnerin an. Die Figuren des Romans sind allesamt eigen, bleiben auch beim Lesen unnahbar. Es ist ihr Auftreten und Handeln, dass für sie spricht. Die Handlung verschränkt aus meiner Sicht verschiedene Aspekte. Zum einen die Erinnerungen an ein Leben, dass einer klassischen Familiensituation entspricht und die Erinnerungen an das Leben vor der Ehe und den Möglichkeiten sich zu entfalten. Zum anderen die neue Situation an der norddeutschen Küste und die Tochter, die sich meist nur über die Angabe von GPS Daten meldet und somit auch ein Freiheitsgefühl symbolisiert. Diese Aspekte werden ohne Wertungen nebeneinander gestellt und sind damit auch das Abbild eines Lebens und all seinen Facetten. Unterstützt wird jene Wirkung auch durch die Lücken in den Figurenbeziehungen, nicht alles wird auserzählt, sondern man muss sich als Leser*In mit diesen Lücken auseinandersetzen.

Begeisterung durch Sprache und Motive

Mich hat diese Auseinandersetzung nicht packen können, die Figuren blieben mir zu mysteriös, sodass ich mich nicht mit ihnen auseinandersetzen wollte. Sei es die Erzählerin, der Bauer Arild mit dem sie eine Affäre hat oder Nike, die Freundin des Bruders, alles bleibt vage. Da dies aus meiner Sicht Grundintention des Buches ist, kann und will ich dies der Machart des Romans nicht vorwerfen. Es ist sicherlich Geschmackssache, wenn ich mit dieser Art der Darstellung kein Lesevergnügen verbinde. Begeistert hat mich der Roman somit weniger mit seinem Plot und seinen Figuren sondern mit der sprachlichen Gestaltung und immer wiederkehrenden Motiven. Zu nennen wäre hier zunächst das Motiv der Kiste. Zunächst als Zauberkiste auftauchend, da sie als junge Frau von einem Zauberer als Assistenz angefragt wird, dann nochmals als Maderfalle und als Kindheitstrauma von Nike. In diesem Motiv zeigt sich für mich die oftmalige Beschränktheit des eigenen Lebens. In der Überlegung diese Stelle beim Zauberer anzunehmen zeigt sich auch die Wahl sein Leben zu führen. Entspricht sie dem Wunsch des Zauberers erhält sie die Möglichkeit die Welt zu bereisen, gleichzeitig assistiert sie beim Trick mit dem Zersägen einer Kiste und das Legen in diese Kiste ist zugleich wieder einschränkend. Das Abwägen zwischen Möglichkeiten durchziehen das Buch. Immer wieder erinnert sie sich an das vorherige Leben, in dem die klassischen Familienrollen eingenommen wurden. An der Küste sind es Arild und seine Schwester, welche die Erzählerin auffordern sich auf Neues einzulassen. Nie wird sprachlich der Erinnerung oder dem Jetzt der Vorteil zugesprochen.

Dieser Roman zeigt uns eigene Figuren auf dem Land, die trotz ihrer Eigenheiten zueinander finden und eine Gemeinschaft entstehen lassen. Jene funktioniert ganz anders als die der Erzählerin bekannte Familie. Die Stärke des Buches sind die sprachlichen Bilder, die in der zu schildernden einfachen Szenerie sprachliche Schönheit herausstellen.

Dann beuge ich mich vor, atme ein und mache die Falle auf.

Hermann, Judith: Daheim, S.189 S.Fischer Verlag 3. Auflage 2021.

So ähnlich wie dieses Zitat funktioniert der Roman, man muss sich auf ihn und seine Stimmung einlassen, die Lücken akzeptieren, die mysteriösen Figuren begreifen und so in die norddeutsche Landschaft eintauchen. Lässt man sich auf die Stilistik der Autorin ein, wird man sich an diesem Buch begeistern können. Ich kann nachvollziehen, warum dieser Roman gelobt wird, da er seine Themen mit sprachlicher Ästhetik verbindet und Hermann einen passenden melancholischen Tonfall anbietet.

Mein Fazit ist keine überschwängliche Leseempfehlung, denn auch bei mir haben nicht alle Aspekte des Romans Interesse geweckt. Herauszustellen ist die präzise Sprache, die wirklich ohne Wertungen auskommt. Die Szenen lassen Bilder im Kopf entstehen, die aber leider oftmals in Leerstellen laufen. Ich halte Hermann für eine tolle Autorin und so empfehle ich dieses Buch allen Leseratten, die sich an melancholischer Sprache und einem mysteriös daherkommenden Umfeld erfreuen und gehaltvolle Gegenwartsliteratur schätzen. Bei mir verbleibt ein durchwachsener Eindruck, der aber vielleicht auch ein Zweites Lesen notwendig macht.

Wertung: 🐧🐧🐧1/2🐧

Unbezahlte Werbung aus Liebe zum Buch

Judith Hermann:

Daheim

S. Fischer Verlag

ISBN: 978-3-10-397035-7

Preis: 21,00€

Daheim – Judith Hermann | S. Fischer Verlage