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Auf der Suche nach passenden Büchern für meine Frühjahrsempfehlungen möchte ich natürlich auch Romane des Spannungsgenres rezensieren. Bei dieser Suche bin ich auf den Roman „Die Mündung“ von Tim Pieper, erschienen im Emons Verlag, gestoßen. Für das Frühjahr finde ich, dass ein Titel mit Handlungsort im hohen Norden passen könnte. Zwar spielt er in der rauen Küstenlandschaft und auf Nordseeinseln, aber zumindest Lust auf Urlaub verspüre ich ebenfalls bei den Krimilektüren. Tim Pieper hat vor allem Havel-Krimis geschrieben und hat sich mit diesem Roman in Richtung Psychothriller orientiert. Dadurch atmet dieses Werk weniger den Charakter eines Regionalkrimis.
„Der Gedanke war unerträglich, doch am meisten belastete Lena, dass sie alle Möglichkeiten ausgeschöpft hatte und nicht weiterwusste.“
Pieper, Tim: Die Mündung, Emons Verlag 2025, S.16.
Im Mittelpunkt des Romans steht Kriminalkommissarin Lena Funk. Ihr Leben ist durch die Ermordung ihrer Schwester durch den „Gezeitenmörder“ aus dem Ruder gelaufen. Lena hat diesen Verlust nicht verarbeitet, zudem gibt ihr Vater ihr eine Mitschuld. Sie zieht sich vom Trauma geprägt auf die Insel Scharhörn zurück. Sie wünscht sich eigentlich Abstand von ihrem Job, doch nach einem schweren Sturm wird eine Leiche angespült. In den Händen hält sie diese Gegenstände, welche Lena sofort als diejenigen von Opfern des Gezeitenmörders erkennt. Für Lena bedeuten diese Geschehnisse eine neue Chance, den Mörder ihrer Schwester zu stellen. Nachdem Lena ihre Kollegen herbeigeholt hat, stellen sich bei ihr Zweifel an ihren jüngsten Erlebnissen ein. Immer wieder muss sie Flashbacks verarbeiten und erkennen, dass ihre jüngsten Erlebnisse nicht alle der Realität entsprechen. Es entstehen verstörende Szenen für Lena und ihre Wahrnehmungen scheinen ineinander zu verschwimmen. Sie muss dabei erkennen, dass sie auch bei der Polizei nicht jedem trauen kann. Sie beginnt ihre eigenen Ermittlungen und entwickelt den Verdacht, dass ihre Schwester vielleicht gar kein Opfer des Gezeitenmörders geworden ist, sondern wegen ihrer Arbeit sterben musste.
„Lena, sieh mich an und hör mir jetzt gut zu. Die nächsten Wochen werden hart, vielleicht verzweifelst du und fragst dich, ob ich noch auf deiner Seite stehe.“
Pieper, Tim: Die Mündung, Emons Verlag 2025, S.75.
Lena muss sich bei ihren Ermittlungen gegen den Willen ihrer Kollegen durchsetzen. Zugleich offenbart sich ihr, dass sie nur schwer zwischen Realität und falschen Erinnerungen unterscheiden kann. Tim Pieper wählt hierfür intensive Schilderungen und so sind wir immer nah an der Hauptfigur und müssen mit ihr die Zweideutigkeiten der Geschehnisse erkennen. Pieper transportiert damit eine durchgehende Unsicherheit, die aber auch spannungsfördernd wirkt. Es bleibt in diesem Roman lange unklar, welche Hintergründe die Geschehnisse antreiben. Lena stellt sich bei ihren Ermittlungen auch der eigenen Vergangenheit und muss verarbeiten, dass ihr Vater und weitere Personen aus ihrer Heimat sich distanzieren. Pieper entfaltet ein Netz aus Geheimnissen mit psychologischen Manipulationen. Durch die Schilderungen fragmentierter Erinnerungen werden auch reale Erlebnisse immer wieder durchbrochen. Für Spannung sorgen die Perspektivwechsel, welche auch an der Zuverlässigkeit von Lena weiter zweifeln lassen. Ebenso ist die Küstenlandschaft ein guter Schauplatz. Bewusst habe ich mich auch aufgrund der hier zu erwartenden Atmosphäre für diesen Roman entschieden, und die passt auch bei diesem Buch. Gestützt wird diese Atmosphäre durch die Herausforderungen, welche Lena überstehen muss. Sie muss psychisch und physisch vieles verarbeiten, und somit gleichen die Ermittlungen ebenso einem Kampf gegen sich selbst. Beharrlich bleibt sie ihrem Weg treu und beeindruckt damit beim Lesen.
„Unwissen ist oft der beste Schutz.“
Pieper, Tim: Die Mündung, Emons Verlag 2025, S.109.
Mit diesem Zitat wird den Geschehnissen rund um Lena eine ambivalente Funktion eingeschrieben. Die düstere Thrillerkulisse mit den traumatischen Erfahrungen sorgt für die Verdrängung von Realität. Oftmals geschieht dies bei Opfern, und so schützt sie ihre eigene Unwissenheit, verhindert aber auch das Verarbeiten der Geschehnisse. Der Roman hat die bisher aufgezeigten Stärken, aber es offenbaren sich ebenso Schwächen. Die zahlreichen Perspektivwechsel auch hinsichtlich der Frage, ob es sich um reale oder traumatische Erfahrungen handelt, sind beim Lesen anstrengend. Deshalb erfordert das Lesen hohe Konzentration und an manchen Stellen wirkt die Handlung überladen. Gerade wegen der hypnotischen und traumatischen Erfahrungen sind nicht nur die Figuren überfordert. Die Konzentration auf die Hauptfigur Lena lässt auch die weiteren Figuren blass erscheinen und reduziert sie auf eine Funktion. Letztere ist jedoch auch nicht bei allen Figuren klar. Sprachlich ist der Roman gut geschrieben und hat nur wenig schwächere Momente.
Fazit:
Mit diesem Buch wird die Leserschaft in eine düstere Küstenatmosphäre entführt und man kann sich in der rau geschilderten Gegend sofort die dramatischen Geschehnisse vorstellen. Die Mischung aus Motivhintergründen und Serienkillerthriller ist ein spannungstreibender Mix, allerdings überfrachtet dies den Plot an der ein oder anderen Stelle. Insgesamt entsteht jedoch ein spannender Roman, der in seinem Fokus auf die ermittelnde Hauptfigur zwar manche Figur vernachlässigt, aber uns unglaublich nah an die Ermittlerin heranbringt. Gegen Ende verliert der Text jedoch seine straffe Dramaturgie und verliert deshalb etwas an Qualität. Ich empfehle dieses Buch jedoch allen Fans von spannenden Geschichten an der Küste.
Werbung aus Liebe zum Buch
Wertung: 🐧🐧🐧🐧
Titel: Die Mündung
ISBN: 978-3-7408-2172-2
