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Passend zur Jahreszeit beschäftige ich mich bei meinem aktuellen Büchertisch mit Empfehlungen für die Frühlingsmonate. Ich greife in meiner Auswahl bewusst Titel aus den Frühjahrsprogrammen der letzten Jahre auf, deren Klappentext bei mir ein Frühlingsgefühl auslöst. Bei meinem Besuch der Leipziger Buchmesse 2025 gab es für einen Titel viel Lob, und dies war der Roman „Klapper“ von Kurt Prödel, erschienen bei Ullstein X. Prödel ist neben seiner Tätigkeit als Schriftsteller vor allem im Musikbusiness unterwegs, produzierte unter anderem für Money Boy Musikvideos und ist Mitglied der Punkband „The Screenshots“. Außerdem ist Prödel als Sidekick in der Late-Night-Show Studio Schmitt aufgetreten. Sein Roman wurde bei der lit.Cologne mit dem Debütpreis ausgezeichnet.
„Die ersten Schultage nach den Schulferien liefen immer gleich ab. Fake-Kellogg’s zum Frühstück, eine Wolke AXE Africa unter die alpinweißen Achseln, Hügel hoch, und dann saß da Bär. Kein einziges Wort, kein wirkliches Gespräch bisher, aber irgendwas war da. So eine stille Verbindung. Unterschiedlicher konnten sie eigentlich nicht sein, aber sie waren beide gleich abwesend.“
Prödel, Kurt: Klapper, Ullstein Verlag 2025, S.35.
Im Zentrum seines Buches steht der Teenager Thomas, der nach seinem Nachnamen den Spitznamen „Klapper“ erhalten hat. Klapper ist ein Außenseiter in der Schule, verbringt seine Freizeit am liebsten mit dem Computerspiel „Counter Strike“ und hat auf diese Weise auch seine Sommerferien verbracht. Der Roman erzählt rückblickend die Jugendzeit des Protagonisten. Aus seiner heutigen Zeit erfahren wir, dass er als IT-Sachbearbeiter tätig ist. Das Ende der Sommerferien markiert in seiner Jugendzeit die Rückkehr in die Schule, in der er mit Mobbing klarkommen muss und vor allem versucht, unsichtbar zu bleiben. Eine Wendung im Schulalltag bringt die neue Mitschülerin mit dem Spitznamen „Bär“. Sie hat ihren Spitznamen auch ihrer Körpergröße zu verdanken und tritt ganz anders als Klapper auf. Sie ist selbstbewusst, raucht und sucht schnell Kontakt, auch zu älteren Schülern. Gegenüber Klapper tritt sie ohne Vorurteile auf und beschützt ihn vor weiteren Mobbingattacken. Zwischen den beiden entwickelt sich daraufhin eine innigere Beziehung und sie stellen fest, dass sie beide Gaming schätzen. Bär entdeckt, dass Klapper ein Talent für IT-Programmierungen hat und er dies im Gestalten von Gaming-Maps für das Spiel „Counter Strike“ auslebt. Klapper beginnt daran zu arbeiten, Bär mit seiner Fähigkeit zu beeindrucken und tiefere Gefühle für sie zu entwickeln. Als sein Geburtstag ansteht, entscheiden sich seine Eltern, wegzufahren und ihm eine sturmfreie Bude zu überlassen. Klapper entscheidet sich mutig für eine Geburtstagsfeier und Bär bringt weitere Gaming-Interessierte zusammen, doch dann kommt es zu einem emotionalen Zwischenfall und im Nachgang zu einem einschneidenden Erlebnis.
„Das Feedback von Bär, ihre Begeisterung, ihr Leuchten, das machte mehr mit ihm, als es irgendein anonymer Kommentar im Counter-Strike-Forum je könnte. Das hier, das war echt.“
Prödel, Kurt: Klapper, Ullstein Verlag 2025, S.83.
Klappers Leben wird durch Bär auf den Kopf gestellt und er als Person mutig in eine andere Richtung gebracht. Er ist ein verletzlicher Junge, der aber auch damit klarkommen muss, dass seine Mutter psychologische Probleme hat. Sein Vater macht sich Gedanken um das Außenseiterdasein, wünscht sich aber vor allem einen Sohn, der dem „starker Mann“-Klischee entsprechen soll. In seiner Leidenschaft für Computerspiele und der Online-Community hat er eine soziale Rolle, die er sich im normalen Alltag nicht erarbeiten kann. In seinem Verhalten ist er allerdings ambivalent: Zum einen sehnt er sich nach Anerkennung, zum anderen flüchtet er sich immer wieder in die gewohnte Unsicherheit. Kurt Prödel schafft es, dieser Figur eine wunderbare Tiefe zu geben, sodass man ihm gerne folgt. Erst die neue Mitschülerin zeigt ihm auf, dass auch er sich ändern muss, wenn er wahrgenommen werden will. Das einschneidende Erlebnis des Romans hat zudem für den erwachsenen Klapper in der Verarbeitung Jahre später einen erneuten Effekt. In der Ausgestaltung des Romans mit den beiden Zeitebenen suchen wir gemeinsam mit der Hauptfigur in seinen Erinnerungen nach prägenden Momenten, und versuchen herauszufinden, inwieweit hier vielleicht auch Erinnerungen missinterpretiert werden. Als Leser:In nimmt man diese nie ausgesprochene Einladung zur Beurteilung der Erinnerungen automatisch an, und dies ist ein Kunstgriff des Buches. Bär ist eine emotionale Gegenfigur. Ihre Souveränität macht sie zum einen zu einer Sehnsuchtsfigur als Partnerin im sozialen Umfeld und zu einer Zielfigur für die eigene persönliche Entwicklung Klappers. Allerdings gibt der Roman auch auf die Nebenfigur einen Blick in schwierige Familienverhältnisse preis. Bei den Besuchen von Klapper scheint die Familie immer als funktionierend, doch eigentlich durchleben die Eltern schwierige Probleme und Bär ist immer wieder gezwungen, eine Elternrolle für seine Geschwister einzunehmen. Der Roman zeigt somit in Nebensträngen dysfunktionale Familienbilder und wie sich diese auf die jugendlichen Figuren auswirken. Dabei ist es Stärke des Buches, dass wir nicht Zeugen von „Küchenpsychologie“ werden und bewusst Kausalitäten nicht direkt gezogen werden, sondern die Figuren für sich stehen. Bärs Bedeutung für Klapper ist vor dem Hintergrund des Übergangs ins Erwachsenendasein nochmals zu betonen, denn sie zeigt sich in Situationen der Verantwortung stark, ist also in ihrem Prozess auch weiter. Trotzdem spürt man auch bei ihr, dass all die Geschehnisse nicht spurlos an ihr vorbeigehen. Gelungen ist an diesem Roman die Darstellung jugendlicher Lebenswirklichkeit. Gamingkultur sowie Popkultur mit Kollegah-Zitaten geben dem Buch eine authentische Frische. Es ist in diesem Roman eine wichtige Zeit im Leben eines Menschen, in der er sich überfordert und zugleich von Aufbruchsgefühlen herausgefordert fühlt. Die Gefühlswelten der beiden zentralen Figuren werden intensiv anschaulich und man folgt ihnen gerne durch ihre Alltagsabenteuer.
„Wie soll man glücklich sein, wenn man keine Energie hat, oder einfach irgendwas tun, wenn man keine Energie hat? Wie aufstehen, WhatsApp-Nachrichten beantworten oder Haare waschen? Um Energie zu schöpfen, brauchte man Energie. Das war ja ein normales, physikalisches Gesetz: Es gab ein Perpetuum mobile. Das war ja das Problem. Sie wollte einfach mit einem Ladekabel angeschlossen werden. Einen vollen Akku haben, wieder funktionieren. Der Mensch ist ein Gerät, aber mit Seele.“
Prödel, Kurt: Klapper, Ullstein Verlag 2025, S.136.
Der sprachliche Stil des Romans ist in der jugendlichen Perspektive authentisch, lässt erste Liebesgefühle nachvollziehbar erscheinen und hat doch für die ältere Leserschaft noch eine weitere Ebene. Prödel schafft es, mit Witz auf diese Zeit zu blicken und damit auch meine Erinnerungen wachzurufen und mir bei manch einer Szene des Romans deshalb ein Lächeln auf die Lippen zu zaubern. Dieser Roman schafft es, Tragik und Humor gleichermaßen zu bieten und deshalb Tiefsinn zu präsentieren. Etwas Abzug bringt aus meiner Sicht die Verhandlung des einschneidenden Erlebnisses und damit verbunden das Ende. Hier hätte ich mir eine klarere Antwort gewünscht, fühle mich ein wenig in ein Off entlassen, das ich nicht füllen kann. Trotzdem ist die Lektüre dieses Buches aufgrund der hohen sprachlichen Qualität und den liebenswerten Figuren ein Genuss und das Ergebnis von Prödels Arbeit ein starker Coming-of-Age-Roman.
Fazit:
Für mich ist dieses Buch eine passende Lektüre für das aufziehende warme Wetter. Der junge Klapper ist eine Figur, mit der man gerne durch die Grauen eines Teenageralltags geht und die man schnell in sein Herz schließt. Man wünscht ihm eine persönliche Entwicklung, und mit Blick auf das offene Ende würde ich gerne wissen, wie es mit ihm weitergeht. Kurt Prödel gelingt das Kunststück, die Herausforderungen eines jugendlichen Alltags zu zeigen, Dysfunktionen im Familienleben zu schildern und dabei nicht zu stark zu dramatisieren. Mit diesem Roman lesen wir eine Freundschaftsgeschichte, die immer ambivalent bleibt und deshalb tragisch und komisch zugleich ist. Sprachlich ist der Roman authentisch nah an seinen Figuren und schafft es zugleich, die entlarvenden Urteile der Jugend auf unsere Welt zu zeigen. Ich kann die Lektüre nur wärmstens empfehlen und bin mir sicher, dass dies nicht mein letztes Buch von Kurt Prödel war.
Werbung aus Liebe zum Buch
Wertung: 🐧🐧🐧🐧🐧
Titel: Klapper
ISBN: 978-3-988-16024-9 (auch als Taschenbuch erhältlich)
https://www.ullstein.de/werke/klapper/hardcover/9783988160249
