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Auf dem Blog habe ich bereits ein Buch des Autors Leif Randt besprochen, mit dessen Debüt „Leuchtspielhaus“ ich während des Studiums in Kontakt geraten bin. Er zählt zu meinen Lieblingsautoren und ich werde all seine Bücher irgendwann auf dem Blog besprochen haben. In seinem Werk widmet er sich den emotionalen und sozialen Befindlichkeiten unserer Gesellschaft und vernetzt diese mit einer besonderen ästhetischen Scharfstellung. Er gilt als einer der Chronisten der Gegenwart und ist deshalb einer der prägenden Autoren für die als „Popliteratur“ kategorisierten Bücher. In seinen Büchern schwanken die Figuren zwischen Selbstoptimierung und der Sehnsucht nach einer emotionalen Authentizität. Sein Buch „Let’s talk about feelings“ ist 2025 im Verlag Kiepenheuer und Witsch erschienen und hat hohe positive Resonanz hervorgerufen.
„Marian war gut in seinem Beruf. Er sorgte dafür, dass Menschen ihren Blick fürs Detail schärften, dass sie nach einigen Käufen bei Kenting Beach zeitgemäß aussahen, aber keinesfalls so, als passten sie sich lediglich Trends an, sondern so, als würden sie freudvoll-individuelle Antworten auf diverse Trends formulieren.“
Randt, Leif: Let’s talk about feelings, Kiepenheuer und Witsch 2025, S.188.
Im Zentrum des neuen Romans von Leif Randt steht Marian Flanders. Flanders ist 41 Jahre alt und Betreiber einer Berliner Modeboutique namens „Kenting Beach“. Gleich zu Beginn des Buches muss er den Tod seiner Mutter Carolina verarbeiten. Bei ihr handelt es sich um ein ehemaliges Fotomodell, welches ihm auch deshalb seine Vorliebe für Mode mitgegeben hat. Sein Vater war Nachrichtensprecher, und so ist Marian immer in einem Umfeld aufgewachsen, in welchem Kreative, Medienschaffende und Intellektuelle ein und ausgehen. Die Bestattung am Berliner Wannsee ist für Marian Ausgangspunkt einer emotionalen Krise. Diese besteht jedoch nicht in einer niedergeschlagenen Stimmung, sondern es verwirrt ihn, dass jeder dies erwartet, er aber eine gewisse Stabilität verspürt. Gefühle werden bei Leif Randt nie so geschildert, dass sie seine Figuren überfordern, sondern sie geben sich diesen hin oder wirken kontrolliert. Dadurch erhält auch Marian eine hohe Reflektionsebene. Doch dann läuft die Boutique schlechter und Marian konstatiert, dass seine intimen und persönlichen Beziehungen immer fragiler werden. Marian versucht sich im Experiment, neue Formen von Nähe zu erleben, und begegnet der mysteriös auftauchenden Kuba. Die sich entwickelnde Liebesbeziehung führt ihn aus seinem bisherigen Leben heraus, was sich etwa exemplarisch bei einem Besuch eines Fußballspiels im Berliner Olympiastadion zeigt. Es geht somit darum, wie Marian sich als Person nochmals anders entdeckt und wie dies auch für Veränderungen in seinem Umfeld sorgt.
„In Anwesenheit von Piet hatte Marian das Gefühl, dass er nichts zurückhalten musste, er konnte aussprechen, was ihm durch den Kopf ging, Piet würde genau zuhören und dann seine Meinung sagen, so ungefiltert und offen, dass es manchmal regelrecht wehtun konnte.“
Randt, Leif: Let’s talk about feelings, Kiepenheuer und Witsch 2025, S.30.
In diesem Zitat zeigt sich das Reflektionsniveau von Marian auch gegenüber seinem Umfeld. Ich finde es spannend, wie sein Freund Piet oder die neue Liebesbekanntschaft Kuba dafür sorgen, dass er sich neu mit sich auseinandersetzt. Piet ist zwar Teil seines gewachsenen Umfelds und fordert es doch immer wieder heraus. Nie verfällt der Roman in eine Tragik, in welcher Marian versinken könnte. Mode und ihre Ästhetik sind für ihn als Figur ein wichtiger Anker. Kleidung ist Kommunikationsmittel und ist ein Identitätsmarker, mit dem man sich aber auch einen Schutzraum schaffen kann. Marian wird von seiner Kundschaft für das feine Gefühl geschätzt, und doch wird im Roman auch Konsumkritik an bestimmten Trends deutlich. Shopping ist für einige der Kundschaft eine sinnstiftende Tätigkeit, die aber dann zu einer Konsumerschöpfung führen muss. Diese Ambivalenz des Shoppingerlebnisses tritt beeindruckend hervor. Eine Faszination für Oberflächen durchzieht die Popliteratur, doch bei Leif Randt werden diese nicht humoristisch betrachtet. Oberflächen werden zu einer tiefgreifenden Kategorie und Stil kann durchaus identitätsstabilisierend wirken. Hierin unterscheidet sich der Roman von anderen Romanen der Popliteratur. Marian ist eine Person, deren Gefühlswelt man nie genau greifen kann, obwohl er seine Gefühlswelt oft schildert und damit Einblick gewährt. Aufgrund der reflektierenden Ebene ist dies aber, wie der Titel des Romans schon signalisiert, keine Feier des Erlebens. Durch das Einarbeiten gegenwärtiger Trends verortet sich das Buch in einer uns nahen Zukunft.
„Nur wer in der Lage war, nicht in politischen Kategorien zu denken, konnte sich offen unterhalten und andere wirklich kennenlernen. Auch modisch schienen ihm jene Gesellschaften anregender zu sein, in denen es weniger klar markierte Positionen gab.“
Randt, Leif: Let’s talk about feelings, Kiepenheuer und Witsch 2025, S.157.
Politik scheint in diesem Roman eine untergeordnete Rolle zu spielen. Doch dieses Zitat offenbart, dass die Figuren sich einem Denken in politischen Kategorien fast verweigern. Ihre Lebenswelten sind gut situiert, ihre erlebten Krisen resultieren aus Beziehungsherausforderungen und nicht aus existenziellen Fragen. Es gibt eine politische Welt, die sich durch einen Fokus auf liberalem Handeln und Nachhaltigkeit auszeichnet. Durch das Negieren großer politischer Konflikte kann man die geschilderte Welt als postpolitisch empfinden. Politik wird in diesem Buch von Themen wie Selbstoptimierung, Ästhetik und einer hohen Emotionsreflexion überlagert. Randt findet dafür eine erstaunlich präzise Sprache, und für mich macht dies eine weitere Gegenwärtigkeit des Buches aus. In meinen Augen ist diese Fokussierung auf das Persönliche eine zentrale Entwicklung unserer Gesellschaft. Allerdings beobachte ich aktuell das Risiko einer gegenläufigen politischen Entwicklung, als dies im Roman geschieht.
Fazit:
Leif Randt hat sich als Autor extrem entwickelt und ist mit seiner speziellen Stilistik einer der spannendsten Autoren der gegenwärtigen Literatur. Auch sein neuestes Werk unterstreicht seine Besonderheit in der Fokussierung auf zentrale gesellschaftliche Entwicklungen, die immer mit Ästhetik verschränkt werden. Natürlich wirft sein Buch den Blick auf eine urbane Schicht und verrät damit doch viel über uns alle. Die Entwicklung seiner Hauptfigur erfolgt in präzisen kleinen Schritten und fasziniert gerade in dieser Komposition. Auch wenn der Roman ironische Passagen hat, sind alle Figuren mit viel Liebe gezeichnet und faszinieren in ihrer überraschenden Emotionalität. Sicherlich kann den einen oder anderen die stetige psychologische Intensität anstrengen, aber genau dies macht den Roman besonders. Der immer wieder mitschwingenden Melancholie wird eine überraschende Konfrontation Marians mit neuen Erfahrungen gesetzt. Gekonnt werden in diesem Roman Oberflächen zur wahren Tiefe und geben der Popliteratur nochmals einen anderen Blickwinkel. Für mich ein starkes Werk dieser literarischen Kategorie.
Werbung aus Liebe zum Buch
Wertung: 🐧🐧🐧🐧🐧
Titel: Let’s talk about feelings
ISBN: 978-3-462-00796-1
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