Randt, Leif : Leuchtspielhaus

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Im Rahmen meines literaturwissenschaftlichen Studiums habe ich mich ausgehend von den ersten popliterarischen Berührungspunkten mit Christian Kracht und Benjamin von Stuckrad-Barre weiteren Texten der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur zugewandt. Dabei bin ich auch auf Autoren gestoßen, die aus meiner Sicht bestimmte Aspekte der Popliteratur aufgreifen und literarisch weiterentwickeln. Leif Randts Debütroman „Leuchtspielhaus“, 2009 im Berlin Verlag erschienen, zählt für mich hierzu. Er wurde für dieses Buch unter anderem mit dem Nicolas-Born-Debütpreis und dem MDR-Literaturpreis ausgezeichnet und zählt für mich in der heutigen Literaturszene zu einem von mir geschätzten Autoren.

„Am Flughafen Stanstedt sehe ich keine relevanten Frisuren; nicht einmal die Plagiate von relevanten Frisuren. Im vegetarischen Breakfast liegen glänzende Pilze zwischen Beans und gerührtem Ei. Es gibt überbräunte Toastbrothälften, abgepackte Butter in Blütenform und eine gekochte Tomate. Das Airport-Café ist stark beleuchtet. Einige Reisende liegen auf den Bänken mit zusammengerollten T-Shirts über den Schlafgesichtern, andere falten ihre Arme zu Kissen. Für einen Moment halte ich das Dröhnen der Flughalle für gesammeltes Atmen.“

Randt, Leif: Leuchtspielhaus, Berlin Verlag 2010, S.115.

In diesem Zitat zeigt sich sogleich die ästhetische Qualität des Buches. Leif Randt ist ein genauer und poetischer Beobachter und lässt seinen Ich-Erzähler Eric das Erlebte mit einem ästhetischen Blick kommentieren. Erlebt im Londoner East End und betreibt dort mit Helen einen exklusiven Friseursalon, der zugleich ein sozialer Treffpunkt für Kreative ist. Die Kundschaft definiert sich über Modestil und Geschmacksurteile und orientiert sich an gewissen Trends. Zentral hierfür ist eine Sehnsucht nach der Künstlerin Bea, deren Guerilla-Aktionen gefeiert werden, aber dann abrupt enden. Es entsteht eine Suche, die auch Eric durch verschiedene Städte in einer bewusst fragmentarischen Handlung führt. Statt eines Zusteuerns auf einen dramatischen Konflikt beobachten wir eine ästhetische Bewegung. Eine zweite Erzählebene bildet Helens Drehbuch mit dem gleichlautenden Titel zum Roman. In diesen zwischendurch zu lesenden Passagen verfolgen wir eine Jugendbewegung, die, ausgestattet mit leuchtenden Energiekränzen, unterwegs ist. An diesen Kränzen kann man ihren emotionalen Zustand ablesen. Mit diesem Drehbuch wird deutlich, dass die Emotionen der Romanhandlung oftmals hinter ästhetischen Spielweisen zurückstehen. Alles in diesem Buch wird stilisiert erzählt und durch das Drehbuch ästhetisch gedoppelt.

„Seine Promo-Jobs hat er selten geliebt, aber auch nie gehasst. Die längste Anstellung hatte er in einem Getränkemarkt im Hanauer Lamboy-Viertel, doch Anvar arbeitete lieber in Kostümen, als Maskottchen eines Baumarktes oder Fabelwesen im Taunus Wunderland. Sein neuester Job machte ihn zum Frosties-Tiger.“

Randt, Leif: Leuchtspielhaus, Berlin Verlag 2010, S.16.

In diesem Zitat ist eine stilistische Nähe zur Popliteratur sichtbar. Es werden Markennamen genannt und Konsumwelten geschildert, die Teil eines Archivs der Entstehungszeit sind. Die fragmentarische Handlung und der Fokus auf Sehnsuchtsfiguren kennen wir ebenfalls aus popliterarischen Romanen. Zudem sind Erics Beobachtungen immer wieder von Ironie durchzogen. Was jedoch bei Leif Randt verschwindet, ist eine kritische Haltung seiner Hauptfigur zu bestimmten Entwicklungen um ihn herum. Leif Randt siedelt seine Geschichte in einem kreativen Milieu an. Kunst durchdringt den Alltag der Figuren und sie definieren sich über ästhetische Codes. Diese Codes können als ironische Kommentare auf eine Konsumwelt gesehen werden und ersetzen diese zugleich nur durch einen Ersatzkonsum. Die Abwesenheit der Künstlerin Bea macht diese zur Projektionsfläche. Kunst geht hier in den Figuren auf, ist in Codes reproduzierbar und damit durch Konsum anschlussfähig. Stilistisch passt sich der Roman dem vollständigen Aufgehen in der Oberfläche an, indem er sich auf präzise Beschreibungen fokussiert und wenig Gefühle seiner Figuren offenbart. Die abgebildete Lebenswirklichkeit ist eine Welt, in welcher die Finanzierung durch wohlhabende Eltern eine große Rolle spielt und somit Freiheit ermöglicht. Es besteht eine hohe Mobilität zwischen Metropolen, und doch ist diese Freiheit zugleich nur mit Trends und Lifestyle und keinen emotionalen Bindungen gefüllt. Somit ist die Kritik an dieser Lebenswirklichkeit in dieser erkennbaren Leere zu sehen.

„Helen kauft an der Theke dritte und vierte Drinks. Sie mag die Bar, weil man hier selten Freunde trifft.“

Randt, Leif: Leuchtspielhaus, Berlin Verlag 2010, S.10.

Die Figuren suchen diese Leere und den Fokus aufs Erleben. Die Faszination für Oberflächlichkeit ist mit Kleidung, Frisuren und Markenorientierung die zentrale Ausdrucksform. Die Künstlichkeit wird förmlich gesucht. Erics Erzählperspektive ist distanziert. Wir lesen eine subjektive Perspektive ohne jegliche emotionale Tiefe. Eric ist Beobachter seines eigenen Lebens und versucht nicht, dieses zu ergründen. Man muss diesem Roman und seinem ästhetischen Konzept, welches Form und Inhalt gekonnt zusammenführt, ein großes Lob aussprechen. Die poetische Sprache und die genauen Beobachtungen sind grandios gemacht. Die Drehbuchsequenzen fügen sich allerdings aus meiner Sicht nicht immer ein, auch wenn sie natürlich ein nachvollziehbarer Teil der Gesamtkonstruktion sind. Die fragmentarische Handlung strengt durchaus an, da man sich auf sie einlassen muss, ohne sie als beliebig einzustufen.

Fazit:

Mir hat dieses Buch im Studium gezeigt, wie eine ästhetische Form eine Handlung mitprägen kann. Die geschilderte Lebenswirklichkeit kreativer junger Menschen, die sich in einem reinen Interesse an Oberflächlichkeit ausleben, ist aus meiner Sicht eine für sich stehende Gesellschaftskritik. Die Konzentration auf das reine Erleben ohne große Reflexion ist Ausdruck einer entpolitisierten Welt, die ihre eigenen Gefahren hätte. Die eigenwillige Ästhetik hat mich nachhaltig beeindruckt und ich bin treuer Leser des Autors geworden. In seiner stilistischen Konsequenz verzichtet der Roman auf emotionale Figurenzeichnungen, und dies wird sicherlich viele von einer Lektüre abschrecken oder den Leseeindruck negativ werden lassen. Schlussendlich bleibt ein bemerkenswertes Debüt, das die Möglichkeiten von Literatur auslotet.

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Wertung: 🐧🐧🐧🐧🐧

Titel: Leuchtspielhaus

Aktuell nur antiquarisch erhältlich

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